Dorfladen Strackholt Im schweren fünften Jahr zählt jeder Einkauf
Der Dorfladen in Strackholt ist mehr als ein Supermarkt. Doch das letzte Jahr war schwer. Baustellen und Personalmangel bringen das Projekt an seine Grenzen. Jetzt muss das ganze Dorf mitziehen.
Strackholt - Johann Kampen kommt eigentlich aus Wiesmoor, doch wenn er und seine Frau gerade nichts anderes im Wiesmoorer Zentrum vorhaben, fahren sie zum Einkaufen lieber in den Dorfladen nach Strackholt. „Das ist für uns genauso weit wie nach Wiesmoor. Aber wir mögen es lieber überschaubar und persönlich“, sagt der Rentner und hievt einen Sack Kartoffeln auf das Kassenband. Diese Liebeserklärung an den genossenschaftlich und mit viel Herzblut geführten Mini-Supermarkt am Strackholter Kreisel geht den Verantwortlichen runter wie Öl.
Der Vorstand hat sich an diesem Tag mit Marktleiterin Ilona Beyen und weiteren Helfern in der Sitzecke vor dem Backshop getroffen. Das ist im Dorfladen Tradition, wenn man etwas zu erzählen hat. Es geht um ein besonderes Thema, denn den Mini-Supermarkt gibt es mittlerweile seit fünf Jahren. Eigentlich ist das ein Grund zu feiern, doch die Gesichter der Leute am Tisch sagen etwas anderes: „Wir wollen nicht schwarzmalen, aber wir haben durch die Baustelle schon eine schwere Zeit hinter uns“, sagt Ortsbürgermeister und Dorfladen-Aufsichtsratsmitglied Haralt Theilken.
Baustelle bringt Kundenschwund: ein hartes Jahr
Die Baustelle an der B 436 zwischen Bagband und Strackholt ab März 2025 hat dem Dorfladen zugesetzt. Zuletzt wurde im Juli der Kreisel direkt vor dem Dorfladen erneuert. Immer wieder war die Zufahrt gesperrt. Umleitungen führten die Kunden über weite Umwege durch die Nachbardörfer. „Das war eine Katastrophe“, sagt Haralt Theilken rückblickend. Die Kundenzahlen sind in dieser Zeit deutlich eingebrochen: Statt wie früher rund 200 Menschen am Tag kamen nur noch etwa 120 in den Laden.
Das ist eine Zahl, die den Verantwortlichen Sorgenfalten auf die Stirn treibt. „Vor allem kaufen die Kunden im Durchschnitt gerade einmal für 10 Euro ein“, sagt Ilona Beyen mit einem Blick auf die Zahlen. „So ein Dorfladen trägt sich nicht von allein. Wir sind schon darauf angewiesen, dass wir Kundschaft kriegen und auch etwas umgesetzt wird“, betont Manfred Rupp. Denn die Margen im Einzelhandel sind klein. Wie problematisch der Betrieb eines Dorfladens ist, hat sich schon beim Vorgänger gezeigt.
Genossenschaft und Gemeinschaft: Die Rettung des Dorfladens
Mit der Insolvenz der Allerhand GmbH, einer Tochtergesellschaft des Leinerstifts, musste der Dorfladen Ende Juli 2019 schließen. Der Betrieb rechnete sich einfach nicht mehr. Doch die Strackholter wollten sich nicht geschlagen geben: Wenige Monate später gründeten engagierte Bürger eine Genossenschaft, um die Nahversorgung im Ort zu retten. Nach viel Planung, einigen Hürden und mit viel ehrenamtlichem Einsatz konnte der neue Dorfladen am 1. Juli 2020 in den Räumen der ehemaligen Sparkassenfiliale wieder öffnen.
Der Dorfladen ist für viele Strackholter längst mehr als nur ein Ort zum Einkaufen. „Wir sehen uns auch als sozialen Anlaufpunkt“, sagt Udo Schöttler. In der Sitzecke vor dem Backshop wird nicht nur Kaffee getrunken, sondern auch geschnackt, gelacht und manchmal einfach nur zugehört. Für viele ältere Menschen und die Bewohner des nahegelegenen Altenheims ist der Laden ein Stück Lebensqualität – und für viele im Dorf ein Ort, an dem man sich trifft und ins Gespräch kommt. „Wenn wir diesen Laden halten wollen, dann muss auch das ganze Dorf mitmachen. Das ist eine Gemeinschaftsleistung“, bringt es Schöttler auf den Punkt.
Warum im Dorfladen in Strackholt jeder Einkauf zählt
„Wirtschaftlich kannst du so einen Laden nicht betreiben, das wussten wir auch vorher. Trotzdem muss am Ende die Kasse stimmen“, sagt Udo Schöttler. Er ist nach dem Tod seines Vaters nicht nur der neue Verpächter des Dorfladens, sondern steckt auch selbst viel Energie in das Projekt. Sein Vater, Christian Schöttler, hatte die ehemalige Sparkassenfiliale zu einem besonders günstigen Preis an die Genossenschaft vermietet – für ihn war das Ehrensache, um das Dorf zu unterstützen.
Udo Schöttler führt dieses Engagement fort und ist selbst regelmäßig im Laden aktiv – ehrenamtlich. Ohne solche Unterstützung wäre der Dorfladen längst Geschichte. „Etwa ein Drittel der Arbeitszeit wird unbezahlt gestemmt“, sagt Schöttler. Viele seien dabei, weil sie wollen, dass es den Laden weiterhin gibt. „Hier arbeitet keiner, um reich zu werden. Fünf Jahre haben wir schon geschafft, und darauf können alle sehr stolz sein.“
Mitmachen und Mitbesitzen: So kann jeder helfen
Wer den Dorfladen finanziell unterstützen möchte, kann nicht nur Geld spenden, sondern auch Genossenschaftsanteile erwerben. Für einmalig 150 Euro wird man so zum Miteigentümer. „Mit den Einlagen können wir nicht nur laufende Kosten stemmen, sondern auch investieren“, erklärt Haralt Theilken. Ein lang gehegter Traum des Teams ist zum Beispiel eine Kühltheke für empfindliches Obst und Gemüse. „Damit könnten wir die Qualität noch weiter verbessern und das Angebot für unsere Kunden ausbauen“, sagt Ilona Beyen. Jeder neue Anteil bringt den Dorfladen diesem Ziel ein Stück näher – und hilft, die Zukunft des Ladens zu sichern.
Hilfe ist auf viele Arten möglich – ob beim Regaleeinräumen, beim Putzen, beim Verpacken von Geschenken oder einfach durch den regelmäßigen Einkauf. Momentan braucht das Team vor allem Menschen, die anpacken. Nach der Krebserkrankung und dem Tod der einzigen Vollzeitkraft, Torsten Möller, ist nicht nur menschlich eine große Lücke entstanden. „Das Arbeitsamt hat momentan leider keine Förderprogramme, durch die eine vergleichbare Stelle wieder besetzt werden könnte, und es gibt auch keine Interessenten“, sagt Haralt Theilken. „Es sollte jemand sein, der die Arbeit mit Herzblut macht, wie Torsten Möller und wir alle.“
Sortiment, Service und was ist mit den Preisen?
Was das Team auf die Beine stellt, kann sich sehen lassen: „Manche Ortschaft wäre schon zufrieden, wenn sie eine Postfiliale hätte“, sagt Manfred Rupp. Im Strackholter Dorfladen gibt es sogar noch viel mehr: Neben der Post- und Paketstation gibt es Lotto und Toto, einen Backshop mit frischen Brötchen und Kuchen. Die Theke mit Fleisch- und Wurstwaren wird von der Fleischerei Eckhoff aus Jheringsfehn bestückt – auf Wunsch gibt es größere Mengen zum nächsten Tag auf Bestellung. Wer möchte, kann sich sogar einen Präsentkorb zusammenstellen lassen oder den Getränkeservice nutzen.
„Wir haben ein gutes Sortiment und man findet hier eigentlich alles.“ Ein Vorurteil halte sich allerdings hartnäckig: dass es im Dorfladen teurer sein soll als bei den großen Ketten, sagt Haralt Theilken und erklärt, warum das nicht stimmt: „Unsere Preise liegen auf dem Niveau der Supermärkte.“ Die meisten Produkte bezieht das Dorfladen-Team über die Bünting-Gruppe. Die Preise werden tagesaktuell angepasst. „Wir können gar nicht teurer sein als die Mitbewerber. Die Preise gibt unser Kassensystem vor“, so Theilken. Wer also im Dorfladen einkauft, zahlt nicht mehr, unterstützt aber direkt die Gemeinschaft.
Gemeinsam in die Zukunft – auch digital
Das Dorfladen-Team hat vorgelegt – jetzt müssen die Kunden mitziehen, damit es auch in Zukunft einen Supermarkt in Strackholt geben wird. Die Hoffnung ist groß, dass nach dem Ende der Bauarbeiten wieder mehr Menschen den Weg in den Laden finden. Wer dann noch den Wocheneinkauf hier erledigt, statt nur Brot oder Milch zu holen, hilft auch der Gemeinschaft. Schon kleine Veränderungen können das Überleben des Marktes deutlich erleichtern. „Wenn jeder Kunde im Schnitt nicht nur für 10, sondern für 15 Euro einkaufen würde, wäre es für uns schon eine große Hilfe“, sagt Ilona Beyen.
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
Um noch mehr Menschen – vor allem auch die Jüngeren – zu erreichen, setzt das Dorfladen-Team auch auf soziale Medien: Seit Kurzem gibt es den Dorfladen Strackholt als www.instagram.com/meindorfladen auf Instagram. Dort werden regelmäßig Neuigkeiten, Aktionen und die aktuellen Angebote gepostet. Damit will das Team zeigen, was es im Laden gibt und wie viel Herzblut drinsteckt. Auch einen WhatsApp-Kanal gibt es bereits, über den die Kunden direkt auf dem Handy über Angebote informiert werden. So soll der Dorfladen nicht nur im Dorf, sondern auch digital noch sichtbarer werden.