Osnabrück Osnabrücker Kneipen-Protest als Kulisse: Das verbreiten junge AfD-Influencer auf Instagram
Die Osnabrücker AfD hatte am Samstag Unterstützung von reichweitenstarken AfD-Influencern aus ganz Niedersachsen. Die Protestkulisse nutzten die Jung-AfDler für ihre Social-Media-Show. Munition lieferten ihnen die linken Demonstranten.
Als die Osnabrücker AfD am Samstagmorgen in der Innenstadt ihr blaues Halbzelt aufrichtete, baute sie damit auch eine Kulisse auf. Sie diente jungen AfD-Influencern aus ganz Niedersachsen als Bühne für ihre Social-Media-Show.
Die dabei entstandenen Videoschnipsel für Instagram und Co waren womöglich sogar der eigentliche Zweck des von der AfD „Infostand“ getauften Aufbaus. Denn dass sich dort interessierte Passanten über die Partei informiert hätten, war am gesamten Morgen kaum zu beobachten. Auch wenn die Partei anderes behauptet.
Für ihren „Aktionstag“ hatte die Osnabrücker AfD „tatkräftige Unterstützung“ der AfD-Jugendgruppe Niedersachsen angekündigt. Der Einladung zum Haarmannsbrunnen gefolgt waren unter anderem Shaleen Fuller (jeweils rund 11.000 Follower auf Instagram und TikTok), Marco Eggebrecht (14.000 Follower auf Instagram) und Negina Mehryar (8000 Follower auf Instagram).
Während sich auf der anderen Seite des Herrenteichwalls rund 70 Aktivisten des Kampagnenbündnisses „Den Rechten die Räume nehmen“ mit Plakaten und Sprechchören postierten, zückten die jungen AfD-Vertreter ihre Handys und filmten. Ihre Smartphones richteten sie auf die politischen Gegner und sich selbst im Selfiemodus. „Das ist auch nicht mehr das, was mal angemeldet war“, kommentierte das Gebaren ein Polizeibeamter.
Wer sich die Social-Media-Accounts von Fuller, Mehryar und Eggebrecht anschaut, der sieht, wie sie die Ereignisse aus Osnabrück für ihre Zwecke nutzten. Zig Clips von ihrem Auftritt vor Protestkulisse sind dort zu finden. Im Kampf um die Deutungshoheit auf Social Media sind Handys zur wichtigsten Waffe der AfD geworden. Videos ihrer Accounts erreichen teils enorme Aufrufzahlen. Die Munition liefern linke Demonstranten nur allzu oft selbst mit.
So wie in einem Video von Samstag aus Osnabrück, das alle drei Jung-AfDler auf ihren reichweitenstarken Instagram-Accounts teilten. Es zeigt, wie die AfD-Vertreter „Deutschland!“ in Richtung der Demonstranten rufen und Deutschlandfahnen schwenken. „Verrecke!“, schallt es von der antifaschistischen Gegenseite. „Das ist so bezeichnend“, kommentiert Eggebrecht aus dem Off. Wer das Video abspielt, sieht eine Versammlung von Anti-AfD-Demonstranten, die sich in diesem Moment selbst delegitimieren.
Den Köder warfen die AfDler aus, aber das versammelte Protestbündnis biss an. Diese Provokationen haben bei der AfD System. „Hier mal wieder schön zu sehen, was die sogenannten ‘Verteidiger der Demokratie’ von unserem schönen Land halten“, kommentiert das Video Justin Vogel, Kreisvorsitzender der AfD in Göttingen.
Die AfD präsentiert sich in den Videos betont gut gelaunt. Die Verbissenen, sie stehen auf der anderen Seite, das könnte die Botschaft sein. Ein Beispiel: „Kein Infostand ohne unsere Fans“, kommentiert Shaleen Fuller ironisch ein Foto von sich und einer weiteren AfD-Vertreterin. Sie halten eine Deutschlandfahne zwischen sich hoch und wenden sich dem Protest im Hintergrund zu. „Da stehen sie, die Arbeitslosen, und widmen uns den Samstag“, pinnt Fuller als Kommentar daneben.
Abgesehen vom verunglimpfenden Tonfall lässt sich aus dem Post noch etwa anderes herauslesen: eine gewisse Erfahrung mit Gegendemonstrationen. Und tatsächlich sind die niedersächsischen Jung-AfDler öfter im Land unterwegs, um Infostände lokaler AfD-Verbände „tatkräftig“ zu unterstützen. Hildesheim und Göttingen standen zuletzt auf dem Reiseplan. Auch von diesen Tagen gibt es zahlreiche Videos mit AfD-Spin auf Instagram und TikTok.
Neben Handys gehörten dabei Deutschlandfahnen und Megafon zur Grundausstattung der jungen Infostand-Touristen. Oft braucht es nicht mehr, um Antifa-Aktivisten zu provozieren und die Reaktionen wiederum über Social Media verbreiten zu können. Nie war es so leicht wie heute, mit dem Handy im Selfiemodus zu filmen und damit Ausschnitte eines Ereignisses festzuhalten. Mit einem bestimmten Framing versehen, formen diese Clips mit, wie junge Menschen Politik wahrnehmen.
In einem Video aus Osnabrück filmt sich Mehryar nachmittags auf dem Weg zum „Parkhaus Rink“ im Osnabrücker Stadtteil Wüste. Vor der Kneipe fand eine Kundgebung von „Den Rechten die Räume nehmen statt“, während die eigentlich geplante AfD-Veranstaltung in der Gaststätte abgesagt worden war – aus Respekt vor dem Eigentümer des Hauses, hatte es geheißen.
Wo dieser Respekt abgeblieben war, als sich das Lokal nach und nach mit AfD-Vertretern und Partei-Sympathisanten füllte, fragte sich vermutlich nicht nur Eigentümer Lothar Rink. Die jungen AfDler hingegen sparten diesen Aspekt in ihren Instagram-Clips naturgemäß aus.
Stattdessen kommentiert Mehryar ihr Selfie-Video folgendermaßen: „Wir wollten eigentlich nur entspannt ins Lokal, etwas trinken und den Abend genießen. Stattdessen: Absperrungen, Trillerpfeifen und eine Demo direkt vor der Tür. Und das nur, weil AfDler einen ganz normalen Kneipenbesuch machen. So sieht gelebte Toleranz in einer linksgrünen Stadt aus“.
Wer nur das Video schaut und die Hintergründe des Konflikts um die Kneipe nicht kennt, läuft Gefahr, der AfD ihre Rolle abzunehmen: Parteimitglieder als Kämpfer für Freiheit und Toleranz werden zum unschuldigen Opfer linker Verdrängungskämpfe. Den Song „Freiheit“ von Westernhagen ließ die Kneipe während des Protests gleich mehrfach aus den Musikboxen erklingen.
Besonders gut laufen für die jungen AfDler indes Videos, in denen die Polizei gewaltsame Ausschreitungen von Antifa-Aktivisten im Zaum halten muss. Aus Göttingen gab es solche Aufnahmen. Osnabrück lieferte der AfD diese Bilder nicht.