Fachkräfte-Initiative  Weitere vietnamesische Azubis starten in Norden ins Berufsleben

Rebecca Kresse
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Von Rebecca Kresse
| 30.10.2025 08:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Philip Nguyen (von rechts) von I-Azubi, Jelto Müller von der WLA, Landrat Olaf meinen und Bao Doan von I-Abzubi begrüßten neue und „alte“ Azubis aus Vietnam im Norddeicher Hotel Fährhaus. Foto: Rebecca Kresse
Philip Nguyen (von rechts) von I-Azubi, Jelto Müller von der WLA, Landrat Olaf meinen und Bao Doan von I-Abzubi begrüßten neue und „alte“ Azubis aus Vietnam im Norddeicher Hotel Fährhaus. Foto: Rebecca Kresse
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Immer mehr Betriebe in Norden und Aurich setzen auf junge Menschen aus Vietnam gegen den Fachkräftemangel. Eine Willkommensveranstaltung in Norddeich zeigt, wie Integration und Unterstützung gelingen.

Norden/Aurich - Immer mehr Betriebe im Landkreis Aurich stehen vor dem gleichen Problem: Sie finden keine Auszubildenden. Der Fachkräftemangel ist längst auch in Ostfriesland angekommen. Eine Initiative aus Norden hat sich zur Aufgabe gemacht, das zu ändern – und setzt dabei seit 2023 auf junge Menschen aus Vietnam. Jetzt hat die Wirtschaftsförderung Landkreis Aurich GmbH (WLA) im Hotel Fährhaus Norddeich zur Willkommensveranstaltung für die vietnamesischen Auszubildenden eingeladen, die in diesem Jahr ihre Ausbildung in zahlreichen Betrieben im Kreis begonnen haben. Unter den Gästen war auch Landrat Olaf Meinen, der die jungen Menschen sogar mit zwei Worten auf Vietnamesisch begrüßte – auch wenn er diese ablesen musste.

Insgesamt 40 Auszubildende wurden durch die Initiative in den Jahren 2024 und 2025 an Betriebe im Landkreis Aurich vermittelt. Elf Unternehmen bilden aktuell in insgesamt 13 verschiedenen Ausbildungsberufen aus. Für das Jahr 2025 befinden sich weitere vier neue Ausbildungsbetriebe und sieben Auszubildende noch im Vermittlungsprozess.

Beeindruckende Beispiele

Was die nackten Zahlen nicht zeigen, sind die Menschen hinter der Statistik. Denn 40 Azubis aus Vietnam bedeuten 40 junge Menschen, die ihre Heimat – etwa die Millionenmetropole Hanoi – verlassen haben, um im beschaulichen Norden, Norddeich oder auf Norderney einen Neustart zu wagen. Sie leben fern von Familie und Freunden, in einer Kultur, die ihnen zunächst fremd ist, und mit einer Sprache, die alle als größte Herausforderung bezeichnen. Menschen wie Trung Nguyen, Auszubildender als Steuerfachangestellter im dritten Lehrjahr bei AFP – die Berater. In der Berufsschule zählt er mit seinem Einserzeugnis zu den besten Azubis. Wie er in beeindruckendem Deutsch erzählte, ist er sehr zufrieden mit seiner Ausbildung und seinem Leben in Norden. Er möchte gerne bleiben und gab seinem Ausbilder Dr. Carsten Frevert einen Wink mit dem Zaunpfahl. „Ich hoffe sehr, dass ich nach meiner Ausbildung übernommen werde“, sagte Nguyen – sehr zur Freude der Anwesenden. Seine Chancen stünden nicht schlecht, nahm Frevert den Ball auf und sorgte damit erneut für Heiterkeit in der Runde.

Mit einem fröhlichen: „Hallo, Moin zusammen“, begrüßte Nam Ngoc Nguyen die Gäste. Er ist Auszubildender im zweiten Lehrjahr als Industriemechaniker bei Tell Bau. „Ich freue mich, heute hier zu sein und über meine Ausbildung zu erzählen“, sagte er. Er arbeite in der Werkstatt, erzählte er. „Wenn etwas kaputt ist, werde ich es heilen“, sagte Nguyen. Er berichtete aber auch von seinen Anfängen vor einem Jahr. Alles sei neu gewesen, die Menschen, die Sprache, die Arbeit. Das sei für ihn persönlich „echt schwierig“ gewesen, gab Nguyen zu. Mittlerweile sei es besser. Er habe ein tolles Team und tolle Kollegen, die ihm immer helfen, wenn er Schwierigkeiten habe. „Mit der Zeit wurde alles besser, ich habe so viel gelernt, vor allem aus Fehlern, davon gibt es genug“, sagte Nguyen mit einem Lachen. Für die neuen Azubis aus seiner Heimat hatte er ein paar Ratschläge mitgebracht: „Habt Geduld, fragt viel, wenn etwas unklar ist, und lacht über die Fehler. So lernt man am besten“, sagte Nam Ngoc Nguyen.

Agentur kümmert sich um Azubis

Thi Hong Linh Thach ist Auszubildende zur Bäckereifachverkäuferin im zweiten Lehrjahr bei der Inselbäckerei Bethke auf Norderney. Sie überzeugt nicht nur täglich ihre Kunden mit ihrer fröhlichen Art, sondern zog auch die Gäste im Hotel Fährhaus in ihren Bann. Sie bedankte sich für die Unterstützung und die Offenheit, die sie auch bei der Willkommensveranstaltung erlebt hat. „Besonders danke ich meinem Chef Andy“, sagte sie und betonte, dass auch ihre Kollegen in der Bäckerei sehr nett und freundlich zu ihr sind. Vor allem seien sie aber auch immer hilfsbereit und geduldig mit ihr. „Ich finde diese Ausbildung sehr gut“, sagte Thach. Vor allem, dass sie jeden Tag mit den Kunden sprechen und sie beraten kann, gefällt ihr. „Ich mag es, ihnen jeden Tag ein Lächeln zu schenken“, sagte Thi Hong Linh Thach, was auch den Anwesenden ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Das Leben auf Norderney passe sehr gut zu ihr, auch wenn es „ein bisschen ruhig“ sei.

Dass die Auszubildenden trotz aller Herausforderungen hier glücklich sind, liegt an der guten Vorbereitung, Betreuung und Unterstützung durch das Unternehmen I-Azubi und dessen Gründer Philip Nguyen und Bao Doan. Nguyen und Doan sind beide in Norden aufgewachsen und haben familiär eine vietnamesische Zuwanderungsgeschichte. Beide erlebten in Großstädten den Fachkräftemangel und fehlenden Nachwuchs: Philip Nguyen im Dienstleistungsbereich, Bao Doan bei der Agentur für Arbeit und in der Verwaltung. Ihr Ziel mit dem Unternehmen: Sie möchten aktiv etwas gegen den Fachkräftemangel tun und gleichzeitig ihre Heimatregion unterstützen und stärken – also etwas zurückgeben. „Unser Ziel ist es, Menschen, die wollen, mit Betrieben, die können, zu verbinden“, so Nguyen.

Norder Freundschaften führten zur Initiative

Geholfen auf dem Weg zur erfolgreichen Fachkräfteinitiative sind vor allem aber auch Norder Freundschaften aus der Jugendzeit. So kannte Dr. Carsten Frevert von AFP die beiden Gründer schon aus Kindergarten- beziehungsweise Schulzeiten. Deshalb wurde er auch im Jahr 2023 quasi zum Testballon für das Start-up und den ersten Azubi aus Vietnam. Das war Trung Nguyen. „Weil ich selbst erlebt habe, wie gut das funktioniert und wie gut I-Azubi sich kümmert, kann ich meinem Netzwerk ebenfalls empfehlen, ihr Fachkräfteproblem auf diesem Weg in den Griff zu kriegen“, sagte Frevert. Tatsächlich sei er Partner der ersten Stunde und habe viel Einblick in die Erfolgsgeschichten der Auszubildenden, von denen sehr viele bei seinen Mandanten arbeiten würden.

Auch den Geschäftsführer der WLA, Jelto Müller, kannte Frevert „von früher, vom Fußball“. Und so fügte sich eins zum anderen.

Seit Beginn der Fachkräfteinitiative im Jahr 2024 unterstützt die Wirtschaftsförderung des Landkreises Aurich Ausbildungsbetriebe und Auszubildende mit Angeboten im Bereich Wohnungsausstattung, Mobilität, Sprachförderung auf Norderney und in Norden sowie mit Events für den Austausch und das Teamgefühl. Insgesamt zehn Ausbildungsberufe, davon sechs neue, sind im Jahr 2025 dazugekommen: Bäckereifachverkäufer, Hotelfachmann, Restaurantfachmann, Koch, Bäcker, Straßenbauer, Fachmann der Systemgastronomie, Fachkraft für Lagerlogistik, Zahnmedizinische Fachangestellte und Pflegefachkraft. Jelto Müller hob hervor, dass es nicht ausreicht, einfach nur Azubis nach Deutschland zu bringen. Das Team von I-Azubi bestätigte das: „Genau deshalb begleiten wir sie von Anfang an. Gemeinsam mit der WLA haben wir die passenden Betriebe gefunden und uns um die bürokratischen Hürden gekümmert. In Vietnam haben wir die Azubis sprachlich und kulturell vorbereitet, sodass sie hier nicht bei null anfangen“, so Nguyen.

Landrat Olaf Meinen betonte die Bedeutung solcher Projekte: „Heute gute Leute für die Betriebe zu gewinnen, ist nicht so einfach.“ Man müsse sich als Betrieb attraktiv machen und gute Arbeitsbedingungen bieten. Meinen ist dankbar, dass die Initiative entstanden ist. „Was nützen die besten Hotels, wenn niemand da ist, um die Gäste zu bedienen?“ Die Azubis bringen nicht nur Fachkräfte in die Region, sondern auch neue Perspektiven und interkulturellen Austausch.

Für I-Azubi ist klar: Es braucht neue Wege, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Die Auszubildenden sind motiviert und langfristig interessiert, in Deutschland zu arbeiten und sich eine Zukunft aufzubauen. Die Initiative steht ihnen zur Seite, hilft bei Herausforderungen und sorgt dafür, dass sie sich in Deutschland wohlfühlen. Die WLA hat in Zusammenarbeit mit der KVHS Aurich-Norden die Wohnungen für die Neuankömmlinge ausgestattet und Fahrräder für alle Auszubildenden besorgt, damit sie mobil sind. Nguyen und Doan kümmern sich um die persönliche Betreuung. Sie sind bereits für die Akquise der Auszubildenden in Vietnam verantwortlich, besuchen dort Sprachschulen und Familien, um herauszufinden, welche Kompetenzen, Qualifikationen und Motivation die Kandidaten mitbringen. Sie klären über die Voraussetzungen und die mögliche Zukunft in Ostfriesland auf und begleiten die Azubis während der gesamten Ausbildung. Das unterscheidet sie von einer herkömmlichen Vermittlungsagentur. „Unser Ziel ist ein fairer, transparenter Prozess für alle Seiten, denn nur so kann die nötige Nachhaltigkeit und der daraus resultierende Mehrwert für den Landkreis und die Unternehmen geschaffen werden“, ergänzte Jelto Müller.

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