Osnabrück Erst als Sohn, jetzt als Vater: Warum das Steckenpferdreiten mich so berührt
Als Viertklässler nahm ich vor über dreißig Jahren selbst am Steckenpferdreiten teil. Dieses Jahr habe ich meinen Sohn begleitet. Die wahre Botschaft dieser schönsten Tradition Osnabrücks habe ich erst mit ihm verstanden: Den Frieden muss man so gut festhalten wie eine Brezel in kalten Kinderhänden.
1990 stand ich als Zehnjähriger mit meinem Steckenpferd vor der Johanniskirche. Gemeinsam mit meinen Klassenkameraden der Klasse 4b der Grundschule Wüste und hunderten weiteren Schülern. Das war schon imposant. Damals führte die Strecke noch über die Johannisstraße und Große Straße Richtung Rathaus. Ich erinnere mich an Kälte, Nieselregen und meine klammen Hände, die mein Steckenpferd umklammerten.
Eine gefühlte Ewigkeit später erreichten wir endlich das Rathaus. Meine mittlerweile durchgefrorenen Finger griffen nach der klebrigen Zuckerbrezel. Es war dunkel und ich wollte nur noch nach Hause. Der heiße Kakao, den wir anschließend noch in einem Café tranken, den kann ich förmlich heute noch spüren. Der Stolz, Teil von etwas Besonderem zu sein, war mir damals nicht bewusst. Ich weiß nicht mehr, wie mein Steckenpferd aussah, geschweige denn, wer mir die Brezel überreichte. Ein Erinnerungsfoto gibt es nicht.
Mehr als drei Jahrzehnte später stehe ich wieder am Rand des Umzugs – diesmal als Vater. Mein Sohn Cenk trägt sein eigenes Steckenpferd: ein Schimmel, mit dem passenden Namen „Oreo“. Vorfreudig und aufgeregt trifft er auf dem Schulhof der Domschule auf seine Klassenkameraden der Klasse 4b der Grundschule Sutthausen - und knapp 1.400 weitere Steckenpferdreiter.
Eine Moderatorin sorgt für Stimmung und Bewegung. Immer wieder strecken die vielen bunten Steckenpferde ihre hölzernen Hälse in die Höhe. Schon hier wird mir warm ums Herz. Ein Blick auf die zahlreichen stolzen Eltern, die das Geschehen vom Rande aus beobachten, zeigt, mit dem Gefühl bin ich nicht allein.
Nach einer kurzen Ansprache der Oberbürgermeisterin Katharina Pötter setzt sich der Tross in Bewegung. Angeführt von der Stadtwache geht es über den Herrenteichswall, die Möser- und Georgstraße, auf die Große Straße. Von dort aus über die Krahnstraße Richtung Rathaus. Eltern und Angehörige säumen die Strecke und strahlen mit ihren Kindern um die Wette. Schulbands sorgen an verschiedenen Stellen für musikalische Untermalung.
Ankunft am Rathaus: Der Marktplatz ist fest in Kinderhänden. Die Eltern tummeln sich am Rand hinter den Absperrungen. Wartezeiten, vor der Brezelübergabe, müssen die Steckenpferdreiter heute noch erdulden. Dafür ist das Rahmenprogramm selbst aus Elternperspektive spektakulär. Den ganzen Abend über spielt eine Band kinderfreundliche Songs. Nachdem alle Teilnehmer ihre Brezel erhalten haben, folgt ein Lichtspiel, eine Feuerjonglage und eine beeindruckende Lasershow. Der Marktplatz verwandelt sich in eine Festival-Area. Cenk ist total begeistert, wie er uns auf dem Heimweg freudig erzählt.
Das Steckenpferdreiten ist längst mehr als eine kindliche Tradition. Es ist eine Erinnerung daran, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Die Geschichte dieser Veranstaltung – die Versöhnung nach dem Dreißigjährigen Krieg – bekommt im Jahr 2025 ein neues Gewicht. Osnabrück lebt von solchen Momenten. Sie verbinden Schüler, Eltern, Generationen und schaffen einen kleinsten gemeinsamen Nenner – etwas, das Bestand hat, selbst wenn um uns herum vieles ins Wanken gerät. Deshalb ist es für mich die schönste Tradition meiner Heimatstadt.
Cenks Erinnerungen werden geprägt sein von dem Feuerspucker und der Lasershow. Ich vermute, dass er eines Tages verstehen wird, was dieses Ritual bedeutet. Dass Frieden, Gemeinschaft und Vertrauen nicht abstrakt sind, sondern spürbar werden – manchmal schon mit einem Steckenpferd und einer klebrigen Zuckerbrezel, auf die man lange warten muss.