Osnabrück  Fesselt und soll wehtun: Darum geht es im neuen Rostocker „Polizeiruf 110: Tu es!“

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 18.10.2025 18:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Angriff mit dem Feuerlöscher: Katrin König (Anneke Kim Sarnau, l.) und Melly Böwe (Lina Beckmann). „Polizeiruf 110: Tu es!“. Sonntag, 19.10. um 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek. Foto: © NDR/Boris Laewen
Angriff mit dem Feuerlöscher: Katrin König (Anneke Kim Sarnau, l.) und Melly Böwe (Lina Beckmann). „Polizeiruf 110: Tu es!“. Sonntag, 19.10. um 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek. Foto: © NDR/Boris Laewen
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Ist der Lehrer ein Psychopath, der im Internet Menschen in den Suizid treibt? Der neue Rostocker ARD-Krimi „Polizeiruf: Tu es!“ punktet gleich mehrfach.

Eine schreckliche Bluttat in der Rostocker Innenstadt sorgt für Entsetzen. An einer zentralen Haltestelle ersticht ein junger Mann erst eine Frau und dann sich selbst. Irgendwie scheint die Tat mit einem vier Wochen zurückliegenden Suizid zusammenzuhängen, den Kommissar Volker Thiesler (Josef Heynert) noch verhindern wollte und teuer bezahlen musste.

Die gemeinsame Spur führt in ein dubioses Online-Forum namens „Die Hoffnung“. Hoffnung ist allerdings das Letzte, was man dort erwarten kann. Hass und Hetze bestimmen den Diskurs. Und ausgerechnet der junge Lehrer Felix Lange (Sebastian Jakob Doppelbauer) hatte nicht nur zeitweise im Forum moderiert, sondern stand auch in Verbindung zu dem Suizidopfer vor vier Wochen sowie dem Täter an der Haltestelle. Nur sechs Stunden vor der Bluttat hatte Lange dem psychisch labilen Messerstecher eine kurze Textnachricht geschickt: „Tu es!“. Steckt der Lehrer etwa hinter „Wintersonne“, einem unberechenbaren Psychopathen, der sich in Foren austobt und gezielt junge Leute in den Selbstmord treibt?

Die beiden Ermittlerinnen Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Melly Böwe (Lina Beckmann) sind sich sicher, mit Lange den Täter an der Angel zu haben. Aber der erweist sich als aalglatt und entwindet sich jeglichen Verdächtigungen. Offenbar tickt hier eine Zeitbombe, die dringend entschärft werden muss. Noch ahnen König und Böwe nicht, wie sehr sie sich mit ihren Ermittlungen in Lebensgefahr begeben.

Im neuen Rostocker „Polizeiruf 110: Tu es!“ herrscht emotionaler Ausnahmezustand. Dienstlich und persönlich. Es geht um Hass und Hetze im Internet. Und um Anstiftung zum Suizid.

Darüber hinaus geht es Drehbuchautor Florian Oeller in seinem achten Rostocker „Polizeiruf“ aber ganz besonders um die junge Generation und den offen schwelenden Generationenkonflikt. „Wir Älteren haben den Jüngeren bereits während der Corona-Krise große Opfer abverlangt“, sagt er in einem NDR-Presseinterview. Und nun lasse die ältere Generation die Jüngeren mit all ihren unverschuldeten Sorgen und Nöten im Stich, anstatt ihnen Hilfsangebote zu unterbreiten. Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch den Film.

Ganz nebenbei gelingt es Oeller, das Figurengeflecht um König und Böwe zu vertiefen und auch in eine neue Richtung zu lenken. Insbesondere die in der letzten Episode erstmals thematisierte Vergewaltigung Böwes und ihr verzweifeltes Verhältnis zu ihrer Tochter nimmt eine dramatische Wendung. Eine Wendung, die Böwes Chef und väterlicher Freund Henning Röder (Uwe Preuss) wohlmeinend mitzuverantworten hat. Hier sorgt Drehbuchautor Oeller schon mal für jede Menge zukünftiges Konfliktpotenzial.

Am meisten überzeugt aber die Arbeit des jungen Regisseurs Max Gleschinski. Er findet auf Anhieb eine mitreißende Bildsprache, die die Zuschauer emotional packt und auf der Stelle mitnimmt auf eine Achterbahnfahrt durch die Gefühlswelten der Protagonisten. Ganz ohne Worte und zu den Klängen von Frank Sinatras „It Was A Very Good Year“ gelingt ihm hier schon in den ersten Minuten ein emotional fesselnder Einstieg, wie man ihn in deutschen Krimis nur selten serviert bekommt.

In seinem ersten Rostocker „Polizeiruf“ verwirklicht der auch in Rostock geborene Regisseur nun seinen eigenen Anspruch, den er schon als Zuschauer an das Genre hatte. Krimis, die puren Eskapismus bedienen, lehnt er kategorisch ab. Mord und Totschlag? Das könne man nicht einfach so abtun. „Das muss wehtun, das muss uns in eine echte Auseinandersetzung bringen mit der Welt“, sagt er. Und setzt seine Forderung konsequent um.

„Polizeiruf 110: Tu es!“. Sonntag, 19. Oktober, 20.15 Uhr im Ersten und in der ARD Mediathek. Hier geht es zum Trailer.

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