Osnabrück  Ab in die Savanne: Wie eine Nachbarschafts-Safari Osnabrücker zusammenbringt

Denise Matthey, Anne Spielmeyer
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Von Denise Matthey, Anne Spielmeyer
| 08.11.2025 06:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Gemeinsam unterwegs: Senioren aus dem Nette-Quartier haben den gemeinsamen Ausflug in den Zoo „Wildlands“ (Emmen, NL) genossen. Foto: Denise Matthey
Gemeinsam unterwegs: Senioren aus dem Nette-Quartier haben den gemeinsamen Ausflug in den Zoo „Wildlands“ (Emmen, NL) genossen. Foto: Denise Matthey
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Gibt es ihn, den Ausflug gegen Einsamkeit? 40 Osnabrücker haben es drauf ankommen lassen und sind gemeinsam in den Zoo nach Emmen (NL) gefahren. Die Stimmung ist gelöst – bis eine schlechte Nachricht durchsickert.

Wenn es knistert zwischen Menschen, dann muss das nicht immer die große Liebe sein. Manchmal ist es einfach ein vielversprechendes Proviantpaket. Es ist 8.45 Uhr, neugierig werfen die ersten Senioren auf dem Marktplatz im Stadtteil Sonnenhügel einen Blick in den Kofferraum von Barbara Meyer. Die Quartiersmanagerin aus dem Nette-Quartier knistert verdächtig mit Tüten und Beuteln, lädt Süßigkeiten, Wasser, Äpfel und Mandarinen aus. „Die Brötchen steigen am Bahnhof zu“, kündigt sie an.

Heute geht‘s in den Reisebus: Knapp 40 Osnabrücker aus Nette- und Johannis-Quartier haben sich für einen Tagestrip nach Emmen in den Erlebniszoo „Wildlands“ angemeldet. „Eine Reise verbindet“ nennt sich das Projekt, das vom Land Niedersachsen gefördert wird, Einsamkeit bekämpfen und Nachbarschaften stärken will. 30 Euro, ermäßigt 15, kostet das Ticket für das besondere Rudel-Erlebnis.

Landesweit wurden aus 120 Anträgen zwölf Projekte ausgewählt: Während auf Spiekeroog ein Gemeinschaftsgarten wächst und Cuxhaven sich in Frauen-Yoga übt, starten die Osnabrücker ihre Nachbarschafts-Safari mit dem Charme einer Klassenfahrt. Dieser Ausflug führt in die Niederlande, ein weiterer im November ins Deutsche Auswandererhaus nach Bremerhaven. Schlummert hier ein Booster für die Gemeinschaft im Quartier?

„Das ist doch Marzipan!“ Eine Seniorin beäugt ihr Lunchpaket genau. „Wenn es dir nicht schmeckt, können wir gern tauschen“, schlägt eine andere Dame vor. Nicht selten ist der Schokoriegel ein Garant für die gute Platzwahl im Bus. 130 Kilometer müssen sie zurücklegen, Marzipan neben Vollnuss. Bei Agnes Grundel und Barbara Schröder wird bereits schallend gelacht. „Hier sitzt die gute Laune!“

Die beiden sehen sich nicht zum ersten Mal. Schnell wird klar, dass der Bus nur auf die Piste gehen kann, weil zuvor viele Weichen für die Gemeinschaft im Nette-Quartier gestellt worden sind. Überdurchschnittlich viele ältere Menschen leben in dem Bereich rund ums Nettebad. Seit 2019 versucht die Stadt hier, gezielt Menschen zu vernetzen und Senioren besser einzubinden. 

„Wir kommen über Barbara“, lautet ein Satz, der bei den Ausflüglern immer wieder fällt. Über Barbara zu kommen, das heißt zum Beispiel über den Neurentner-Stammtisch, die Englischgruppe oder den Digital-Treff. Seit zwei Jahren begleitet Barbara Meyer Angebote rund ums Gemeinschaftszentrum Lerchenstraße. „Die Senioren bringen ihre eigenen Ideen ein“, verzeichnet die 55-jährige Quartiersmanagerin mittlerweile Selbstläufer wie den Reise-Stammtisch und eine Wandergruppe. „So soll es sein.“

Die Brötchen sind zugestiegen. Daniel Lindholz wankt mit jedem Schlenker, den der Bus nimmt, durch den Mittelgang, verteilt Brötchen und Zettel mit Handynummern für den Notfall. „Ich glaube, ich habe noch nie so vielen Frauen meine Nummer gegeben“, stellt der Quartiersmanager aus dem Johannis-Quartier fest. Die Seniorinnen kichern. Aufgepasst bei der Buchung, diese Reise verbindet. „Lachen ist was Schönes“, hört man sie sagen. „Und gesund.“ Studien bestätigen ihre Lebensweisheit: Lachen vertreibt nicht nur negative Gedanken, sondern stärkt zugleich soziale Bindungen. 

Eine neu formierte Fünfer-Gruppe will die „Wildlands“ mit Dschungel, Savanne und Polarregion gemeinsam erobern: Renate, Barbara, Reinhild, Inga und Ingrid. Und was macht man als erstes, wenn man im Zoo angekommen ist? Richtig. „Wir brauchen eine Toilette“, kündigt Reinhild an. Kein Auge für die Klauenaffen, keine Nase für die Frikandel, eine Toilette muss her. Kaum etwas wirkt so verbindend wie gemeinsamer Harndrang und die Suche nach einem freien WC – das gilt für Teenies auf Partys wie für Ü70 im Zoo. Sie finden ein brechend volles Restaurant und lassen einander in der Schlange vor: „Wer am nötigsten muss, darf zuerst.“ Ehrensache.

Jetzt aber los. Sie tauchen ein zwischen Tempeln und Ruinen, befühlen Sanddorn am Wegesrand, haken einander bei den steilen Erdmännchen-Stufen unter und staunen: „Ist das schön, einfach wunderschön“, flüstert Inga, als ein Kamel vor der Sonne wie gemalt aus der hügeligen Landschaft sticht. „Traumhaft“, finden auch die anderen, die Bilder wie diese und die letzten warmen Sonnenstrahlen sammeln.

Bei der Serenga Safari ist die Schlange lang. Eine Note Pinselohrschwein wabert um die Wartenden. Die kleine Maja möchte unbedingt hautnah Zebras erleben und so reihen sich ihre Großeltern Monika und Jörg Krüger aus dem Johannis-Quartier mit ihr und Papa Tim ein. Nur langsam geht es voran, an dicken Tauen entlang werden sie durch das Wartelabyrinth geführt, das immer neue Wendungen nimmt. 

Nichts, was ihre Geduld ernsthaft strapazieren könnte. Denn Bewohner des Johannis-Quartiers sind ganz andere Schleifen gewohnt: Kehrt über die Alkoholverbotszone etwas Ruhe in der Johannisstraße ein, sorgen Drogendealer im Schlossgarten für Unsicherheit. Dass ihrem Quartier dauerhaft ein Makel anhaftet, betrübt sie mehr als eine Stunde Wartezeit im Zoo. „Wir müssen das Schöne im Quartier sehen, die Vielfalt“, betont Jörg. Er will nicht meckern, sondern gestalten und kümmert sich mit Monika um ein Beet in der Johannisstraße. 

Damit der kleine Kiez blühen kann, braucht es mehr als Blumenerde. Das weiß Quartiersmanager Daniel Lindholz, der aktuell Geschäftsleute und Verbände ins Boot holt. Das wissen Monika und Jörg, die mit Nachbarn das eigene Quartier erkunden, über ein Picknick im Schlossgarten, einen Billard-Abend in einer Shishabar in der Johannisstraße oder im türkischen Restaurant. „Wir sind rein und kannten niemanden, wir sind raus und kannten alle“, beschreibt Jörg das, was sie in ihrem Kiez erleben, den andere aus Angst meiden. Begegnungen bewegen – zuhause wie in der Savanne.

Der Safari-Truck steht bereit. Ein schwerer schwarzer Bügel sichert die Familie auf den Bänken. Der Ranger fährt los, der Truck nimmt unsanft eine Senke, lässt Wasser aus einer Pfütze spritzen und die Touris aufkreischen. Ihre Oberkörper fliegen von links nach rechts, dieser Schulterschluss ist programmiert.

„Oma! Eine Giraffe bei dir!“, ruft Maja. Monika dreht sich um. Sie erschrickt, während die Giraffe unbeeindruckt Heu malmt. „Warum hat Opa sein Smartphone eigentlich nicht draußen?“, fragt Monika rüber zu Jörg. Tim weiß es: „Opa ist oldschool, der kann noch genießen.“ 

17 Uhr. Abfahrt. Ob in Handy, Herz oder Kopf, die Osnabrücker steigen mit ihren besonderen Momenten im Gepäck wieder in den Bus. Draußen taucht der Sonnenuntergang den Himmel in warmes Orange, drinnen erhellt das grell leuchtende Display der Smartphones zufriedene Gesichter. Die Ausflügler stecken die Köpfe zusammen und teilen ihre besten Motive: riesige Schmetterlinge im Dschungel, kuschelnde Seelöwen, Papageien auf Kinderköpfen und den ein oder anderen Nachbarn aus dem Quartier, der sich in die Galerie gemogelt hat.

Daniel Lindholz tritt vorne im Bus ans Mikro. Diesmal mit schlechten Nachrichten. Eine Teilnehmerin sei während des Ausflugs gestürzt, werde im Krankenhaus behandelt. Die Gruppe ist betroffen, fühlt mit, als das Unglück der einen ins Glück der vielen bricht. „Ist sie gut versorgt?“, kommt es aus den Sitzreihen. Ja, das sei sie, bestätigt der Manager ruhig. „Hält jemand Kontakt?“ und „Können wir etwas tun?“ Fragen, die ahnen lassen, dass ihr Nachbarschafts-Netz an diesem Tag ein paar neue Maschen bekommen haben dürfte.