Osnabrück Ein Stück Stadtgeschichte geht: Juwelier Kolkmeyer in Osnabrück schließt nach 129 Jahren
Hans-Heinrich Kolkmeyer hat unzählige Osnabrücker Ehepaare mit den passenden Ringen versorgt. Nun schließt der Juwelier Kolkmeyer „Zur Trauring-Ecke“ in der Großen Straße Osnabrück nach 129 Jahren.
Osnabrück verliert ein Stück Stadtgeschichte: Nach 129 Jahren stellt das Juweliergeschäft „Zur Trauring-Ecke“ Heinrich Kolkmeyer in der Großen Straße seinen Betrieb ein. Die Inhaberfamilie hat die Schließung nach langer Überlegung beschlossen. Damit endet eine der ältesten Einzelhandelsgeschichten der Stadt – begonnen hat sie am 1. Oktober 1896.
Die Entscheidung ist der Familie nicht leicht gefallen. In dritter Generation führt Hans-Heinrich Kolkmeyer das Geschäft seiner Eltern und Großeltern gemeinsam mit seiner Frau Erika. Weitere Familienmitglieder, etwa seine Cousine Anne-Marie von Koss, sind als Gesellschafter beteiligt. Inhaberin ist immer noch die Mutter von Hans-Heinrich, Luise Kolkmeyer, mit fast 99 Jahren. Bis vor wenigen Jahren war sie noch regelmäßig im Verkaufsraum und hat Kunden beraten. Es wird deutlich: Geschäftliches, das heißt bei Familie Kolkmeyer automatisch auch Familiäres.
Die „Trauring-Ecke“ aufzugeben, war für Hans-Heinrich Kolkmeyer daher viel mehr als eine berufliche Entscheidung: „Es ist schon traurig. Mein ganzes Leben ist ja auch das Geschäft gewesen“, sagt er im Gespräch mit der Redaktion. Aber einen anderen Weg habe es nicht gegeben.
Schließlich wird er im nächsten Jahr 75 Jahre alt – das wirft die Frage nach der Nachfolge auf. Schon länger habe sich die Familie mit dem Thema befasst. Die nächste Generation habe aber beruflich andere Karrieren eingeschlagen, ein Nachfolger sei deswegen schwierig zu finden gewesen. So reifte über Jahre hinweg die Entscheidung, einen Schlusspunkt zu setzen.
Dafür startet ab dem kommenden Donnerstag, 9. Oktober, ein Räumungsverkauf. Damit dieser gut läuft, hat das Unternehmen einen Experten für Geschäftsschließungen engagiert.
Das sei bisher die richtige Entscheidung gewesen, betont Anne-Marie von Koss, die Cousine von Geschäftsführer Hans-Heinrich Kolkmeyer. Ein Juweliergeschäft aufzulösen, sei keine leichte Aufgabe. Vieles müsse neben dem täglichen Geschäft bedacht und organisiert werden. Einer der ersten Ratschläge des Experten sei gewesen „Kaufen Sie weiter ein“, erinnert sich von Koss. Räumungsverkauf, das heiße paradoxerweise erst einmal mehr Ware einzukaufen als vorher. Nur so könnten die Schmuckstücke auch an die Kunden gebracht werden.
Um den Räumungsverkauf vorzubereiten, wird das Ladenlokal von Montag, 6. Oktober, bis Mittwoch, 8. Oktober, geschlossen. Während dieser Zeit bereiten die Mitarbeiter den Räumungsverkauf vor. Unzählige Ringe, Uhren und Ketten werden dabei einzeln unter die Lupe genommen und mit einem neuen Preis bewertet. Zudem wird einiges im Geschäft umgestaltet. Am Donnerstag, 9. Oktober, soll es dann losgehen. Wann die Türen endgültig geschlossen werden, sei derzeit noch unklar. Voraussichtlich bleibt der Juwelier aber noch bis ins nächste Jahr geöffnet.
Für die Kolkmeyers endet dann ein Stück Familiengeschichte. Das Geschäft in Osnabrück war für sie nie nur ein Ladenlokal, sondern auch ihr Zuhause. Seit 1953 war im Erdgeschoss der Großen Straße 33 der Verkaufsraum, im ersten Geschoss die Uhrmacherwerkstatt und darüber die Familienwohnung der Kolkmeyers gelegen. Hans-Heinrich und seine Cousine Anne-Marie sind hier aufgewachsen. Entsprechend hoch ist auch die emotionale Verbindung.
Gegründet wurde das Geschäft allerdings ein paar Meter weiter – vom Uhrmacher Heinrich Kolkmeyer. Er hatte sein Handwerk in Osnabrück gelernt und auf Wanderjahren unter anderem in Wien, Leipzig und Basel verfeinert. In der Großen Straße 30 eröffnete er 1896 ein eigenes Ladengeschäft. Schnell wurde das Angebot ausgebaut, bald kam neben Uhren auch Schmuck hinzu – besonders Trauringe entwickelten sich zu einem Markenzeichen.
1903 bezog die Familie das Nachbarhaus Große Straße 31. Dort entstand ein dreigeschossiges Wohn- und Geschäftshaus. Die Werkstatt wurde ausgebaut, das Sortiment erweitert. Später ließ die Familie den Zusatz „Zur Trauring-Ecke“ offiziell ins Handelsregister eintragen. Er blieb bis heute bestehen.
1934 starb der Firmengründer. Statt ihres ältesten Bruders Erwin übernahmen die Söhne Heinrich und Ernst Kolkmeyer das Geschäft ihrer Eltern. Erwin Kolkmeyer hingegen hatte bereits 1924 in den Osnabrücker Uhrenmacherbetrieb der Familie Schulze in der Georgsstraße eingeheiratet und trat in Konkurrenz zum Familiengeschäft. Bis heute führt das zur landläufigen Meinung, beide Geschäfte seien Teil eines Unternehmens, was allerdings nicht der Fall ist.
Heinrich und Ernst distanzierten sich während der NS-Zeit von ihrem Bruder Erwin, der ein fanatischer und stadtbekannter Nationalsozialist wurde, berichtet Anne-Marie. Schon damals hätten sich beide Familienzweige auseinandergelebt und die Verbindungen gekappt. Bis heute gebe es mit der Verwandtschaft um Erwin Kolkmeyer kaum privaten Kontakt. Allerdings habe man geschäftlich hin und wieder mit den verwandten Kollegen aus der Georgsstraße zu tun und immer einen netten Umgang gepflegt: „Die heutigen Generationen können ja auch gar nichts dafür, was damals gewesen ist“, sagt Anne-Marie.
Der Zweite Weltkrieg traf das Haus schwer. Der Bombenangriff am Palmsonntag 1945 zerstörte das Gebäude fast vollständig. Die Familie arbeitete zunächst provisorisch weiter – in einem Wohnhaus in der Dielinger Straße und später in einem Notbau in der Großen Straße. Erst 1954 konnte der Neubau in der Große Straße 33 bezogen werden. Dort befindet sich das Geschäft bis heute.
Hans-Heinrich Kolkmeyer führt das Unternehmen seit den 1970er-Jahren. Er ist gelernter Uhrmachermeister, Diamantgutachter und Gemmologe, war in Onsabrück ehrenamtlich als Obermeister der Uhrmacherinnung und stellvertretender Präsident des Bundesverbands der Juweliere tätig. In diesem Jahr feiert er sein goldenes Jubiläum: 50 Jahre Uhrmachermeister – nach all den Jahren und vielen Erinnerungen soll bald Schluss sein.
Über ein Jahrhundert war Kolkmeyer in der Großen Straße ein fester Bestandteil der Osnabrücker Innenstadt. Mit der Schließung verschwindet nicht nur ein Fachgeschäft für Uhren und Schmuck, sondern auch ein kleines Stück Stadtgeschichte.