London  Virginia Giuffre beschreibt angebliche Vergewaltigung durch Prinz Andrew

Susanne Ebner
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Von Susanne Ebner
| 18.10.2025 13:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Virginia Roberts Giuffre verstarb am 25. April 2025 im Alter von 41 Jahren in ihrem Haus in Neergabby, Westaustralien. Foto: dpa/Bebeto Matthews
Virginia Roberts Giuffre verstarb am 25. April 2025 im Alter von 41 Jahren in ihrem Haus in Neergabby, Westaustralien. Foto: dpa/Bebeto Matthews
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In ihren posthum veröffentlichten Memoiren beschreibt die US-Amerikanerin Virginia Giuffre eindringlich den sexuellen Missbrauch, den sie Prinz Andrew vorwirft. Das Buch rückt den Skandal zurück in die Öffentlichkeit und setzt das Königshaus erneut unter Druck.

„Raus aus dem Bett, Schlafmütze – du wirst heute einen Prinzen treffen!“ Mit diesen Worten, schildert Virginia Giuffre, soll Ghislaine Maxwell sie im März 2001 in ihrem Haus nahe dem Londoner Hyde Park geweckt haben. Die langjährige Partnerin des mittlerweile verstorbenen, verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein kündigte der damals 17-Jährigen angeblich einen „besonderen Tag“ an – „wie Aschenputtel“.

Doch was Giuffre als Märchen verkauft wurde, war der Auftakt eines der größten Skandale des britischen Königshauses. Denn später an diesem Tag, so beschreibt sie in im „Guardian“ publizierten Auszügen aus ihren posthum veröffentlichten Memoiren „Nobody’s Girl: Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit“, wurde sie Prinz Andrew vorgestellt.

In dem Buch beschuldigt die US-Amerikanerin den Bruder von Charles III. erneut, sie dreimal sexuell missbraucht zu haben: in London, New York und auf einer Privatinsel des US-Finanziers Jeffrey Epstein. Vorwürfe, die sie bereits im Jahr 2014 ​erhoben und in Interviews wiederholt hatte, von Prinz Andrew jedoch bis heute kategorisch zurückgewiesen werden.

Giuffre, die im April dieses Jahres starb, formuliert in ihren vor ihrem Tod fertiggestellten Memoiren, die kommende Woche veröffentlicht werden, zwar keine neuen Anschuldigungen gegen den Royal, schildert die Ereignisse jedoch persönlicher und detailreicher als zuvor. Sie beschreibt „mit großer Wucht“ ihre eigenen Gefühle sowie die offensichtliche Anspruchshaltung des Prinzen, sagt Pauline Maclaran, britische Königshaus-Expertin an der Royal Holloway University of London, im Gespräch mit dieser Zeitung.

So habe Andrew bei ihrem ersten Zusammentreffen im Londoner Haus von Ghislaine Maxwell im Jahr 2001 korrekt erkannt, dass sie noch minderjährig sei, und zu ihr gesagt: „Meine Töchter sind nur ein kleines bisschen jünger als du.“ Giuffre habe ein Foto dieser Begegnung gemacht, jener berühmt gewordene Schnappschuss, auf dem Andrew den Arm um sie legt, und von dem der Prinz später behauptete, es sei ein manipuliertes Bild.

Nach einem gemeinsamen Clubbesuch habe sich der Royal in Maxwells Haus ein Bad eingelassen, bevor es zum Geschlechtsverkehr kam. Dabei sei er zwar freundlich gewesen, habe sich jedoch verhalten, als sei Sex mit ihr sein „Geburtsrecht“. In ihrer Erinnerung dauerte das Ganze weniger als eine halbe Stunde.

Epstein habe ihr „15.000 US-Dollar“ gezahlt, um „den Mann zu bedienen, den die Boulevardpresse ‚Randy Andy‘ nannte“. Die dritte angebliche Begegnung mit dem Royal auf den US-Jungferninseln wird von ihr als „Orgie“ mit „ungefähr acht weiteren jungen Mädchen“, die minderjährig schienen und „kaum Englisch“ gesprochen hätten, geschildert. „Epstein lachte darüber, dass sie sich nicht wirklich verständigen konnten“, schreibt sie weiter. Das, so zitiert sie ihn, seien „die Mädchen, mit denen man am leichtesten zurechtkommt“.

Andrew wies Guiffres Vorwürfe bereits im Jahr 2019 in einem berühmt gewordenen BBC-Interview zurück. „Ich kann absolut kategorisch sagen, dass das nie passiert ist. Ich habe keinerlei Erinnerung, dieser Frau jemals begegnet zu sein, überhaupt keine“, sagte er damals.

Was als Befreiungsschlag gedacht war, ging nach hinten los. Schon die enge Freundschaft zu Epstein, von der er sich halbherzig distanzierte, machte eine Rückkehr ins royale Leben unmöglich. Das Königshaus entzog ihm seine militärischen Ehren und Titel, öffentliche Auftritte wurden gestrichen. Eine Zivilklage Giuffres in den USA wurde mit einem millionenschweren Vergleich zwar beigelegt – angeblich hatte sogar die mittlerweile verstorbene Königin Elizabeth II. selbst zur Zahlung beigetragen.

Doch das Image ihres einstigen „Lieblingssohns“ blieb zerstört und wird durch die Memoiren nun erneut beschädigt. Britische Medien gehen davon aus, dass der Druck auf den Palast, sich noch weiter von Andrew zu distanzieren, durch die Schilderungen der verstorbenen US-Amerikanerin erneut wächst.

Laut Maclaran könnte es weitere Versuche geben, Andrew aus der Royal Lodge zu drängen, jenem Anwesen in Windsor, das er seit Jahren gemeinsam mit seiner Ex-Frau Sarah Ferguson bewohnt. Der Skandal mag juristisch abgeschlossen sein – gesellschaftlich ist er es nicht, auch nach dem Tod von Virginia Giuffre.

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