Schwerin  Katrin Sass über Alkoholsucht: „Wer nicht am Abgrund stand, dem wachsen keine Flügel“

Tilmann P. Gangloff
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Von Tilmann P. Gangloff
| 22.10.2025 19:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Schauspielerin Katrin Sass verkörpert im „Usedom-Krimi“ die ehemalige Staatsanwältin Karin Lossow. Foto: IMAGO/Stefan Schmidbauer
Schauspielerin Katrin Sass verkörpert im „Usedom-Krimi“ die ehemalige Staatsanwältin Karin Lossow. Foto: IMAGO/Stefan Schmidbauer
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Zum 25. „Usedom-Krimi“ erzählt Katrin Sass, wie sie sich ihre Rolle zu eigen gemacht hat und warum es einst wie eine Befreiung war, als sie sich eingestand: „Ich bin Alkoholikerin.“

Frage: Frau Sass, die ARD zeigt jetzt den 25. „Usedom-Krimi“. Hätten Sie es 2013, als der erste Film gedreht wurde, für möglich gehalten, dass die Reihe derart langlebig wird?

Antwort: Nein, so etwas weiß man vorher nie. Natürlich hoffen alle Beteiligten auf einen Erfolg, aber was dann schließlich draus geworden ist, habe ich vorher weder bei „Good Bye, Lenin!“ noch später bei „Weissensee“ erwartet.

Frage: Was ist aus Ihrer Sicht das Erfolgsgeheimnis der „Usedom-Krimis“?

Antwort: Wir wollten uns damals bewusst von den vielen anderen Krimireihen unterscheiden. Ich finde es erschreckend, wie sehr ARD und ZDF auf dieses Genre setzen. Andererseits verstehe ich die Sender auch: Die Leute schalten ein, die Quoten stimmen, also werden noch mehr Krimis produziert. Aber bei uns geht es eben nicht nur um Mord und Totschlag; die Familiengeschichte ist mindestens genauso wichtig.

Frage: Auch bei den Fällen geht es oft um familiäre Dramen. Der Jubiläumsfilm „Wendepunkt“ erzählt die besonders bedrückende Geschichte eines Elternpaars, das die DDR im November 1989 verlassen und seine Kinder zurückgelassen hat.

Antwort: Im Westen weiß das vermutlich kaum jemand, aber im Osten war das allgemein bekannt, auch schon vor 1989. Das ganze Ausmaß ist allerdings erst nach dem Mauerfall rausgekommen.

Frage: Warum bleibt der Film eine Erklärung für das Verhalten der Eltern schuldig?

Antwort: Weil man es wahrscheinlich nicht erklären kann. Das Baby müssen wir mitnehmen, um das ältere Mädchen wird sich schon irgendjemand kümmern: Ich kann das nicht nachvollziehen, aber solche Fälle gab es zuhauf. Offenbar war der Freiheitsdrang nach der Wende größer als die Liebe zu den Kindern.

Frage: Angeblich haben Sie mal gesagt, der einzige Unterschied zwischen Ihnen und Staatsanwältin Karin Lossow sei das „T“ im Vornamen. Haben Sie sich die Rolle derart angeeignet?

Antwort: Angeeignet trifft es nicht ganz. Brecht hat über die Schauspielerei gesagt, man müsse „hin zur Figur“. Ich habe das immer anders gehalten. Ich muss eine Rolle zu mir ziehen und sie zu meiner machen, sondern kann ich sie nicht glaubwürdig verkörpern.

Frage: Wie äußert sich das konkret?

Antwort: In erster Linie bei den Dialogen. Karin Lossow muss meine Sprache sprechen, damit das Publikum sie als normalen Menschen akzeptiert und nicht als Figur empfindet, die auswendig gelernte Texte aufsagt. Ich brauche das, um eine Figur wirklich gut fühlen und spielen zu können. Ich habe vor ein paar Wochen in Leipzig die Goldene Henne für mein Lebenswerk bekommen. Die Laudatorin hat einen Satz gesagt, der mich sehr berührt hat: Man könne bei mir oft nicht unterscheiden, ob es sich um eine Rolle oder um mich selbst handelt.

Frage: In Ihrer Dankesrede haben Sie eine Weisheit zitiert, die ebenfalls viele Menschen berührt hat: „Wer nicht am Abgrund stand, dem wachsen keine Flügel.“ Wer Ihre Biografie kennt, weiß, worauf Sie damit anspielen, und wer kürzlich ihren Gastauftritt in dem ZDF-Film „Im Rausch“ gesehen hat, weiß es nun auch. Wie kam es dazu?

Antwort: Der Regisseur Mark Schlichter rief mich an und hat mir die Szene geschildert: Eine alkoholsüchtige junge Journalistin will für eine Reportage ein Interview mit einer prominenten Persönlichkeit führen, die ebenfalls Alkoholikerin ist. Ich sollte mich also selbst spielen.

Frage: Ist es Ihnen schwer gefallen, sich so offen zu Ihrem eigenen Alkoholismus zu bekennen?

Antwort: Nein, im Gegenteil, ich mache das seit 20 Jahren. Anfangs habe ich immer nach Ausreden gesucht, um zu erklären, warum ich keinen Alkohol möchte, weil ich zum Beispiel noch Auto fahren muss. Das hat sich geändert, als mir selbst eingestanden habe: Ich bin Alkoholikerin. Das war wie eine Befreiung.

Frage: Wie reagieren die Menschen, wenn Sie offen über das Thema sprechen?

Antwort: Oft irritiert, weil sich das anscheinend nicht schickt, und als Schauspielerin schon mal gar nicht; aber genau deshalb tue ich es. Ich verstehe ohnehin nicht, warum Themen wie Krebs, Aids oder eben Alkoholismus ein Tabu sein sollen.

Frage: Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie Alkoholikerin sind?

Antwort: Das war 1998. Ich hatte einen wichtigen Drehtag und deshalb nichts getrunken. Damals wusste ich nicht, welche Folgen das haben kann. Ich bekam einen Krampfanfall und wurde ins Krankenhaus eingeliefert.

Frage: Damals haben Sie Ihre Rolle als „Polizeiruf“-Kommissarin verloren, aber Ihrer weiteren Karriere hat das offenbar nicht geschadet, obwohl Rollen für Schauspielerinnen jenseits der 50 immer rarer werden.

Antwort: Das beginnt sogar schon ab 40, ich habe das nach dem Mauerfall selbst erlebt. Im Vergleich zu meinem Status in der DDR war das eine sehr unangenehme Erfahrung. Dann kam 1993 der „Polizeiruf“ vom damaligen ORB. Heute bin ich über 30 Jahre älter und drehe jedes Jahr drei „Usedom-Krimis“, auch deshalb ist die Reihe ein großes Glück für mich. Viele bekannte Kolleginnen sind irgendwann in der Versenkung verschwunden, weil es in Filmen und Serien keinen Platz mehr für sie gibt.

Frage: Haben Sie eine Erklärung dafür? Das Publikum von ARD und ZDF ist im Schnitt über 60, die wollen doch nicht bloß Geschichten über 30-Jährige sehen.

Antwort: Die Sender müssen versuchen, auch junge Leute anzusprechen, das verstehe ich, aber dass Ältere deshalb nur noch als Nebenfiguren auftreten: Dafür habe ich kein Verständnis.

Die Fragen stellte Tilmann P. Gangloff.

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