Osnabrück  Frischer Wind in Dresden – Nachwuchsschauspieler ragt in neuem „Tatort“ heraus

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 11.10.2025 11:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Pascal Schadt (Florian Geißelmann) wacht benebelt auf, nachdem er und Lilly am Abend davor aus ihrem Kinderheim geflohen sind. „Tatort: Siebenschläfer“. Sonntag, 12.10., 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek. Foto: © MDR/MadeFor Film/Steffen Junghans
Pascal Schadt (Florian Geißelmann) wacht benebelt auf, nachdem er und Lilly am Abend davor aus ihrem Kinderheim geflohen sind. „Tatort: Siebenschläfer“. Sonntag, 12.10., 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek. Foto: © MDR/MadeFor Film/Steffen Junghans
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Ein jugendlicher Heimbewohner gerät unter Mordverdacht. „Tatort: Siebenschläfer“ überzeugt vor allem dank Episodenhauptdarsteller Florian Geißelmann.

Endlich frei sein! Nichts hält die beiden Jugendlichen Pascal (Florian Geißelmann) und Lilly-Marie (Dilara Aylin Ziem) länger in ihrem verfluchten Kinder- und Jugendheim „Siebenschläfer“. Die abgeschlossenen Fenster stellen kein Problem dar. Das entsprechende Werkzeug hat man als Heimbewohner einfach zu haben. Zwar sorgt der ungestüme Pascal trotzdem für mehr Lärm als nötig. Aber Erzieherin Jasmin Hoffmann (Aysha Joy Samuel) kommt zu spät und findet nur noch ein leeres Zimmer vor.

Am nächsten Morgen wird Lilly-Marie tot aus dem See am Steinbruch geborgen, wo die beiden Jugendlichen so manch eine heimliche Nacht verbracht haben. Während Pascal scheinbar ahnungslos in sicherer Entfernung die Arbeit der Spurensicherung beobachtet, veranlassen Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) und Kommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) die Fahndung nach dem Verdächtigen. Eine erste Spur führt in eine Gartenlaube, wo die ehemalige Heimmitarbeiterin Frieseck nach einem tätlichen Angriff des Flüchtigen ärztlich versorgt werden muss. Dann gibt es einen weiteren Toten.

Es wird einsam im Dresdener „Tatort“. Nachdem in der letzten Episode auch noch Gorniak-Darstellerin Karin Hanczewski aus der Reihe ausgestiegen ist, muss Winkler erstmals mit ihrem Chef Schnabel ganz alleine ermitteln. Das klappt erstaunlich gut, und zu Winklers Überraschung – und auch der der Zuschauer – gibt Schnabel bislang unbekannte Details über seine Vergangenheit preis.

So erfährt man unter anderem, dass auch Schnabel einst in einem Heim aufgewachsen ist. In der DDR, weil seine Mutter damals nicht imstande gewesen sei, ihn nach sozialistischen Wertvorstellungen zu erziehen. „Da gab‘s noch richtig was auf die Finger, wenn du nicht pariert hast“, gibt er zu verstehen. Und gewinnt im Verhörraum allmählich das Vertrauen von Pascal, an dessen Unschuld Schnabel – wie auch die Zuschauer – unerschütterlich glauben müssen. Noch nie hat man Schnabel so einfühlsam und auch verletzlich erlebt.

Natürlich. Es geht um Missstände in deutschen Kinder- und Jugendheimen, die die beiden Drehbuchautorinnen Silke Zertz und Frauke Hunfeld in ihrem „Tatort: Siebenschläfer“ thematisieren. Nach außen hin erscheint das „Siebenschläfer“ als Vorzeigeheim mit allerlei Freizeitmöglichkeiten inklusive Reiten. Aber so eine Einrichtung ist dann doch kein Ponyhof. „Irgend etwas stimmt nicht mit dem Heim“, wird Schnabel schon früh klar. Die Mutter der toten Lilly-Marie bezichtigt das Heim sogar, ihre Tochter umgebracht zu haben.

Regisseur Thomas Sieben gelingen in der Umsetzung der Geschichte ruhige, unaufgeregte Einstellungen und Bilder, die eine bedrückende Heimwirklichkeit wiedergeben. Im Mittelpunkt stehen nicht nur Kinder und Jugendliche, die sich auf völlig verlorenem Posten wähnen. Auch die überforderten Mitarbeiter sowie das Dilemma der Jugendämter, Entscheidungen treffen und Kinder aus ihren Familien reißen zu müssen, wird thematisiert.

Insbesondere fokussiert sich dieser Dresdener „Tatort“ aber auf die Figur des schwer traumatisierten Pascal. Florian Geißelmann, spätestens seit seiner Rolle im Kinofilm „In die Sonne schauen“ kein unbekanntes Gesicht mehr, punktet mit seiner mitreißenden Darstellung eines an seinem jungen Leben bereits verzweifelten Jugendlichen, der jede Hoffnung verloren hat. Allein sein Auftritt macht diesen „Tatort“ bereits sehenswert.

Ein „Tatort“ übrigens, der sich nicht als Frontalangriff auf Heime verstanden wissen möchte. „Die meisten Heime machen eine ganz hervorragende Arbeit“, lassen die beiden Autorinnen den Kommissariatsleiter Schnabel am Ende des Films vorsichtshalber in die Kamera sprechen.

„Tatort: Siebenschläfer“. Sonntag, 12. Oktober, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek.

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