Osnabrück  Der Fall Eva Illouz: Wie die Kultur zur Kampfzone der Scharfrichter verkommt

Stefan Lüddemann
|
Von Stefan Lüddemann
| 08.11.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Soziologin und Bestsellerautorin: Die Wissenschaftlerin Eva Illouz. Foto: imago images / Future Image
Soziologin und Bestsellerautorin: Die Wissenschaftlerin Eva Illouz. Foto: imago images / Future Image
Artikel teilen:

Ein Festival findet wirklich kein Ende – jenes der Cancel Culture. Jetzt trifft es die Soziologin und Bestsellerautorin Eva Illouz. Ich erkläre, warum dieser Fall besonders bitter ist.

Sie schreibt über die Liebe, hat jetzt aber den Hass in giftigster Konzentration erfahren: Die Rotterdamer Universität hat die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz erst zu einem Vortrag eingeladen und sie nun wieder ausgeladen. Der Vorhalt: Ihre Lehrtätigkeit an der Universität von Jerusalem verursache ein „Unwohlsein“. Das klingt auf zweideutige Weise gefühlig und fügt sich daher auf ironische Weise bestens zu dem Institut, das Illouz eingeladen hatte – das „Love Lab“ der Hochschule.

Nun ließe sich über diesen neuerlichen Fall der Cancel Culture – was hat canceln eigentlich mit Kultur zu tun? – mit einem bitteren Achselzucken hinweggehen. Hat sich die Kulturszene über den Konflikt um Israel und Gaza nicht heillos zerstritten, ihren einstmals offenen Debattenraum nicht längst in ein Kriegsgebiet der Demarkationslinien verwandelt – und das ohne dirigistischen Eingriff von außen? Ja, so ist es.

Auf bittere Weise vertraut ist auch die Weise, eine Ausladung nicht mit einem trennscharfen Argument, sondern mit einer wattigen Emotion zu begründen. Das erinnert an jenes Unwohlsein, das Berliner Chorsänger bei dem Wort „Oberindianer“ empfanden, als sie in einem Konzert ausgerechnet der „Vielfalt“ Udo Lindenbergs mauersprengenden Klassiker „Sonderzug nach Pankow“ anstimmen sollten. Der kollektive Richterspruch der Choristen wirkte auf mich bigott – und zugleich scharfrichterlich.

Die aktuelle Kontroverse trifft eine Autorin, die mit Büchern wie „Die neue Liebesordnung“ und „Warum Liebe endet“ eine breite Leserschaft erreicht. Illouz zeigt, dass soziologische Bücher Bestseller sein können. Sie ist für mich aber nicht allein aus diesem Grund die Intellektuelle der Stunde. Denn Illouz nimmt in den Kulturkontroversen um das Konfliktfeld Israel und Gaza eine denkbar aufgeklärte Position ein.

Sie benennt die Gräuel, die Israels Armee den Menschen in Gaza antut, ebenso beim schrecklichen Namen wie jenen kaum noch kaschierten Antisemitismus, der sich in vielen Bekundungen der Kundgebungen pro Palästina immer offener zeigt. Sie vollführt damit keinen wohlfeilen Spagat, sondern debattiert trennscharf in jede Richtung. Illouz lässt sich vor allem als Intellektuelle ihr aufgeklärtes Bewusstsein nicht von aktivistischer Hitze vernebeln. Das nehmen ihr viele Kulturleute offenbar übel.

Mir dagegen wird bei dieser Causa auch deshalb so richtig übel, weil Illouz von einer Universität gecancelt worden ist, die den Namen des Humanisten Erasmus von Rotterdam (1466-1539) führt. Erasmus war der König der Humanisten, der überlegene Vermittler in Zeiten heftiger Glaubenskonflikte. Seine „Sendung und Lebenssinn war die harmonische Zusammenfassung der Gegensätze im Geiste der Humanität“, schrieb der Schriftsteller Stefan Zweig in seiner Biographie „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“. Mit diesem 1934 publizierten Buch lieferte Zweig ein verstecktes Selbstporträt des von Ideologie und Gewalt bedrängten Intellektuellen – im Moment seiner Exilierung.

Sind sich die Rotterdamer Universitätsvertreter solcher Zusammenhänge nicht mehr bewusst? Verstehen sie nicht, welch fatale Querverweise auf die Zeit des Nationalsozialismus sie mit ihrer Ausladung liefern? Stefan Zweig wusste, dass mit dem Exil das schöne Leben des erfolgreichen und von den Lesern geliebten Verfassers gerade von Biographien wie jene über Marie Antoinette oder Honoré de Balzac vorbei sein würde. Auch Eva Illouz muss sich jetzt fühlen wie eine Denkerin, der nichts anderes als gedankliche Redlichkeit zum Vorwurf gemacht wird.

Die Kultur verträgt keine weitere Ausweitung der Kampfzone. Sie wird dringend gebraucht als Raum des freien Transfers der Gedanken und Konzepte, als Areal einer geübten Toleranz. Alles andere gibt es schon genug, von Rechtspopulisten, autoritären Herrschern, in sozialen Netzwerken. Seltsam genug, dass sich Vertreter des akademischen Betriebs wie Scharfrichter aufführen und es damit den Gegnern der Kultur gleichtun. Wann hört das endlich auf?

Ähnliche Artikel