Osnabrück  Offener Brief zur Ödipus-Absage: Strukturen im Osnabrücker Theater wie im Kaiserreich?

Markus Pöhlking
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Von Markus Pöhlking
| 06.10.2025 15:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Im Sommer 2025 machte das Theater Osnabrück bundesweit Schlagzeilen. Grund war die Absetzung eines Stückes durch die Intendanz. Foto: Eva Kowalski
Im Sommer 2025 machte das Theater Osnabrück bundesweit Schlagzeilen. Grund war die Absetzung eines Stückes durch die Intendanz. Foto: Eva Kowalski
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In einem offenen Brief an die Oberbürgermeisterin und an den Rat fordern hunderte Unterzeichner eine Debatte über die Strukturen am Theater. Anlass ist die Absage des Stücks „Ödipus Exzellenz“ zur aktuellen Spielzeit. Sie sei Folge eines überkommenen Hierarchiegefüges.

Verharrt das Osnabrücker Theater strukturell im frühen 20. Jahrhundert? Das zumindest formulieren drei Autoren eines offenen Briefes an Oberbürgermeisterin Katharina Pötter und an die Mitglieder des Stadtrates. Anlass für das von hunderten Unterstützern unterzeichnete Schreiben lieferte die Absage des Stückes „Ödipus Exzellenz“ zur laufenden Spielzeit. Ein Vorgang, der auf überkommene Strukturen am Theater verweise, meinen die Verfasser. Sie fordern eine politische Debatte über Entscheidungs- und Arbeitsstrukturen an den Städtischen Bühnen.

Die würden zu stark durch die Intendanz – eine einzige Person also – geprägt. Die sei nicht allein für die künstlerische Leitung verantwortlich, sondern auch dafür, die Kunstfreiheit zu bewahren. Das Theater, so schreiben es die Verfasser, sei schließlich ein „Ort der Gemeinschaft, des Zusammenkommens, des Gesprächs und des Streits“; es könne zudem ein Ort für eine „lebendige Demokratie mit all ihren Widersprüchen sein“. Dazu allerdings bedürfe es eine Intendanz, die sicherstellt, dass das Theater letztlich ein Raum für die ganze Gesellschaft ist.

Dass Osnabrücks Intendant Ulrich Mokrusch seine Rolle entsprechend verstehe, bezweifeln die Verfasser des Briefes. Es handelt sich dabei um die Osnabrücker Künstlerin und Kulturmanagerin Elisabeth Lumme, Katrin Mundt, Co-Leiterin des European Media Art Festivals und um den Kunst- und Theatervermittler Simon Niemann. Bislang hat das Schreiben 617 Unterzeichner. Unter ihnen: Eine ganze Reihe von Schauspielern des Theaters, aber auch viele Personen, die augenscheinlich keinen engeren Bezug zur Region oder zur Osnabrücker Kulturszene haben.

Dennoch tragen sie die Vorwürfe mit, die die Unterzeichner gegen Mokrusch formulieren: Dessen Agieren im Fall des Stückes „Ödipus Exzellenz“ belege, dass der Intendant ein „anderes Verständnis“ von Theater habe.

Das Stück, in dem es um Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche geht, sollte eigentlich die laufende Spielzeit eröffnen. Im Juni, also vor der Sommerpause des Theaters, setzte Mokrusch das Stück allerdings ab. Vorausgegangen waren Differenzen zwischen dem Intendanten und Regisseur Lorenz Nolting. Im Kern ging es dabei um eine Szene, in der Nolting auf der Theaterbühne einen Gottesdienst inszenieren wollte.

Ein Ansinnen, das Mokrusch nach eigenen Angaben ästhetisch und künstlerisch „unterkomplex“ empfand. Der Dissens um jene Szene riss offenbar Gräben zwischen dem Intendanten auf der einen und Regisseur und Ensemble auf der anderen Seite auf, die nicht mehr zu überbrücken waren. In der Folge kippte Mokrusch das ganze Stück, dessen Richtung er ursprünglich durchaus unterstützt hatte. Die Art und Weise, wie Mokrusch seine Entscheidung kommunizierte, dürfte dabei wohl mindestens unglücklich gewesen sein: So kursiert seit Wochen die Darstellung, Mokrusch habe erklärt, sein Publikum „schützen“ zu wollen. Der Intendant selbst hat ihr bislang nicht klar widersprochen.

Die Autoren des offenen Briefes interpretieren die Vorgänge als Bevormundung des Publikums und der Gesellschaft durch den Intendanten. „Brauchen und wollen wir diesen Schutz?“, fragen und sie und beklagen: Der Intendant habe durch sein Vorgehen nicht nur „Mitarbeitende des Theaters, das entlassene Regieteam und Betroffene übergangen.“ Vielmehr sei auch die Öffentlichkeit von einer entsprechenden Debatte ausgeschlossen worden.

Der Fall Ödipus verweise dabei auf ein strukturelles Problem im Theater: Die Machtfülle des Intendanten, die hierarchische Organisation des Theaters – beides sei längst überkommen. Gestützt auf die Studie „Macht und Struktur im Theater“ des Frankfurter Professors Thomas Schmidt legen sie dar, dass sich Strukturen im Theaterbetrieb seit der Zeit um 1900 kaum verändert hätten. Der „Skandal“ um den Ödipus müsse in Osnabrück nun Anlass sein, Debatten um Machtstrukturen im Theater auch auf die politische Bühne zu hieven.

Weiter fordern die Verfasser, die Politik solle sich für neue Beteiligungsmöglichkeiten und für eine Demokratisierung des Theaters einsetzen und sich klar zur Kunstfreiheit bekennen. Zudem solle in der Diskussion um den Ödipus die Perspektive derer stärker berücksichtigt werden, die Opfer sexualisierter Gewalt in der Kirche wurden.

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