Osnabrück  Luise Heyer über den Einfluss von Filmrollen: "Ein bisschen Spucke ist immer noch drin"

Frank Jürgens
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Von Frank Jürgens
| 08.11.2025 05:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Luise Heyer feiert große Erfolge in der Filmbranche – dennoch vermisst sie die Bühne. Foto: © Filmfest Hamburg Michael Kottmeier / Martin Kunze
Luise Heyer feiert große Erfolge in der Filmbranche – dennoch vermisst sie die Bühne. Foto: © Filmfest Hamburg Michael Kottmeier / Martin Kunze
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Luise Heyer gehört zu den vielseitigsten Schauspielerinnen der Gegenwart. Ab dem 13. November ist sie nun an der Seite von Matthias Schweighöfer und Verena Altenberger in der Romanverfilmung „Das Leben der Wünsche“ zu sehen. Im Interview erklärt sie, wie sich ihr Beruf auf Körper und Seele auswirkt.

Die 40-jährige Schauspielerin ist demnächst im neuen Film „Das Leben der Wünsche“ zu sehen. Vorab spricht Heyer über Oscar-Hoffnungen, Ängste auf der Bühne und neue Projekte.

Frage: Frau Heyer, Sie haben einen neuen Film gedreht, „Das Leben der Wünsche“. Ihr letzter Film „In die Sonne schauen“ ist ja jetzt schon ein extremer Erfolg. Sind Sie wunschlos glücklich?

Antwort: (Überlegt, lacht) Nee...

Frage: Nee?

Antwort: Klar, in Bezug auf den Beruf ist das natürlich total toll. Aber ich glaube, wenn man wunschlos glücklich ist im Leben, dann hat man ja nicht mehr so viel, was man erreichen möchte.

Frage: In dem Märchen „Die drei Wünsche“ von Johann Peter Hebel heißt es, „Wenn man‘s gut hat, hätt‘ man‘s gerne besser“. Ist da was dran?

Antwort: Ja, ich glaube, die Gefahr besteht immer, dass man das möchte, was man gerade nicht hat. Man wünscht sich etwas, und wenn man dann in der Situation ist, dass man das hat, wünscht man sich vielleicht das andere zurück, oder das nächste, etwas Neues. Es ist relativ schwierig, zufrieden zu sein.

Frage: Eine typisch menschliche Eigenschaft?

Antwort: Um immer weiterzukommen, wahrscheinlich. Aber ich glaube, Genügsamkeit kann etwas sehr Befreiendes haben.

Frage: Sie haben in zahlreichen schwierigen bis krassen, schwer zu spielenden Rollen überzeugt. Als Hape Kerkelings Mutter in „Der Junge muss an die frische Luft“, als mörderische Sabine in der gleichnamigen „Polizeiruf 110“-Episode oder zuletzt in der Verfilmung des Fitzek-Thrillers „Der Heimweg“. Können Sie am Ende von solchen Drehtagen überhaupt abschalten?

Antwort: Ich würde für mich sagen, dass ich das gut kann, auch wenn mein Umfeld vielleicht etwas Anderes sagen würde. Aber das ist natürlich auch davon abhängig, was ich spiele. Zum Beispiel beim „Heimweg“ ist das eine wahnsinnig körperliche Erfahrung gewesen. Es war kalt, es war Nacht, das war körperlich sehr anstrengend. Bei „Sabine“, dem „Polizeiruf“, wo ich auch viel alleine gespielt habe, war es glaube ich gut, dass ich nicht in meiner Heimatstadt Berlin gedreht hatte. Der Körper nimmt das ja auch auf, was man spielt. Der Körper ist sozusagen das Instrument. Das bleibt ja erst einmal, das lässt sich nicht von jetzt auf gleich abschütteln. Dem Körper ist es ja egal, ob die Emotion gespielt ist oder nicht. Sie ist erst einmal gespeichert.

Frage: Man nimmt schon etwas von der Rolle mit nach Hause von dem, was man gespielt hat?

Antwort: Wahrscheinlich schon, ja. Es wäre falsch zu sagen, dass man es einfach so abhakt. Dein Körper und deine Seele sind dein Instrument. Um es mal bildlich zu formulieren – wenn du Saxophon spielst und fertig bist, dann sind die Töne zwar durch, aber ein bisschen Spucke ist immer noch drin.

Frage: Sie haben diesmal an der Seite von Matthias Schweighöfer alias Felix dessen Ehefrau Bianca in Ihrem neuen Film „Das Leben der Wünsche“ gespielt. Eine deutlich entspanntere Rolle, oder?

Antwort: Ja. Es geht um viel realere Sachen, obwohl es ein Märchen und sehr fantastisch ist. Es geht um das Zerbrechen einer Beziehung, ohne dass man daraus jetzt ein Drama macht. Es geht um zwei Menschen, die sich zwar noch lieben, aber nicht mehr den selben Weg gehen können.

Frage: Wie sind Sie zu der Rolle gekommen und was hat Sie bewogen, diese anzunehmen?

Antwort: Gekommen bin ich ganz normal dazu, indem mir das Drehbuch geschickt wurde. Mich haben vor allem die ganzen fantastischen Elemente darin beeindruckt. Die Frauenfiguren fand ich allerdings zunächst noch etwas farblos. Dann habe ich mich mit dem Regisseur Erik Schmitt getroffen. Da habe ich bereits gemerkt, dass die Chemie stimmt. Und er hat gesagt, dass wir noch einmal an die Frauenfigur rangehen. Wir haben daran gearbeitet und hatten das gleiche Ziel.

Frage: Die Ehe zwischen Felix und Bianca ist ja ziemlich kaputt. Wie ist es dazu gekommen?

Antwort: ‚Ziemlich kaputt‘ hört sich jetzt etwas drastisch an. Am Ende haben sie sich einfach auseinandergelebt. Sie haben sich im Alltag verloren, so würde ich es formulieren. Es ist ja nicht so, dass da gar keine Liebe mehr ist, sondern dass sie einfach nicht mehr zusammenpassen. Menschen verändern sich. Die Perspektive aufs Leben verändert sich. Dafür kann ja das Gegenüber nichts.

Frage: Aber es ist schon so, dass Bianca ihre Karriere als Wissenschaftlerin für die Karriere des Mannes zurückgestellt hat, oder?

Antwort: Kann man so sehen. Aber sie hat diese Entscheidung auch ganz selbstständig getroffen. Für die Kinder. Und nun sagt sie sich halt ‚jetzt bin ich mal dran‘. Womit er dann nicht so richtig klar kommt.

Frage: Jetzt müssen wir aber noch einmal auf den Film „In die Sonne schauen“ zurückkommen. Hatten Sie mit dem großartigen Erfolg gerechnet?

Antwort: Als ich das Drehbuch gelesen habe, wusste ich, dass das sehr, sehr besonders ist und ich da unbedingt mitmachen möchte, egal wie klein die Rolle ist. Ich habe mich zuerst schon gefragt, wie einige Dinge da umgesetzt werden sollen. Aber als ich den fertigen Film gesehen habe, habe ich gemerkt, das ist ein Meisterwerk, ein körperliches Erlebnis. Wann hat man das schon?

Frage: Der Film ist für die Oscarverleihung 2026 bereits in der Kategorie Bester Internationaler Film nominiert. Bis zur Shortlist dauert es noch ein bisschen. Wie schätzen Sie die Chancen ein?

Antwort: Sehr gut. Ich glaube, dass der Film wirklich sehr gute Chancen hat. Ich weiß nicht, ob ich das zu einem anderen Film jemals gesagt habe oder hätte. Aber ich schätze die Chancen hier wirklich sehr gut ein.

Frage: Haben Sie sich schon Gedanken gemacht, ob Sie dann mit nach Los Angeles fahren würden?

Antwort: Ich vermute mal, dass das dann zu teuer für mich ist.

Frage: Sie müssten das selber bezahlen?

Antwort: Ich denke schon. Und das ist ja ein Ensemble-Film. Ich könnte mir vorstellen, dass vielleicht ein oder zwei spielende Personen mitgenommen werden können. Da muss man dann natürlich auch ehrlicherweise sagen, dass andere Figuren, auch wenn es da keine krassen Hauptfiguren gab, da viel größer sind. Ich schätze meine Chancen sehr klein ein, dass mir gesagt wird, dass ich da mitgenommen werde. Aber wenn, dann mache ich das natürlich doch. Und wenn nicht, dann komme ich halt mit einem anderen Film wieder, oder? (lacht)

Frage: Selbstverständlich! Ursprünglich kommen Sie ja vom Theater. Rostock, dann Dortmund ...

Antwort: In Rostock habe ich meine Schauspielschule gemacht. Zwischen Rostock und Dortmund habe ich dann durch Zufall meine erste Spielfilmrolle bekommen. Und vor meiner Schauspielausbildung habe ich ausschließlich Theater gespielt.

Frage: Vermissen Sie die Bühne?

Antwort: Ja. Ich habe viel darüber nachgedacht. Ich vermisse einiges an der Bühne. Aber ich habe auch immer große Angst gehabt. Ich hatte da oft das Gefühl, dass, wenn sich jemand geräuspert hat, dass es daran liegen könnte, dass ich gerade richtig schlecht spiele. (lacht)

Frage: Meistens haben die Leute dann einfach nur einen Frosch im Hals.

Antwort: Ich weiß. Ich weiß ja auch, wie es ist, im Publikum zu sitzen. Ich habe schon Lust, mal wieder was auf der Bühne zu machen. Aber dann lieber im kleineren Rahmen.

Frage: Wollen Sie abschließend noch verraten, welche kommenden Projekte Sie planen? Ich habe unter anderem etwas mit dem Titel „Obhut“ gefunden. Da spielen Sie die Schwester eines pädophilen Bruders. Das ist dann wieder ein krasser Stoff, richtig?

Antwort: Ja. Aber ich habe da einen fantastischen Filmpartner, Jonas Holdenrieder, der spielt da meinen Bruder Lukas. Das Thema wird da sehr sensibel behandelt.

Frage: Und was ist mit dem Serienprojekt namens „Westend Girl“?

Antwort: Ja, das drehe ich gerade. Helena Zengel spielt die Hauptrolle. Lucas Gregorowicz und ich spielen die Eltern. Das ist ein super toller Cast und auch ein spannender Stoff. Aber ich weiß nicht, was ich da jetzt schon verraten darf.

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