Breklum Wo fängt Alkoholsucht an? Experte erklärt, woran man erkennt, dass man abhängig ist
Kontrollverlust, Schuldgefühle, Verleugnung – viele Betroffene merken erst spät, dass ihr Trinkverhalten gefährlich ist. Der Nervenarzt und Psychiater Eberhard Schwarz erklärt, wie man Warnsignale für eine Alkoholsucht erkennt und warum Selbsthilfe für Alkoholabhängige so wichtig ist.
„Ein Glas Bier oder Wein am Abend – das kann doch nicht schaden?“ Viele Menschen sind überzeugt, ihren Konsum im Griff zu haben. Doch wann wird aus Gewohnheit ein Problem, also eine Alkoholsucht? Der Breklumer Nervenarzt, Psychiater und Psychotherapeut Dr. Eberhard Schwarz hat jahrzehntelang Suchtpatienten behandelt und war am Aufbau der Fachklinik Breklum beteiligt. Er weiß, worauf es ankommt, wenn Alkohol beginnt, das Leben zu bestimmen.
Wer sich vornimmt, nichts zu trinken, es dann aber doch tut – oder wer nach dem ersten Glas nicht aufhören kann – hat bereits ein Warnzeichen. „Das nächste Bier einfach stehen lassen – Finger weg“, sagt Schwarz. Ein Filmriss sei nicht nötig, um gefährdet zu sein. Schon die Unfähigkeit, rechtzeitig aufzuhören, zeige die Abhängigkeitstendenz.
Auch körperliche und seelische Veränderungen können Hinweise geben:
Besonders alarmierend: Wenn das Umfeld immer wieder auf den Konsum anspricht und der Betroffene aggressiv oder abweisend reagiert. „Wenn jemand sofort losschnauzt, ist das oft schon Teil der Problematik“, so Schwarz.
Bei Frauen setzt die Abhängigkeit oft schneller ein als bei Männern, erklärt der Arzt. Zudem würden Frauen gesellschaftlich stärker geächtet, wenn sie trinken – was die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, noch erhöht.
Für Angehörige gilt: keine heimlichen Striche auf Flaschen, kein ständiges Kontrollieren. Keine Vorwürfe oder Dauerdiskussionen. „Wenn Partner versuchen, die Rolle des Therapeuten einzunehmen, gehen sie selbst vor die Hunde“, warnt Schwarz.
Stattdessen sollten Angehörige frühzeitig professionelle Unterstützung von außen suchen, wenn Gespräche nicht mehr möglich sind. Außerdem sollten sie die eigene Belastung ernst nehmen und sich nicht nur auf den Suchtkranken konzentrieren.
Besonders wichtig sei die Selbsthilfe. Dort könnten Betroffene Schuldgefühle und Scham abbauen, sehen, dass auch andere kämpfen – und daraus Kraft schöpfen. „Je früher jemand in eine Gruppe geht, desto eher erkennt er: Ich bin nicht verloren, ich kann mich regenerieren.“
Die Erfahrung zeigt: Rückfälle gehören zum Krankheitsbild Alkoholsucht. Doch Motivation, psychologische Begleitung und ein stabiles Umfeld können helfen, dauerhaft trocken zu bleiben.
Und das Märchen vom „gesunden Glas Rotwein“? Schwarz winkt ab: „Es gibt bessere Wege, Herz und Kreislauf zu schützen – Bewegung, gesunde Ernährung. Alkohol ist kein Heilmittel.“