Osnabrück  Russendisko im Alando: Warum es sinnvoll ist, über den Namen zu reden

Markus Pöhlking
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Von Markus Pöhlking
| 03.11.2025 16:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Propagandistisch aufgeladen: Symbole, die mit Russlands Krieg gegen die Ukraine assoziiert sind. Spielen sie bald womöglich auch im Osnabrücker Nachtleben eine Rolle? Foto: IMAGO/Dmitry Rogulin
Propagandistisch aufgeladen: Symbole, die mit Russlands Krieg gegen die Ukraine assoziiert sind. Spielen sie bald womöglich auch im Osnabrücker Nachtleben eine Rolle? Foto: IMAGO/Dmitry Rogulin
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Für das Hirngespinst einer „russischen Welt“ verwüstet Wladimir Putin die Ukraine und ruiniert sein eigenes Land. Verständlich, dass die Bezeichnung „Russian Sensation“ für ein Disco-Event in der Friedensstadt Störgefühle hervorruft. Vielleicht wäre es Zeit für sprachliches Nachsteuern.

Seit fast vier Jahren bekämpft die russische Armee in der Ukraine alles, was ihr ins Visier kommt: Hochhäuser, Kindergärten, Landwirte bei der Ernte, bisweilen auch militärische Ziele. Ein Ende des Krieges zeichnet sich nicht ab, noch ist ein klar formuliertes Ziel des Kremls erkennbar. Vor diesem Hintergrund lädt eine Disco in der Friedensstadt Osnabrück zur „Russian Sensation“? Befremdlich wirkt das schon.

Der Verweis auf die Historie des Formats kann helfen, das Befremden zu mindern. Bald ein Jahrzehnt gibt es die Partyreihe „Russian Sensation.“ Bei ihrer Premiere, im Jahr 2016, war die Welt eine andere: Der verdeckte Krieg Putins gegen das Nachbarland schien eingehegt, es bestand die trügerische Hoffnung auf ein Miteinander in Europa.

Eingewoben in diese Hoffnung war die Möglichkeit, das Attribut „Russisch“ für kulturelle Errungenschaften und Codes jenseits von Putin zu nutzen. Für eine deutsche Öffentlichkeit war der Begriff „Russian Sensation“ damals weitgehend unverfänglich. Seinen Schöpfern ist kaum zu unterstellen, sie schlügen sich damit auf die Seite eines Aggressors. Es ist zuletzt ihre unternehmerische Entscheidung, am Namen festzuhalten oder auch nicht. Das gilt es zu respektieren.

Wahr ist aber auch: In einer Zeit, in der Russland Terror und Zerstörung über eine Gesellschaft bringt, die kein Teil Russlands sein will, gerät das Konzept der Party in eine Schieflage. Länder wie Estland, Moldau oder die Ukraine unter dem Etikett „Russisch“ mitzumeinen, ist wenig sensibel und eigentlich eine sprachliche Übergriffigkeit. Dass in den genannten Ländern viele Menschen (auch) Russisch sprechen, ändert daran nichts. Von der Wahl der Sprache lässt sich nicht auf Weltanschauungen oder kulturelle und nationale Zugehörigkeitsgefühle schließen – auch, wenn der Kreml das gern behauptet.

Eine Erkenntnis, die in Deutschland teils erst nach und nach reift. Im Falle der Party im Alando scheint immerhin allen klar, dass der Begriff „Russian“ irgendwie belastet ist und nicht mehr so funktioniert, wie er mal gedacht war. Wäre ein neuer Name der Party-Reihe nicht vielleicht doch folgerichtig? Wie wäre es mit einem Titel, der nicht allein auf eine bestimmte Nation zielt – einer „Eastern Sensation“ zum Beispiel?

Einer Party mit integrativem Ansatz stünde das gut zu Gesicht, besonders natürlich in der Friedensstadt. Und wenn der Inhalt von gleicher Qualität bleibt, dürfte wohl auch die Zielgruppe treu bleiben. Raider ist schließlich immer noch am Markt – obschon es seit gut 34 Jahren als „Twix“ in den Regalen liegt.

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