Osnabrück  Diese drei VfL-Legenden bekamen vor Timo Beermann ein Abschiedsspiel

Harald Pistorius
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Von Harald Pistorius
| 10.10.2025 07:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ehrenrunde mit Sekt und auf den Schultern seines Freundes Gerd-Volker Schock: Atze Baumanns bei seinem Abschiedsspiel am 23. September 1980. Foto: NOZ-Archiv/Josef Wichmann
Ehrenrunde mit Sekt und auf den Schultern seines Freundes Gerd-Volker Schock: Atze Baumanns bei seinem Abschiedsspiel am 23. September 1980. Foto: NOZ-Archiv/Josef Wichmann
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Es wird auch diesmal eine Mischung der großen Fußballgefühle werden. Ein Cocktail, der härtesten Typen die Tränen in die Augen treibt. Nach 14 Profijahren mit 158 Ligaeinsätzen für den VfL Osnabrück (und 107 für den 1. FC Heidenheim) beendet Timo Beermann an diesem Freitag seine Laufbahn. Er ist erst der vierte Spieler der VfL-Geschichte, dem die Ehre eines Abschiedsspiels zuteilwird.

Anstoß 19 Uhr, Bremer Brücke, Flutlicht: Zum letzten Mal läuft Timo Beermann, seit Jugendtagen „Eule“ genannt, an diesem Freitag auf – „Eule and Friends“ gegen „VfL-Allstars“ heißt die Paarung, anschließend wird bei der lila-weißen Nacht mit den Fans im Alando Palais gefeiert. Wir blicken zurück auf die drei Vorgänger, die mit einem Abschiedsspiel in den Ruhestand geschickt wurden. Und haben sie nach ihren Erinnerungen gefragt.

Das erste Abschiedsspiel der VfL-Geschichte bekam Klaus-Willi Baumanns, den alle – inklusive seiner Frau Brigitte, mit der er seit 55 Jahren verheiratet ist – nur „Atze“ nennen. Die Erinnerung an den 23. September 1980 ist frisch. „Das ist bis heute eine Ehre, die mich stolz macht“, sagt der 77-Jährige, „zumal der Verein auf mich zugekommen ist und ich der erste VfLer überhaupt war, der ein Abschiedsspiel bekam.“

Dabei war der Abschied nach zehn Jahren mit 323 Ligaspielen nicht ganz freiwillig, denn der flinke, zähe und zweikampfstarke Außenverteidiger traute sich im Sommer 1980 durchaus noch ein, zwei Jährchen als Profi zu. Doch der Verein plante anders und ebnete dem verdienten Kapitän den Weg zum Trainer; erst coachte Atze Baumanns die A-Jugend, dann die Amateure; später kehrte er nach mehreren Stationen in der Region als Co-Trainer zurück.

2453 Zuschauer zahlten am 23. September 1980 Eintritt für den Publikumsliebling und sahen 13 Tore: Die VfL-All-Stars – neben anderen mit Werner Kamper, Wolfgang Kaniber, „Charly“ Tripp, Willi Mumme, „Stocki“ Nordmann, Walter Wiethe und Zwillingsbruder Dieter – gewannen mit 7:6 gegen eine Auswahl ehemaliger Bundesligaprofis, die einen starken Mönchengladbacher Akzent hatte: Erwin Kremers, „Amigo“ Elfert und Herbert Laumen kamen vom Bökelberg, wo die Laufbahn von Baumanns begonnen hatte.

Gerd-Volker Schock, der damals beim Bundesligisten Arminia Bielefeld stürmte, erzielte vier Tore und trug nach dem stimmungsvollen Good-bye den Freund auf seinen mächtigen Schultern auf die Ehrenrunde; das Trikot schenkte Baumanns einem der Rollstuhlfahrer. Vom VfL, dessen Manager Helmut Kalthoff das Abschiedsspiel angeregt und organisiert hatte, gab es einen Video-Rekorder inklusive eines Mitschnitts des Abends, der im Hotel Hohenzollern ausklang.

Auch der nächste VfL-Profi, der in großem Rahmen verabschiedet wurde, hätte seine Karriere gern noch fortgesetzt: Doch nach der Knieverletzung, die ihm der Dresdner Abdelaziz Ahanfouf im Frühjahr 2003 durch ein rücksichtsloses und mit der Roten Karte bestraftes Foul zugefügt hatte, ging es für Uwe Brunn nach 357 Spielen seit 1991 nicht mehr weiter.

Am 10. Oktober 2003 endete die Laufbahn des ehemaligen DFB-Auswahlspielers, der vor seiner Zeit beim VfL für den 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach gespielt hatte, vor 6.000 Zuschauern mit vielen emotionalen Momenten; die Ehrenrunde drehte der Torwart mit seinen Töchtern Isabelle und Lisa-Marie, der Abend im Alando Palais wurde zu einer langen Nacht.

Dort spülten seine früheren Mitspieler wie Uwe Kamps, Michael Frontzeck, Hans-Peter Lehnhoff, Jörg Neun, Uwe Bein, „Pele“ Wollitz, Thomas von Heesen oder  Hans-Jörg Criens mit den ersten Bieren auch den kleinen Ärger herunter: Anders als bei solchen Spielen üblich trat auf der anderen Seite das damalige Zweitligateam des VfL an, das auf Geheiß von Trainer Frank Pagelsdorf derart aufdrehte, dass die brillanten, aber körperlich unterlegenen Stars vergangener Jahre kaum dazu kamen, ein paar Kunststücke zu zeigen – sie verloren 1:8.

„Es waren an diesem Abend so viele bewegende Momente, die man nicht vergisst. Ich bin noch heute stolz darauf“, sagt Brunn, der sein letztes Spiel im Alleingang plante und organisierte. Dabei spielte ihm der Zufall eine Chance für das Leben danach zu: Als er bei den VGH Versicherungen eine Anzeige für das Stadionheft einwerben wollte, fragte ihn Regionaldirektor Klaus Tisson: „Sagen Sie mal, Herr Brunn: Was wollen sie eigentlich beruflich machen?“ Es war der Beginn der zweiten Laufbahn, und der VGH blieb Brunn ebenso treu wie dem VfL.

Auf dem Platz ging er bei seiner „Farewell-Party“ (fast) so zur Sache wie in 375 Ligaeinsätzen (1996 bis 2008), nach dem Spiel dachte Joe Enochs nicht daran, die Tränen zurückzuhalten. So blieb sich der VfL-Rekordspieler auch an diesem 28. März 2009 in jeder Hinsicht treu. „Anders kann ich nicht spielen“, begründete er seine Einsatzfreude und sagte über die emotionalen Momente des Abschieds: „Ich war aufgewühlt wie selten – da können Tränen nicht ausbleiben.“

7000 feierten ihren Liebling voller Hingabe, der VfL verlor seine „Nummer 8“ und das Publikum eine Identifikationsfigur. „Ich bin hier sesshaft geworden, ich werde in dieser Stadt immer heimisch sein“, versprach er nach seiner Auswechslung in der 82. Minute. Sein Team „Best of Joe“ hängte sich für ihn richtig rein; Guido Spork, Addy Menga, Ansgar Brinkmann, Martin Przondziono, Christian Claaßen, Marko Tredup, Patrick Owomoyela, „Wolle“ Schütte und Co. zauberten beim 4:1 gegen eine Auswahl der Region Osnabrück – typisch Enochs, dass er diesen Abend mit den besten Amateurspielern aus der Heimat teilte.

Über die Videowand übermittelte nach der aus dem sonnigen Kalifornien ins verregnete Osnabrück grüßenden Familie der verhinderte Timo Schultz seine besten Wünsche. Live vor Ort war seine Mutter Bea, die aus Petaluma/Kalifornien angereist war – und den Beweis lieferte, von wem Joe seinen Humor mitbekommen hat. „Ich war dabei, als er mit vier Jahren sein erstes offizielles Fußballspiel bestritt“, sagte die Mathematik-Lehrerin, „nun erlebe ich sein letztes Spiel. Ich hätte nie gedacht, dass er vor mir in Pension geht.“

„Das war eine unglaubliche Ehre, ich spürte vor allem Dankbarkeit für diesen Verein und alle, die mit ihm zu tun haben. Und es hat Wochen gedauert, bis ich dieses einmalige Erlebnis verarbeitet hatte“, erinnert sich der 2025 nach fast zehn Jahren im VfL-Trainerteam als Sportdirektor zum VfL und nach Osnabrück zurückgekehrte Enochs, der auch die Party in den VIP-Räumen der Bremer Brücke nicht vergessen hat: „Auch da haben alle noch mal gezeigt, was sie können…“

Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen solcher Abschiedsspiele, dass der Hauptperson kurz vor dem Ende mit der geplanten Auswechslung ein Tor nicht nur gegönnt wird, sondern der Weg zu einem Treffer mit gütiger Hilfe geebnet wird. Doch diese Chance nutzten nur zwei: Atze Baumanns hatte dabei plötzlich freie Bahn („Da sind einige regelrecht zur Seite gesprungen“) und Joe Enochs traf mit einem Elfmeter: „Und der war richtig schlecht geschossen…“

Ohne den eingeplanten Treffer blieb dagegen Uwe Brunn. In Erinnerung an seinen größten Tag, als er das Aufstiegsspiel gegen Union Berlin im Elfmeterschießen am 1. Juni 2000 entschied, weil er den vorletzten Elfer verwandelte und den letzten parierte, sollte es natürlich ein Strafstoß sein zum letzten Hurra. Doch „Pele“ Wollitz hatte etwas dagegen, drängte sich ins Tor – und hielt.  

Zu Zeiten, als es noch keine Abschiedsspiele gab, hätten einige VfLer diese Ehre verdient habt; wichtigster Maßstab für diese Auszeichnung ist die Treue zum Verein, in Jahren und/oder Einsätzen. Rekord-Torjäger „Addi“ Vetter, die Nationalspieler „Mattes“ Billen, „Schangel“ Flotho, Hannes Haferkamp und Theo Schönhöft sowie der langjährige Rekordspieler Walter Bulik (353 Ligaspiele, 1955 bis 1969), oder die Dauerbrenner Ralf Heskamp (336, 1984 bis 1996) und Dirk Gellrich (331, 1983 bis 1994) sowie mancher andere wären ebenfalls würdige Kandidaten für ein Abschiedsspiel gewesen.

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