Osnabrück  Trotz Geldnot: Filmfest Osnabrück feiert in turbulenten Zeiten 40. Geburtstag

Ralf Döring
|
Von Ralf Döring
| 07.10.2025 07:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Blickt trotz schwieriger Zeiten optimistisch in die Zukunft: Filmfestleiterin Julia Scheck Foto: Denise Matthey
Blickt trotz schwieriger Zeiten optimistisch in die Zukunft: Filmfestleiterin Julia Scheck Foto: Denise Matthey
Artikel teilen:

Am Dienstag, 7. Oktober, startet das Filmfest Osnabrück. Das Programm ist gewohnt politisch engagiert, und das seit langer Zeit: Das Festival feiert in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag.

Über 40 Jahre Filmfest freut sich Julia Scheck sichtlich. „Mehr als 3000 Filme sind da gelaufen“, sagt sie, und: „40 Jahre als freier Kulturträger“ – in der Tat: Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und natürlich waren diese 40 Jahre keine durchgehende Erfolgsgeschichte von permanentem Wachstum. Immer wieder gab es Phasen, in denen das Osnabrücker Filmfestival auf der Kippe stand: weil die Stadt Zuschüsse strich oder die Nordmedia, die Institution, die der Staatskanzlei in Hannover zugeordnet ist, und die über Landeszuschüsse befindet. Aber das Filmfest ist immer zäh gewesen und hat sich auch unter widrigen Umständen behauptet.

Daraus ist ein gewissermaßen institutionelles Selbstbewusstsein entstanden – und das braucht das Filmfest gegenwärtig mehr denn je. Denn die Situation ist alles andere als rosig. Derzeit liegt ein neuer Zuschussvertrag auf dem Tisch der Kulturverwaltung und der politischen Gremien der Stadt. 100.000 Euro hatte Scheck für ihr Festival ab 2026 beantragt, mit einer Laufzeit von drei Jahren. Der Gegenvorschlag, über den die Kulturpolitiker zunächst diskutierten, sah vor, die Antragssumme auf dem Stand des Jahres 2025 einzufrieren – dazu gleich mehr – und die Laufzeit auf ein Jahr zu begrenzen.

Das Filmfest ist dabei kein Einzelfall; die Regelung sollte auf alle Zuschussverträge angewandt werden, deren Verlängerung ansteht. Der Fachbereich Kultur der Stadt skizzierte damit dem Kulturausschuss und später dem Rat ein Worst-Case-Szenario mit Folgen: Verträge mit einjähriger Laufzeit müssen alljährlich neu gestellt und neu bearbeitet werden – ein Aufwand, den die Kulturverwaltung nicht leisten kann und noch weniger Institutionen wie das Filmfest. Immerhin: Mittlerweile wird wieder über einen Dreijahresvertrag diskutiert. Aber auf dem finanziellen Niveau von 2025.

Von „Einfrieren“ will Scheck in diesem Zusammenhang nicht reden. „Eigentlich ist es eine Reduzierung des Zuschusses, denn alles wird teurer“, sagt sie. „Allein zwischen 2023 und 2025 ist der Mindestlohn dreimal gestiegen. Die Energiekosten auch, und sogar der Papiermangel hat uns getroffen.“

Auch anderen Unterstützern sitzt das Geld nicht mehr so locker. Stiftungen, der Landschaftsverband, private Sponsoren: Sie alle leisten seit jeher einen erheblichen Beitrag zur Finanzierung des kulturellen Lebens. Das setzt aber in aller Regel eine Basisfinanzierung durch die Kommune voraus. Und die hat immer weniger Geld zur Verfügung – der Anteil des Kulturetats am städtischen Gesamthaushalt macht mittlerweile nur noch rund vier Prozent aus. Es gab Zeiten, da betrug er sechs oder sieben Prozent.

Damit schlüge jetzt eigentlich die Stunde der Stiftungen und Mäzene. Die werden jedoch mit Anträgen überhäuft, können aber nicht mehr Geld ausschütten. Die Folge: Einzelne Einrichtungen bekommen weniger. Die natürliche Konsequenz müsste sein: Die Kulturinstitutionen reduzieren ihr Angebot. Und das könnte der Beginn einer schleichenden Auszehrung sein, drastischer ausgedrückt: ein Tod auf Raten.

Das Filmfest geht den umgekehrten Weg. Im letzten Jahr hatte das Team um Leiterin Julia Scheck das Festival um einen Tag verlängert, und das soll auch so bleiben: Das Filmfest Osnabrück beginnt an diesem Dienstag, 7. Oktober, und dauert bis Sonntag, 12. Oktober. In diesem Zeitraum zeigt das Team insgesamt 70 Filme, davon 28 Langfilme.

Das Programm ist dabei gewohnt politisch engagiert und nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise durch die Welt. Dabei kristallisieren sich sechs Themenschwerpunkte heraus: Wandel, Schule in Kriegszeiten, Spuren der Zeit, Familienbanden, Einsamkeit und Subkulturen. „Mr. Nobody Against Putin“ zeigt, wie ein Lehrer sich gegen das Moskauer Regime auflehnt (Fr., 10. Oktober, 20 Uhr, Haus der Jugend), „Fiume o morte!“ befasst sich mit der Zeit, als Gabriele D‘Annunzio die kroatische Stadt Rijeka in einen unabhängigen Staat verwandeln wollte (Do. 9. Oktober, 17.30 Uhr, Haus der Jugend). „Zirkuskind“, ein Film auch für Kinder ab 7 Jahren, begleitet den jungen Santino durch sein Leben als Kind, der im Zirkus seiner Eltern durchs Leben und durchs Land reist (Mi. 8. Oktober, 17.30 Uhr, Haus der Jugend).

Das dänische Drama „Home Sweet Home“ befasst sich mit Altenpflege und Einsamkeit (Fr., 10. Oktober, 15 Uhr, Lagerhalle), „Yalla Parkour“ begleitet den Jungen Ahmed, der in Nablus in Palästina im Parcourssport die Chance erkennt, seiner vom Krieg zerstörten Heimat zu entfliehen (Fr. 10. Oktober, 17.30 Uhr, Lagerhalle).

Allein diese kleine Auswahl dokumentiert die internationale Ausrichtung des Filmfests. Und dass dem seit jeher so ist, dokumentiert ein Projekt des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (Imis) der Universität Osnabrück. Das Imis hat sich mit dem Thema Migration im Film befasst und wissenschaftlich aufgearbeitet, wie sich dieses Thema durch 40 Jahre Festivalgeschichte zieht.

Damit zeigt das Filmfest, wie es kontinuierlich am Puls der Zeit bleibt. Vor Rückschlägen bewahrt das allerdings nicht: In diesem Jahr muss der Friedensfilmpreis undotiert vergeben werden, weil sich kein Sponsor gefunden hat, der die rund 30.000 Euro dafür aufbringt. Ihren Optimismus lässt sich Julia Scheck dadurch nicht nehmen. Und das ist sicher – neben dem Programm – eine gute Nachricht fürs diesjährige Filmfest Osnabrück.

Ähnliche Artikel