Osnabrück  Anklage zu Femiziden auf der Laienbühne: Deshalb opfern Osnabrücker ihre Freizeit für Schauspiel  

Matthias Liedtke
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Von Matthias Liedtke
| 08.10.2025 07:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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Es ist ein düsteres, aber leider reales Thema, das das Ensemble des Zimmertheaters Osnabrück auf die Bühne bringt: Es geht um einen Femizid. Das Besondere: Die Schauspielschar besteht nahezu nur aus Laien.

Im Durchschnitt alle 72 Stunden wird in Deutschland eine Frau ermordet – allein deswegen, weil sie eine Frau ist. Die Autorin Barbara Plagg hat über diese sogenannten Femizide ein mit dieser Zahl betiteltes Stück geschrieben. Die Osnabrücker Regie-Debütantin Michaela Kern hat sich dessen angenommen. Da die Vielzahl der Figuren die Größe des Zimmertheater-Amateurensembles übersteigt, wurden Anfang des Jahres auch über die NOZ Osnabrücker dazu aufgerufen, mitzumachen.

Mit großem Erfolg: 35 Menschen haben für die sechs offenen Rollen vorgesprochen, erzählt der Hauptdarsteller Adam Dechant, der selbst im Stück jenen ominösen Inspektor spielt, der bei Nachbarn, Vertretern von Kirche, Politik, Justiz, Presse, Polizei und Jugend zu einem Femizid recherchiert. Szene für Szene wird das brisante Thema von allen Seiten beleuchtet – oder auch verdunkelt. Denn es geht viel um Vertuschung, Verharmlosung und Täter-Opfer-Umkehr.

Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Opfer, Verständnis für die Täter und ein entsprechend geringes Interesse an wirklicher Aufklärung: All das schimmert in dem starken, eindringlichen Text durch, den das Zimmertheater in Osnabrücker Uraufführung auf die Amateurbühne bringt. Auch wenn sich bei der großen „Pressekonferenz“ am Ende alle einig sind, dass Zurückweisung kein Grund für einen Mord sein kann.

Eine von den insgesamt elf Rollen hat Thomas Stüke inne. Eigentlich erschafft der 63-Jährige in Schledehausen kunstvolle Keramik. Theater hat er zum letzten Mal vor 50 Jahren in der Schule gespielt. Den Aufruf in der Zeitung nahm er aber zum Anlass, es noch einmal zu versuchen. Ganz nach dem Motto „Besser spät als gar nicht“. Nun steht er als beschwichtigender Pfarrer auf der Bühne, der einen Frauenmord mit den „unergründlichen Wegen des Herrn“ rechtfertigt. Und ist selbst überrascht, wie viel Spaß ihm das gemacht hat. Das Publikum merkt dank seines leidenschaftlichen Spiels die jahrzehntelange Unerfahrenheit kaum an.

Wesentlich näher dran an ihrer letzten Theatererfahrung ist die 17-jährige Anna-Maria Haschke. Die jüngste im „72 Stunden“-Ensemble hat bereits nicht nur in der Schule Theater gespielt, sondern auch in diversen Jugendgruppen des Stadttheaters, an dem auch ihr Vater als Schauspieler tätig ist. Auch ihr Mitspieler Manuel Richter ist kein Neuling auf der Bühne. Ihre erste Theaterrolle spielt dagegen Maida Schlenter. Die 22-Jährige hatte über ihre Mutter von dem Amateurprojekt erfahren.  

Die Seiten gewechselt hat Michaela Kern. Die 58-jährige Leiterin eines Bio-Ladens am Dümmer See war bislang nur Zuschauerin, bevor sie auf Bitte und in Absprache mit Dechent die Regie für „72 Stunden“ übernommen hat. Ambitionen, selbst einmal als Schauspielerin auf der Bühne zu stehen, verfolgt sie aber nicht. Mit ihrer Rolle als Gretel in Grimms Märchen damals in der vierten Klasse habe sich das erledigt, sagt sie.

Instinktiv habe sie beim Casting für das dialoglastige Kammerspiel gewusst, wer für welche Rolle infrage kommt, verrät Kern. Neben dem Pfarrer und den drei Jugendlichen sind auch Jens Tegeler als Lokalpolitiker (mit Musical-Erfahrung) und Anke Kuhn-Schneider als Polizeiassistentin (ohne Vorerfahrung) neu im Ensemble. Ob es bei dieser erweiterten  personellen Stärke bleiben wird, steht vorerst noch in den Sternen. Eine nächste Produktion können sich aber alle Beteiligten gut vorstellen.

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