Osnabrück  Warum war das Campus Festival 2025 bis nach Haste zu hören, Herr Kreßmann?

Noah Schnarre
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Von Noah Schnarre
| 11.10.2025 05:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Das Campus Festival 2025 zieht eine Beschwerdewelle nach sich. Darüber haben wir mit einem Experten für Akustik gesprochen. Foto: Lauren Rote
Das Campus Festival 2025 zieht eine Beschwerdewelle nach sich. Darüber haben wir mit einem Experten für Akustik gesprochen. Foto: Lauren Rote
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Das Campus Festival 2025 hat eine Beschwerdewelle in Gang gesetzt. Die Lautstärke sei ohrenbetäubend gewesen, kritisieren Anwohner des Osnabrücker Nordens. Reiner Kreßmann forscht seit drei Jahrzehnten zur Akustik. Wir haben nachgefragt: Wann wird Musik zu Lärm?

Wer bei Open-Air-Konzerten vor der Bühne steht, beschwert sich in den seltensten Fällen über die Lautstärke. Wenn die Gitarren-Riffs, Synthesizer und Basslinien aber in die weitere Entfernung schallen, verschwimmen sie für die Anwohner nicht selten zur lärmenden Kakophonie.

So geschehen beim diesjährigen Campus Festival, das erstmals an der Halle Gartlage stattfand. Unter den Artikeln unserer Redaktion fanden sich zahlreiche Leserkommentare, die sich von der Lautstärke der eintägigen Veranstaltung massiv gestört fühlten. Bei der Stadt Osnabrück gingen in diesem Zusammenhang zehn Beschwerden ein.

Bei Open-Air Veranstaltungen wie dem Campus Festival, der Maiwoche oder dem Schlossgarten Open-Air greift die „TA-Lärm“. In der bundesweit einheitlichen Vorschrift wird die Lärmemission für sogenannte einmalige Ereignisse geregelt. Damit eine Veranstaltung zugelassen wird, muss der Veranstalter ein Lärmschutzgutachten einreichen. Daraus muss hervorgehen, dass die zulässigen Grenzwerte eingehalten werden. Heißt konkret: Auf dem Veranstaltungsgelände darf die Lautstärke nicht größer als 93 dB sein. In Wohngebieten darf ein Wert von 70 dB nicht überschritten werden.

Auf Nachfrage unserer Redaktion teilten der Veranstalter des Campus Festivals und die Polizei Osnabrück übereinstimmend mit, dass während der Veranstaltung Messungen durchgeführt und die Grenzwerte eingehalten wurden. „Das wundert mich nicht“, sagt Reiner Kreßmann, Professor für technische Physik und Messtechnik an der Hochschule Osnabrück. „Ich sehe keinen Grund, die Messwerte infrage zu stellen.“

Das eigentliche Problem verortet Kreßmann in einem anderen Punkt: Bei der Erfassung von Schallereignissen wie dem Campus Festival passen die objektive Wahrheit der Messwerte und das individuelle Gefühl der Anlieger oft nicht zusammen. 

„Schall kann ich messen“, sagt Kreßmann. „Lärm aber nicht. Das ist ein rein subjektives Gefühl. Auf der einen Seite müssen praktikable und bezahlbare Entscheidungsgrundlagen gefunden werden, die sich auf technisch und juristisch valide Daten berufen. Und auf der anderen Seite steht das individuelle Empfinden der Anwohner, das den Daten nicht unbedingt entspricht. Das ist leider so.“ 

Ein zweiter und nicht unerheblicher Punkt: Gewohnte Geräusche werden in der Regel ausgeblendet, während eine singuläre, unbekannte Geräuschkulisse als störend empfunden werden kann – selbst dann, wenn sie eine bedeutend geringere Schallemission erzeugt als das Gewohnte.

„Sturm, Regen oder der Vogel im Baum können auch Schallwerte über 70 dB erzeugen, deswegen ruft keiner beim Ordnungsamt an“, sagt der Experte.  „Für diese natürlichen Geräusche gilt die TA-Lärm aber selbstverständlich nicht“, fügt er schmunzelnd hinzu. 

Vielmehr sind es die tiefen Frequenzen, bei Musikveranstaltungen also der Bass, die als störend wahrgenommen werden können. Gerade tieffrequenter Schall könne laut Kreßmann größere Distanzen zurücklegen, Hindernisse, wie Häuserschluchten, überwinden und werde weniger durch die Luft gedämpft. Dass das Campus Festival noch mehrerer Kilometer von der Halle Gartlage aus zu hören war, überrascht vor diesem Hintergrund wenig. 

Geht es nach dem Veranstalter, wird das Festival im nächsten Jahr erneut an der Halle Gartlage stattfinden. Die ersten Musiker sind bereits angekündigt. Auch dann wird der Bass vermutlich wieder über den Osnabrücker Norden fegen. Daran gewöhnen können und müssen sich die betroffenen Anwohner nicht. Aber spätestens um 23 Uhr wird alles wieder vorbei sein. 

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