Osnabrück  Wie findet ein Englisch-Leistungskurs das Filmfest Osnabrück?

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 11.10.2025 09:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bunt und liebevoll, aber sehr vergänglich sind die Kunstwerke, die die Baloeiros in São Paulo schaffen, um sie in den Himmel steigen zu lassen. Foto: Sissel Morell Dargis/House of Real/Cargo Film & Releasing
Bunt und liebevoll, aber sehr vergänglich sind die Kunstwerke, die die Baloeiros in São Paulo schaffen, um sie in den Himmel steigen zu lassen. Foto: Sissel Morell Dargis/House of Real/Cargo Film & Releasing
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Für Luna, Johanna und Nadine ist es eine neue Erfahrung: Erstmals haben die drei, gemeinsam mit ihrem Englisch-Leistungskurs, das Filmfest Osnabrück besucht. Gut möglich, dass es nicht der letzte Besuch war.

Die Anregung durch die Englischlehrerin Jana Warbanski-Riechardt brauchte es schon. Sie ist sehr dran interessiert, dass ihr Englisch-Leistungskurs hin und wieder den Klassenraum verlässt, um im öffentlichen Leben die Sprachkenntnisse zu vertiefen. „So viele Angebote in englischer Sprache gibt es allerdings in Osnabrück nicht“, sagt sie. Aber beim Filmfest Osnabrück ist sie fündig geworden.

Am frühen Mittwochabend steht der LK im Foyer des Filmtheaters Hasetor. Julia Scheck, Leiterin des Filmfests, empfängt die Schülerinnen, gibt ihnen ihre Tickets für den Film „Balomania“, der Film, auf den sich die Lehrerin und ihr Kurs geeinigt haben. Dieser Film läuft in der Filmfest-Sektion „Vistas Latinas“, die sich mit dem südamerikanischen Kino befasst. Dort ist Englisch nicht die bevorzugte Sprache, aber der Film ist englisch untertitelt – das reicht Warbanski-Riechardt.

Inhaltlich geht es um eine Tradition in Brasilien, die bis in die Kolonialzeit zurückreicht. Baloeiros bauen in improvisierten Werkstätten riesige Ballons aus Seidenpapier, um sie dann steigen zu lassen. Die Ballons sind aufwendig und bunt gestaltet und tragen riesige Transparente mit den Konterfeis von Berühmtheiten aus aller Welt. Oder ganze Batterien an Feuerwerkskörpern, die in der Luft zünden sollen.

Diese Kunst ist in den Favelas beheimatet; die Baloeiros opfern für ihre Leidenschaft viel Geld und viel Zeit. Und sie begeben sich in Gefahr: Das Steigenlassen der Ballons wurde 1998 verboten; wer von der Polizei erwischt wird, dem drohen drakonische Strafen.

Fünf Jahre lang hat die dänische Filmemacherin Sissel Morell Dorgis eine Gruppe von Baloeiros in São Paulo mit der Kamera begleitet und daraus eine spannende Dokumentation gemacht. Das kommt bei den Schülerinnen an: „Ich finde es gut, dass es kein Film mit Schauspielern war, sondern einer, der das echte Leben zeigt“, sagt Luna. Das bestätigt Johanna; die Herangehensweise mache den Film „authentisch“, sagt sie.

Mit der Handkamera filmt Dorgis die Menschen im Alltag und beim Bauen der Ballons und vor allem, wenn sie die Ballons in die Luft steigen lassen. Aber auch, wenn die ganze Truppe vor der Polizei flüchtet: Da wird das Bild naturgemäß wacklig, aber genau das gibt dem Zuschauer das Gefühl, hautnah dabei zu sein.

Das Spannendste dabei: Viele Baloeiros leben von Gelegenheitsjobs. Trotzdem leisten sie sich den Luxus, Kunstwerke zu schaffen, die nur ein paar Momente lang existieren. Die Männer schielen nicht auf Verwertbarkeit, es zählt allein der Moment, wenn ein Ballon nach monatelanger Arbeit in den Himmel steigt. Diese Männer aus zumeist einfachsten, um nicht zu sagen: prekären Verhältnissen schaffen Kunst um der Kunst willen, der die Vergänglichkeit eingeschrieben ist.

Das erkennen auch die drei Schülerinnen an. „Es ist cool, dass diese Tradition aufrechterhalten wird“, sagt Luna, und sie ist tief beeindruckt von den fliegenden Kunstwerken. Allerdings „verstehe ich auch, dass das verboten wurde“, sagt sie weiter. „Denn das ist sehr gefährlich.“ Tatsächlich sieht man in einer Szene, wie ein Ballon verglüht und als Feuerball zur Erde fällt oder wie den Zuschauern Feuerwerkskörper um die Ohren fliegen.

Auch Johanna und Nadine bewundern die Männer für ihre Leidenschaft, die weit stärker ist als die Angst davor, von der Polizei verhaftet und vom Gericht ins Gefängnis gesteckt zu werden. „Sie gehen ins Gefängnis, kommen raus und machen weiter“, sagt Nadine anerkennend. Aber Luna findet noch einen anderen, direkten Zugang zu dem Film: „Mein Vater stammt aus Brasilien“, sagt sie. Ob er die Tradition der Baloeiros kennt, weiß sie allerdings nicht.

Was in dem kurzen Gespräch nach der Filmvorführung in jedem Fall deutlich wird: Der Film „Balomania“ hat die jungen Zuschauer erreicht. Und sie haben das Filmfest Osnabrück kennengelernt – Johanna gibt sogar zu, sie habe das Filmtheater Hasetor vorher nicht gekannt. Nach der ersten Erfahrung könnten sie sich aber sogar vorstellen, das Filmfest Osnabrück nochmal zu besuchen. Seien wir gespannt.

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