Osnabrück Nach der „Ödipus“-Absage: Was jetzt am Theater Osnabrück passieren muss
Ein offener Brief fordert nach der „Ödipus Exzellenz“-Absage am Theater Osnabrück politische Debatten über Entscheidungsstrukturen. Der Aufsichtsrat hat reagiert.
Ein offener Brief fordert, die Debatte um die abgesagte „Ödipus Exzellenz“-Produktion am Theater Osnabrück weiterzuführen. Der Aufsichtsrat hat darauf reagiert. Doch was ist jetzt wichtig? Eine Analyse.
Mal angenommen, am 31. August hätte die Premiere von „Ödipus Exzellenz“ die neue Spielzeit eröffnet. Das Stück wäre sicher zum „Must See“ für die Osnabrücker Theaterfreunde geworden, geht es in dem Stück doch um den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.
Deshalb und sicher auch wegen des aufstrebenden jungen Theatermanns Lorenz Nolting, der das Stück inszeniert, wäre die überregionale Fachpresse vor Ort gewesen. Im Nachgang hätte es womöglich sachkundig euphorische Hymnen oder Totalverrisse gegeben. Dann wäre der überregionale Rummel vorbei gewesen; bei den weiteren Vorstellungen bis 19. Oktober wäre Osnabrück weitestgehend unter sich geblieben.
Nur: Zur Premiere ist es nicht gekommen. Intendant Ulrich Mokrusch hatte einen nachgestellten Gottesdienst auf der Bühne verboten. Daran entzündete sich ein Streit, der letztlich zur Trennung führte: Der Vertrag zwischen dem Theater und Nolting wurde aufgelöst.
Aber so widersinnig es klingt: Dafür müsste Nolting dem Intendanten eigentlich dankbar sein. Denn die überregionale Kulturpresse verband mit der Absage die Frage nach der Kunstfreiheit und machte Nolting zum Protagonisten eines Presserummels. Er bekam jede Menge Aufmerksamkeit, und zwar ganz ohne Verriss-Risiko.
Doch wie das so ist: Auch die größte Aufregung klingt irgendwann ab wie der Kater nach einer rauschenden Premierenfeier. Das scheint auch im Fall von „Ödipus“ so gewesen zu sein: Der neue Generalmusikdirektor Christopher Lichtenstein wurde zum Thema des Tages; vergessen der Streit, vergessen der Anlass der ganzen Affäre, den eh niemand verstanden hatte: Was hatte Mokrusch gegen einen Gottesdienst auf der Bühne?
Vergessen schienen auch die Befürchtungen um die Kunstfreiheit, die viele diesmal nicht von außen bedroht sahen – wie letztes Jahr im Falle der Süßmilch-Ausstellung in der Kunsthalle –, sondern von innen. Von einem allmächtigen Intendanten, der eine wichtige Theaterproduktion verhindert hat, weil er – angeblich – sein Publikum schützen müsse.
Doch nicht alle haben den Vorfall gedanklich abgehakt. Im Sommer verfolgten an die 200 Bürger sehr aufmerksam eine Demonstration vor dem Theater, die Nolting zusammen mit der Giordano Bruno Stiftung veranstaltete. Aus diesem Kreis hat sich eine „Arbeitsgruppe Strukturwandel Kunst und Kultur“ formiert, die sich nun mit einem offenen Brief an Oberbürgermeisterin Katharina Pötter und an die im Rat vertretenen Fraktionen von CDU, SPD, FDP, Grünen und Linken gewandt hat.
Darin fordern die Autorinnen Elisabeth Lumme, Katrin Mundt und Simon Nieman die „aktuellen Ereignisse um die Absage der Produktion ,Ödipus Exzellenz‘ am Theater Osnabrück auf politischer Ebene zu diskutieren“. Außerdem fordern sie „eine grundsätzliche politische Debatte über die Entscheidungs- und Arbeitsstrukturen an den Städtischen Bühnen.“
Nicht alle Argumente und Belege sind stichhaltig. Der Brief wiederholt die Kritik an Mokruschs Vorgehen, lässt dabei aber die Metamorphose der Geschichte außer acht: Was als Streit über künstlerische und inhaltliche Fragen zwischen Mokrusch und Nolting begann, endete als Verwaltungsakt. Denn nachdem Nolting den Intendanten vom Probenprozess ausschließen wollte, blieb diesem als Gesamtverantwortlichen für das Theater Osnabrück keine andere Wahl, als den Vertrag mit Nolting aufzulösen.
Dennoch: Ausgelöst hat die Misere Mokruschs kategorisches Verbot der Gottesdienstszene. Durchsetzen konnte er das, weil ihn die Strukturen am Theater mit der nötigen Macht ausstatten – nicht allein die Strukturen am Theater Osnabrück, sondern die des Theatersystems, wie es sich im deutschsprachigen Raum Anfang des 20. Jahrhunderts konstituiert hat. Und damit stellt der offene Brief die wesentlich wichtigere Frage: Was kann derartige Alleingänge künftig verhindern? Darüber muss Osnabrück nun debattieren – im Theater, in der Politik, in der Gesellschaft. Darüber und über all die Fragen, die damit zusammenhängen.
Nolting hatte im Sommer auf der Demo ganz deutlich gesagt, dass „Ödipus Exzellenz“ in Osnabrück nicht auf die Bühne kommen wird und betont: nicht mit diesem Intendanten. Trotzdem, nein: gerade deswegen darf „Ödipus Exzellenz“ in der Diskussion keine Rolle mehr spielen – so bedauerlich das ist, fürs Publikum, für Betroffene von sexualisierter Gewalt in der Kirche, denen die Absage den Kommunikationsraum Theater genommen hat.
Die gute Nachricht: Im Theater hat der Aufarbeitungsprozess hinter der Bühne begonnen. Das schreibt der Aufsichtsrat des Theaters in einer Reaktion auf den offenen Brief, und Beleg dafür sind die vielen Ensemblemitglieder unter den über 600 Unterzeichnern des offenen Briefes – die Theaterstrukturen verhindern, dass sich Künstler am Theater mit ihren Anliegen in die Öffentlichkeit wagen. Was Teil des Problems ist.
Aber wie man sich zur Paartherapie nicht im Wirtshaus verabredet, so gehört zumindest der sensible Start der Aufarbeitung am Theater auch nicht in die Öffentlichkeit. Für Leitung und Ensemble geht es jetzt um nichts Geringeres, als die Scherben ihres zerbrochenen Verhältnisses wegzuräumen und den Neuanfang zu starten. Das geht nur hinter verschlossenen Türen.
Aber Politik und Gesellschaft dürfen die Belegschaft nicht allein lassen im Ringen um Strukturen und effektives Konfliktmanagement. Denn Konflikte werden auch künftig nicht ausbleiben; gutes Theater braucht starke Charaktere, und wenn davon mehrere aufeinander treffen, fliegen halt mitunter die Fetzen.
Aber bevor eine Produktion vor die Wand fährt, sollte ein Gremium eingreifen, das mit den Kontrahenten einvernehmliche Lösungen sucht. Welche Kompetenzen dieses Gremium haben soll, wo es angedockt wird, wie es sich zusammensetzt – das muss im Diskurs mit Fachleuten, mit Menschen aus Politik und Bürgerschaft ergründet werden. Denn in Osnabrück herrscht ein starkes Interesse an gutem, kritischen, auch provokantem Theater; der offene Brief belegt es. Und das ist ein gutes Zeichen, gerade in diesen Zeiten, wo Kulturinstitutionen aus vielerlei Gründen so sehr unter Druck stehen.