Teheran  Widerstand durch Headbanging: Konzert-Video iranischer Frauen geht um die Welt

Matti Gerstenlauer
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Von Matti Gerstenlauer
| 28.10.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Schon in der Vergangenheit, wie hier auf einem Konzert 2024, gab es immer wieder Fälle von zivilem Ungehorsam gegen die für viele Iranern als Einschränkung angesehene Kopftuch-Pflicht für Frauen. Foto: IMAGO/ZUMA Wire
Schon in der Vergangenheit, wie hier auf einem Konzert 2024, gab es immer wieder Fälle von zivilem Ungehorsam gegen die für viele Iranern als Einschränkung angesehene Kopftuch-Pflicht für Frauen. Foto: IMAGO/ZUMA Wire
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Drei Jahre nach den Massenprotesten im Iran geht ein Video viral, das eine Menschenmenge bei einem Straßenkonzert in Teheran zeigen soll. Darunter auch viele Frauen ohne Kopftücher, die zur Musik tanzen – obwohl das dort verboten ist.

Ausgelassene Stimmung, eine punkig anmutende Straßen-Band spielt „Seven Nation Army“ von den White Stripes, tanzende Frauen und Männer genießen einen lauen Herbstabend – sogar Headbanging, das Genre-typische Kopfnicken mit fliegenden Haaren, ist zu sehen. Was klingt, wie eine harmlose Szene aus Berlin, Rom, Paris oder Los Angeles könnte für viele der Anwesenden mit einer Gefängnisstrafe enden.

Denn das Video, das in den vergangenen Tagen vor allem in der arabischen Welt viral geht, zeigt Teheran. Wie in allen anderen Teilen des Irans ist auch in der Hauptstadt das Tragen eines Kopftuchs für Frauen Pflicht – Tanzen und westliche Rockmusik stehen unter Strafe oder werden zensiert.

Über das Straßen-Konzert berichteten zunächst mehrere arabische Online-Plattformen, die auch die Echtheit des Inhalts bestätigen sollen. Nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur (dpa) handelt es sich bei den Aufnahmen um eine Privatversammlung von Freunden und Studenten in der Teheraner Innenstadt. Es sei daher davon auszugehen, dass es sich hier um einen Einzelfall handle und nicht um eine neue gesellschaftliche Bewegung, so die dpa.

Dennoch: Dass sich junge Menschen so offen gegen die Gesetze der Regierung stellen, ist im Iran nicht ungefährlich. Immer wieder gibt es Berichte über lange Haftstrafen und Hinrichtungen.

Doch das scheint die vielen Frauen nicht zu stören, die sich laut einem Bericht in einem Studentenviertel in Teheran eingefunden hatten, um den Straßenmusikern zuzuhören, die ebenfalls sehr westlich gekleidet sind – kein Kopftuch weit und breit, eine junge Frau trägt rosafarbene Strähnen im Haar. Ursprünglich stammt das Video von dem iranischen Schauspieler Mohammad Heidari, der es auf der Plattform „X“ postete. Innerhalb kürzester Zeit verbreitete es sich über die sozialen Medien.

Seitdem die Mullahs und ihre Revolutionsgarden durch die islamische Revolution 1979 im Iran an die Macht gekommen sind, hat sich das einst weltoffene Land stark verändert. Frauen sind verpflichtet, ein Kopftuch zu tragen, öffentliches Tanzen ist verboten, westliche Filme oder Musik werden stark zensiert. Doch in den vergangenen Jahren bröckelte das Regime zusehends.

2022 bildeten sich unter dem Motto „Frauen, Leben, Freiheit“ Massenproteste, ein Ende der Mullah-Herrschaft schien in Aussicht. Daraus wurde nichts. Doch vor allem die jüngere Generation scheint sich nicht mehr ohne jeglichen Widerstand kontrollieren zu lassen. Ein Anzeichen dafür ist das Video, das in arabischen Staaten, aber auch im Westen für Hoffnung sorgt. Junge Frauen zeigen sich dort als gleichwertigen Teil der Gesellschaft – ohne Einschränkungen durch religiöse Zwänge.

Ein Grund dafür, dass dieses Konzert mit diesem Publikum überhaupt möglich war, könnte die Unzulänglichkeit des Regimes selbst sein. Wie das Online-Medium „Radio free Europe“ unter Berufung auf seinen iranischen Ableger „Radio Farda“ berichtet, sei das Regime nicht in der Lage, seine eigenen Regeln umzusetzen.

Ein Mitglied des iranischen Schlichtungsrates berichtete, dass das neue Hidschab-Gesetz „nicht durchsetzbar“ sei. Das Gremium berät auch den obersten Führer der Mullahs, Ali Khamenei. Mohammad Reza Bahonar erklärte Reportern, dass es im Grunde überhaupt „kein in Kraft getretenes obligatorisches Hidschab-Gesetz“ gebe.

Seine Kommentare lösten einen Aufruhr unter Hardlinern aus, unterstrichen jedoch auch die Realität in den Großstädten, in denen die Behörden die Durchsetzung des Hidschab, einer Schlüsselsäule der Islamischen Republik, gelockert haben – zumindest in Teilen Teherans.

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