Osnabrück Dokumentation über Putins Propaganda in Schulen gewinnt Friedensfilmpreis in Osnabrück
Tolle Filme und gute Jury-Entscheidungen: Das Filmfest Osnabrück darf für seine Geburtstagsausgabe eine gute Bilanz ziehen. Und wie immer stößt das Festival Fenster zur Welt auf, in Filmen, die es nur schwer ins Kino schaffen, obwohl sie es mehr als verdient hätten.
Natürlich thematisiert das Filmfest Osnabrück Putins Angriffskrieg auf die Ukraine; hinzuschauen auf die Problemlagen der Welt ist dem Festival eingeschrieben in die DNA. Aber genauso steht in dieser DNA, dass das Festival für unabhängige Filme keine Perspektive einnimmt, wie wir sie aus den Nachrichten und den sozialen Medien kennen. Stattdessen wählt der Film „Mr. Nobody Against Putin“ einen Zugang, der aus der tiefsten russischen Provinz ins Herz der offiziellen Propagandamaschinerie blickt. Und dafür zurecht den Friedensfilmpreis erhält.
Der Film zeigt, wie nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, die Schule in Karabasch, einem Kaff am südöstlichen Rand des Urals, mehr und mehr zum Ort der Putin-Propaganda und der militärischen Früherziehung wird. Soldaten des Wagner-Bataillons erklären Kindern, wie Minen funktionieren, schon die kleinsten Schüler üben den Stechschritt des Militärs, ja, und irgendwann werden ehemalige Schüler eingezogen und an der Front in der Ukraine verheizt. All das dokumentiert Pavel, der Eventmanager und Videospezialist der Schule.
Unter dem Deckmantel seiner offiziellen Arbeit vollbringt er eine subversive Heldentat, indem er den Schulalltag mit der Kamera festhält und das Material schließlich außer Landes schmuggelt, wo der amerikanische Regisseur David Borenstein daraus diesen Film montiert hat. Seine Weltpremiere erlebt „Mr. Nobody Against Putin“ beim diesjährigen Sundance Festival; dort erhielt er einen Spezialpreis der Jury.
In Osnabrück ist der Friedensfilmpreis dazugekommen, und die Jury – der Filmemacher und Filmwissenschaftler Martin Jehle, die Filmemacherin, Autorin und Editorin Julia Albrecht und der Regisseur und Produzent Friedemann Hottenbacher – war sich in ihrem Votum schnell einig und sagt, „mit genauem Blick werden erst kleine, und dann immer größere und beunruhigendere Veränderungen im Schulalltag festgehalten und freigelegt. Dabei ist der Film amüsant, anrührend, aufwühlend und polemisch, aber nie einseitig und unterkomplex.“
Der Preis für Kinderrechte geht an den Spielfilm „Têtes brûlées” von Maja-Ajmia Yde Zellama. Der Film begleitet die 12-jährige Eya, die in einer tunesisch-muslimischen Familie aufwächst. Eine besondere Verbindung hat sie zu ihrem zehn Jahre älteren Bruder; als dieser plötzlich durch einen Schuss stirbt, ist die Trauer bei Eya groß.
Die drei Jurorinnen Sara Bade, Rezwane Arab und Lea Gerlemann, Jugendliche aus Osnabrück, begründen ihre Wahl mit den Worten, der Gewinnerfilm erzähle „eine sehr berührende Geschichte voller purer Emotionen. Wir empfanden ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl, das durch das Schauspiel vermittelt wurde.“ Der Filmpreis für Kinderrechte wird gestiftet von der Stadt Osnabrück und ist mit einem Preisgeld von 2000 Euro dotiert.
Der vom Studierendenrat der Uni Osnabrück und von Marketing Osnabrück mit 1200 Euro dotierte Publikumspreis für den besten Kurzfilm schließlich geht an „Vogel, flieg!” In ihrem 20-minütigen anrührenden Film erzählt die Regisseurin Rabeah Rahimi von der 13-jährigen Adina, die nach der Machtübernahme der Taliban vor fünf Jahren mit ihrem Vater und ihrem Bruder aus Afghanistan geflohen ist. Die Familie lebt unter prekären Verhältnissen in Deutschland – und belastet vom Verschwinden der Mutter. Im Tanz sucht Adina, trotz der strengen Verbote ihres Vaters, Trost.
Nun eröffnet das Filmfest auch jenseits der ausgezeichneten Beiträge Perspektiven, die in den Nachrichten und auch im Kinobetrieb eher selten Beachtung finden. So führt „To Kill a Mongolian Horse“ der mongolischen Filmemacherin Xiaoxuan Jiang in die kargen Weiten der Mongolei und zeigt in poetischen Bildern, wie ein Schaf- und Pferdehirte einen vergeblichen Kampf gegen Klimawandel, Tourismus und chinesische Immobilien-Mogule führt. Oder die Doku „Fiume o morte!“: Hier arbeitet Igor Bezinović die Annexion Rijekas durch den italienischen Faschisten Gabriele D‘Annunzio auf und stellt historische Fakten mithilfe von Laiendarstellern und vor allem mit viel Witz nach.
Es sind Filme wie diese, anhand derer sich die Bedeutung des Filmfests Osnabrück als Forum für gesellschaftliches Engagement verbunden mit Filmkunst bemessen lässt. Diesem Engagement entspringt dann auch eine Gedenkminute für die Oper des Anschlags vom 7. Oktober und die vielen Opfer in dem verheerenden Krieg, der darauf folgt, um die Festivalleiterin Julia Scheck bei der Eröffnung des Festivals bittet. Natürlich blickt das Filmfest Osnabrück auch auf diesen Konflikt. Hinzuschauen, wo es wichtig ist: Das prägt das Festival seit nunmehr 40 Jahren.
Den 40. Geburtstag hat das Festival allerdings eher still gefeiert. Ein Podiumsgespräch im Museumsquartier mit dem Historiker Christoph Rass vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (Imis) der Uni Osnabrück und der Filmemacherin Serpil Turhan befasste sich mit „40 Jahren Einwanderungsland Deutschland im (unabhängigen) Film“. Aber wie das so ist bei Diskussionen über derart komplexe Themen: Der Film als künstlerisch-ästhetischer Zugang gerät ins Hintertreffen, und das Filmfest selbst, das sich seit seinen Anfängen im Jahr 1986 dem Thema widmet, ebenfalls.
Die gute Nachricht aber ist: Es war ein Versuch, das Festivalprogramm um ein Gesprächsformat zu erweitern, und das eröffnet ja zusätzliche Perspektiven für die Zukunft des Filmfests Osnabrück. Dem stehen zwar, wie der Kultur insgesamt, schwere Zeiten bevor – umso wichtiger ist es, dass das Festival einmal mehr seine Bedeutung unterstrichen hat, und zwar durch gute, relevante Filme.