Osnabrück  „All our Stories“ als Liebesbeziehung zwischen Tanz und Musik

Christine Adam
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Von Christine Adam
| 27.10.2025 10:27 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Immer alle in Verbindung: Szene aus „All our Stories“ am Theater Osnabrück Foto: Oliver Look
Immer alle in Verbindung: Szene aus „All our Stories“ am Theater Osnabrück Foto: Oliver Look
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Wie es im Osnabrücker Theater gelingt, dass der Tanz Thomas Noones und die Musik Kinan Azmehs zu einem ost-westlichen Liebesdialog verschmelzen.

Weit recken sich Tänzerarme ins Bühnenlicht und schmiegen sich in die Strahlkraft der Töne aus dem Orchestergraben: Inniger hätte die Symbiose zwischen dem Tanz Thomas Noones und der Musik von Kinan Azmeh kaum ausfallen können wie bei der Premiere des neuen Tanzabends „All our Stories“ am Osnabrücker Theater am Domhof.

Der Nebel auf der Bühne rückt das Geschehen in eine unbestimmte Ferne, dorthin, wo sich der Abschied vom Vertrauten und ein Neubeginn in der Fremde abspielen. Streicherbässe variieren eine eingängige kleine Melodie, bevor Bläser in sie einstimmen. Die „Ibn Arabi Suite“ hat Kinan Azmeh fürs Osnabrücker Symphonieorchester instrumentiert.

In diese sehr erzählerische Musik fällt bald auch die wunderschön timbrierte Stimme der am Osnabrücker Theater neuen Mezzosopranistin und Altistin Nadia Steinhardt ein. Spätestens in diesem Moment setzt sie ein, die magische Allianz aus musikalischem und tänzerischen Geschehen, die bis zum Ende der rund 70 Minuten nicht mehr aufhört.

Schlicht ist auch das Bühnenbild von Isabel Kork: Zwei drehbare Kästen signalisieren, was sich im Innenraum einer Wohnung abspielt und was in der Außenwelt. In unterschiedliche Töne von Blau von Hellblau über Türkis bis zu Dunkelblau hat Isabel Kork die Tänzerinnen und Tänzer der Osnabrücker Dance Company gewandet, die für ganz eigene Schicksale stehen.

Eine Tänzerin, Marine Sanchez Egasse, schreitet einsam sinnend aus dem Off. Sie sucht die Nähe zu einem Tänzer und stößt sie wieder zurück. Begleitet wird sie von einer sehnsüchtigen Melodie. Sind es alte Bindungen, die beim Aufbruch ins Neue behindern? Eindeutig zu verstehen sind die vielen kleinen Geschichten nicht immer, die der in Barcelona lebende Choreograf Thomas Noone mit „All our Stories“ erzählt.

Aber so viel ist klar: Wie auch immer die Menschen sich hier begegnen und voneinander entfernen, sie suchen immer den Körperkontakt. Wie zwei langgezogene Töne aus dem Orchester berühren sich Fingerspitzen, fassen sich Hände. Eine Person wird selten in den leeren Raum gestoßen, sondern in die körperliche Obhut der nächsten übergeben.

Das strahlt etwas sehr Berührendes, Tröstliches, Humanes aus. Wer will, muss nicht allein sein, auch nicht in der Fremde. Wie in jener Szene, in der ein Tänzer rüde von seiner Schlafpritsche verdrängt wird und dann von seinem Sitzplatz unterhalb des Bettes. Erst nachdem ganze sechs Personen sein Schlafgemach belagern, schafft er es, sich rücksichtsvoll aber beharrlich sein eigenes Schlafplätzchen freizuschieben.

Ein Bild der Hoffnung, das auch die tiefe Liebesbeziehung zwischen Tanz und Musik unterstreicht. Seong-Bin Oh, als 2. Kapellmeister auch neu am Theater Osnabrück, verschafft sich so einen eindrucksvollen Einstand. Frisch, präzise, gefühlvoll und völlig selbstverständlich präsentiert er, was Kinan Azmeh an östlichen und westlichen melodischen und rhythmischen Stilen gekonnt miteinander verwoben hat. Der syrische Komponist hat das jüngste Osnabrücker Morgenland-Festival geleitet.

Auch Thomas Noone vermag spielerisch leicht vom Okzident zum Orient wechseln. Bei der finalen syrischen Hochzeit zur „Suite for Improvisor and Orchestra“ verlegt er seine raumgreifende Tanzgestik gleichsam zurück in den Körper und die sich windenden Bewegungen, die man etwa vom Bauchtanz her kennt. Ein anrührender Hochgenuss für Augen und Ohren, dem das Premierenpublikum stehend und mit hellem Jubel besonders auch für den exzellenten Soloklarinettisten Marian Ghisa, Lehrbeauftragter am Osnabrücker Institut für Musik, mindestens sechs Vorhänge lang applaudiert.

Weitere Aufführungen: 30. und 31. Oktober, 6. November. Karten unter Tel. 0541-760076 oder unter theater-osnabrueck.de

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