Hohe Gebühren belasten Tierschutzhof  Rettung gelungen, Kuh trotzdem tot

| | 06.10.2025 19:05 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Auf dem Tierschutzhof von Jenny Conrad finden Tiere ein sicheres Zuhause – noch. Foto: Rilana Kubassa
Auf dem Tierschutzhof von Jenny Conrad finden Tiere ein sicheres Zuhause – noch. Foto: Rilana Kubassa
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Im April 2025 sank eine von Jenny Conrads Kühen im Schlamm ein. Das Technische Hilfswerk und die Feuerwehr Wiesmoor kamen, um die Kuh zu befreien. Die Kosten waren zunächst ein Schock.

Wiesmoor - Jenny Conrad (42) vom Lebens- und Tierschutzhof „Kleine Streuner“ in Wiesmoor ist den Tränen nahe, als sie erzählt, wie sie nach einem Rettungseinsatz neben einer Kuh, die noch immer nicht aufstehen konnte, nachts draußen Wache hielt und sie mit einer Decke wärmte.

Denn überstanden hat das Tier die Nacht nicht. „Sie hat wohl versucht aufzustehen und ist dabei noch mal eingesunken“, erzählt sie. Dabei sei das Tier schließlich gestorben. Für den Einsatz der Feuerwehr Wiesmoor soll sie jetzt knapp 900 Euro zahlen. Geld, das sie nicht hat – für einen Einsatz, den sie so nicht angefordert habe, wie sie sagt.

Den Tieren geht es gut auf dem Tierschutzhof. Foto: Rilana Kubassa
Den Tieren geht es gut auf dem Tierschutzhof. Foto: Rilana Kubassa

Kuh Leni steckte im Schlamm fest

Doch von vorn: Der Vorfall, um den es geht, ereignete sich Anfang April 2025.

„Die Kuh ist an einer weichen Stelle im Schlamm eingesunken. Wir haben erst selber versucht, sie herauszuziehen, aber das ging nicht“, erinnert sich Conrad, die seit 2010 den Tierschutzhof „Kleine Streuner“ führt.

Das Tier, um das es geht, war groß, eine sogenannte Zwitterkuh von einer guten Tonne Gewicht. Leni, wie sie auf dem Hof hieß, war unfruchtbar und hätte als Kalb sterben sollen, weil sie für einen Milchviehbetrieb nicht zu gebrauchen gewesen wäre, erzählt Conrad. Also nahm sie sie bei sich auf. Tiere aufnehmen, auf die sonst der Tod gewartet hätte – das ist das Konzept des Tierschutzhofes. Finanziert wird er ausschließlich aus Spenden. Seit September 2025 ist der Verein „Animal Rebels“ eingetragen. Auf dem Hof leben etwa 230 Tiere, darunter Schweine, Pferde, Esel, Kühe, Enten, Gänse, Kaninchen, Katzen und Hunde. Genügend Auslauf haben die Tiere auf etwa fünf Hektar Land. Doch der Moorboden ist weich – und nass. Der schweren Leni, die zudem unter einer Herzinsuffizienz litt und Antibiotika bekam, wie Conrad berichtet, wurde der weiche Boden zum Verhängnis. Dabei sei es zu der Zeit eher trocken gewesen – und an eben dieser Stelle sei noch nie ein Tier eingesunken, sagt Conrad.

Den Schweinen geht es gut auf dem Tierschutzhof – aber es sind zu viele, sagt Jenny Conrad. Foto: Rilana Kubassa
Den Schweinen geht es gut auf dem Tierschutzhof – aber es sind zu viele, sagt Jenny Conrad. Foto: Rilana Kubassa

THW, Feuerwehr und Traktor kamen zum Einsatz

Großtierrettung, das ist in der Regel ein Fall für die Feuerwehr. Doch die habe sie bewusst nicht gerufen, da sie in der Vergangenheit schon mal für einen Einsatz habe zahlen müssen, sagt Conrad. „Da war ich damals schon erschrocken gewesen, dass das so teuer ist, weil ich nicht wusste, dass das Geld kostet“, erzählt sie gegenüber der Redaktion. Also habe sie das Technische Hilfswerk (THW) Wilhelmshaven gerufen. Im Rahmen einer Übung, für die die Tierschützerin nicht zahlen musste, versuchten die Helfer, das Tier zu befreien. Als das nach mehreren Stunden nicht gelang, rief das THW schließlich die Feuerwehr Wiesmoor dazu.

„Wir brauchten nur einen Gurt, um die Kuh rauszuziehen“, sagt Conrad. Doch die Feuerwehr rückte mit vier Einsatzfahrzeugen und 15 Mann an. Laut Stadtverwaltung entscheidet nicht der Anrufer, was zum Einsatz kommt, sondern das Einsatzstichwort bestimmt durch die Alarm- und Ausrückordnung, welche Fahrzeuge zum Einsatzort fahren. Vor Ort entscheide der Einsatzleiter, was gebraucht werde. Laut Conrad war keins der Fahrzeuge geeignet für den weichen Boden. „Die Kuh war weitab von einer befestigten Straße in einer Schlammkuhle eingesackt“, erinnert sich auch der Sprecher der Feuerwehr, Jan-Marco Bienhoff, der bei dem Einsatz dabei war. Erst mithilfe eines Traktors, der zusätzlich organisiert worden sei, konnte die Kuh schließlich aus dem Schlamm befreit werden, erzählt er auf Nachfrage der Redaktion.

Leni wurde gerettet und starb kurz darauf

Für die Feuerwehr Wiesmoor war der Fall nach dem Befreien des Tiers aus der „akuten Gefahr“ erledigt. Seiner Einschätzung nach sei das Tier in keinem guten Allgemeinzustand gewesen. Doch das Tier in den Stall zurückzubringen und am besten noch zu bürsten sei nicht Aufgabe der Feuerwehr. „Das Tier aus dem unmittelbaren Gefahrenraum zu bringen, das ist unsere Aufgabe“, sagt er. Danach sei es Aufgabe des Halters, sich um das Tier zu kümmern. Zudem sei kein Tierarzt vor Ort gewesen, wie sonst üblich bei derartigen Großtiereinsätzen. Dieser werde in der Regel von der Leitstelle der Feuerwehr gerufen. „Den meisten Tieren geht es gut nach einem Einsatz“, so Bienhoff.

Conrad berichtet, dass sie das schwere Tier ohne Hilfe nicht bewegen konnte. Weil die Kuh nicht aufstehen konnte, habe sie in der Nacht bei ihr gewacht, erzählt sie. Am nächsten Vormittag sei Leni gestorben. Für sie wäre das vermeidbar gewesen, wenn die Kuh nicht direkt neben der Stelle, wo sie eingesunken war, wieder abgesetzt worden wäre. „Sie haben sie nur zwei Meter weiter gezogen.“

Hohe Einsatzkosten waren ein Schock

Doch nicht nur der Verlust der Kuh, auch die Rechnung der Feuerwehr macht Conrad zu schaffen. Noch im April 2025 forderte die Stadt Wiesmoor knapp 5700 Euro für den Einsatz, der etwa 45 Minuten dauerte, wie die Stadtverwaltung auf Anfrage schreibt. Nachdem Conrad darum gebeten habe, „die Kosten vollständig zu senken“, seien die Kosten nach unten korrigiert worden, auf den „geschätzten Wert des Tiers“. Laut Kostenbescheid vom 24. September 2025 soll Conrad nun noch knapp 900 Euro für die Rettungsaktion zahlen.

Für die Tierschützerin ist das noch immer zu viel, wie sie sagt. Rund 2000 Euro koste allein das Futter pro Monat, dafür reichten die Spenden und das, was Conrad bei der Mitbetreuung eines Pflegekindes verdiene, gerade so. „So eine Rechnung für einen Verein ohne Einnahmen ist ein Unding für uns“, sagt sie. „Wenn ich jetzt noch 900 Euro für die Rettung bezahlen soll, kann ich kein Futter mehr kaufen.“

Lebenshof erhält viele Anfragen

Nicht überall kosten Tierrettungen Geld. Wofür Kosten anfallen, entscheiden die Kommunen selbst. Aus der Satzung der Feuerwehr Wiesmoor geht jedoch hervor, dass Einsätze zur Tierrettung, also das „Einfangen, Transport und Inobhutnahme von Tieren, Bergen und Transport von Tierkadavern, Abwehr von Gefahren durch Bienen, Wespen und in ähnlichen Fällen“ gebührenpflichtig sind. Zudem wurden die Gebühren durch die Stadt Wiesmoor kürzlich deutlich erhöht.

Wegen des nassen Bodens sucht Conrad jetzt nach einem neuen Ort für ihren Lebenshof. Ans Aufhören denkt sie nicht. Dass sie immer wieder Anfragen für die Aufnahme weiterer Tiere erhält, bestätigt für sie ihren Einsatz für Tiere, die zu klein, zu schwach oder anderweitig unpassend sind und deshalb in den meisten Fällen getötet werden.

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