Osnabrück  Das Buch, KI und das Los der Kleinverlage: Warum die Frankfurter Buchmesse trotzdem ein Fest ist

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 18.10.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
ARCHIV - 16.10.2024, Hessen, Frankfurt/Main: Eine Frau nimmt ein Buch aus einem Regal am Messsestand des Verlags Coppenrath. Im Verlauf der Messe werden Zehntausend Besucher aus der ganzen Welt in Frankfurt erwartet. Die 76. Frankfurter Buchmesse findet vom 16. - 20. Oktober 2024 statt. (zu dpa: «Frankfurter Buchmesse wird eröffnet») Foto: Boris Roessler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: BORIS ROESSLER/dpa
ARCHIV - 16.10.2024, Hessen, Frankfurt/Main: Eine Frau nimmt ein Buch aus einem Regal am Messsestand des Verlags Coppenrath. Im Verlauf der Messe werden Zehntausend Besucher aus der ganzen Welt in Frankfurt erwartet. Die 76. Frankfurter Buchmesse findet vom 16. - 20. Oktober 2024 statt. (zu dpa: «Frankfurter Buchmesse wird eröffnet») Foto: Boris Roessler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: BORIS ROESSLER/dpa
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Künstliche Intelligenz, Probleme mit Personal und Lieferketten: Die Buchbranche steht vor Herausforderungen - wieder einmal. Ich erkläre, warum die Frankfurter Buchmesse dennoch Anlass für Optimismus gibt.

Wer Bücher liest, der sucht die Stille, ja, die Einsamkeit. Auf der Frankfurter Buchmesse ist man hingegen niemals allein. In den Messehallen ist es in etwa so still wie in einem riesigen Bienenstock, in dem das Summen und Brummen niemals aufhört. Das Buch verlangt, was ausgerechnet die Buchmesse verweigert: Ruhe und Kontemplation. Ein Widerspruch?

Ich bin anderer Meinung, denn wer Bücher liest, will über sie sprechen, will die gelesene Geschichte weitererzählen, Meinungen über das Buch austauschen. Das Buch führt in die Stille und wieder aus ihr heraus. So ein Buch ist nicht einfach ein Klotz aus Papier, es ist in Wirklichkeit eine komplexe Kulturmaschine, die vieles kann. Das Buch verlangt Ruhe – und provoziert den Lärm des unablässigen Gesprächs.

Marcel Reich-Ranicki, der Kritiker aller Kritiker, sagte einmal vor vielen Jahren, dass die Frankfurter Buchmesse eigentlich nur eine kommerzielle Veranstaltung sei, die mit dem Buch selbst wenig zu tun habe. Ich bin nicht seiner Meinung, sondern stimme eher dem großen Autor Salman Rushdie zu. Er sagte 2024 bei einem Pressegespräch auf der Buchmesse: Wir alle segeln auf einem Meer der Geschichten. Auf der Buchmesse sehe ich es jedes Mal wieder wogen, dieses Meer der Geschichten.

Denn die Frankfurter Messehallen bieten nicht nur Kreuzungspunkte im Netz der Geschäftsbeziehungen, sie wirken für mich auch wie ein Sinnbild jenes Straßengewirrs all der Idiome, aus denen sich Literatur komponiert. Ich nehme deshalb jedes neue Buch, das ich aufschlage, wie eine Stimme, der ich noch nicht zugehört habe. Oder wie eine Sinfonie deren Klangwelten ich lauschen durchwandern möchte.

Dieses Verständnis von Literatur setzt voraus, den Text als Stimme wirklicher Menschen zu verstehen und ihn nicht als Produkt einer künstlichen Intelligenz misstrauisch zu prüfen. Was heißt dabei auch schon: Intelligenz? Das intelligente Wesen ist der Mensch, der in Texten über seine Erfahrungen spricht, der sich mitteilen möchte und nach Gehör verlangt. Literatur ist das zentrale Medium für Menschen – nicht für Maschinen.

Deshalb ist es auch längst an der Zeit, mit den Büchern auch die kreative Leistung der Autoren besser zu schützen. Texte sind mehr als nur ein Material, dass Konzerne scannen lassen, um damit ihre Rechenmaschinen zu füttern. Ich finde es ärgerlich, dass man den Tech-Konzernen bei ihren Raubzügen einfach zu zusieht, anstatt ihnen auf die Finger zu klopfen. Ich sage das nicht nur als Leser, sondern gerade auch als Autor, der wert darauf legt, sei geistiges Eigentum geschützt zu wissen.

Mit der Künstlichen Intelligenz hat die Frankfurter Buchmesse nur eines ihrer aktuellen Themen. Die Agenda ist lang. Kleinverlage stehen unter massivem Druck. Auch größere Häuser haben Probleme mit der Herstellung, weil vor allem das Personal fehlt. Eine Buchbranche, die mit dem Herstellen und Drucken nicht nachkommt – eigentlich eine wundersame Vorstellung.

Ich bin sicher, dass die Buchbranche ihre Probleme lösen wird. Ihre Köpfe und Gesichter hat sie ja. Dorothee Elmiger etwa, die mit ihrem beunruhigend dystopischen Roman „Die Holländerinnen“ den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Oder Caroline Wahl („Die Assistentin“), die sicher auch in Frankfurt erklären wird, warum sie den Buchpreis eigentlich verdient hätte.

Ich halte es mit Lennart Schaefer, dem 27-jährigen Hamburger, der mit seinem Lastenrad von der Leipziger zu Frankfurter Buchmesse geradelt ist. Seine wertvolle Fracht: acht Bücher. So viel Idealismus für das Buch finde ich einfach nur bewundernswert. 

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