Osnabrück „Wie Pogacar den Berg hinab“: Osnabrückerin Seifert fährt Mallorca-Tour gegen 150 Männer
Semana Internacional de Ciclismo Masters: So nennt sich die Tour de France für Masterfahrer, die im Oktober auf Mallorca stattfand. Mit dabei beim viertägigen Radrennen: der Osnabrücker Lars Geisler. Und seine Frau Christina Seifert – als einzige Frau unter 150 Männern. Ein Abenteuerbericht.
Die Gefühlswelt von Christina Seifert vor dem härtesten Radrennen ihres Lebens in drei Worten? „Schiss, purer Schiss.“ Die Gefühlswelt danach? „Stolz“, sagt Seifert wenige Wochen, nachdem sie von Mallorca zurückgekehrt ist. Dort nahm die 50-Jährige gemeinsam mit ihrem Mann Lars Geisler (beide vom Osnabrücker SC) mit dem Leeze Vermarc Racing Team an der „Semana Internacional de Ciclismo Masters“ teil. Einer viertägigen Rennradtour über 246,4 Kilometer, vom Welt-Radverband UCI lizensiert, vom Rennradel-Paar als „Tour de France für Masterfahrer“ bezeichnet. Seifert fuhr als einzige Frau mit, unter 150 Männern ab 50 Jahren. Und da Ein- und Ausstiegsgefühle ja nun bekannt sind, seien mal die einfachen Fragen gestellt: Wie war‘s so ganz mittendrin? Und wie kam es überhaupt dazu?
„Eigentlich wollte ich nach zwei schweren Unfällen gar keine Rennen mehr fahren“, sagt die drahtige Frau, die erst seit 2020 regelmäßig auf dem Rennrad sitzt. „Der Vorteil an längeren Rennen wie auf Mallorca: Die Chance ist relativ hoch, dass sich das Feld in die Länge zieht und die Sturzgefahr durch weniger Zeit im Hauptfeld sinkt. Mein Mann Lars hat sich angemeldet und meinte: ‚Mach das doch auch, da fahren bestimmt auch Frauen mit.‘“ Doch weit gefehlt.
Seifert meldete sich an und erkundigte sich immer wieder, wie viele Frauen sonst dabei sind. Am Start in El Arenal stellte sie dann fest: Keine weiteren, sie ist die einzige. Na dann los. „Jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen, um 6 Uhr zum Frühstück, um 8 Uhr an der Strecke sein“ – und um 9 Uhr war Start. „Es war schon ab dem allerersten Berg der ersten Etappe richtig Tempo drauf“, sagt Seifert. „Insgesamt mit 45er-Schnitt. Das geht zur Sache.“ Das ist in etwa auch der Geschwindigkeitsschnitt der Tour de France.
Seifert selbst fuhr im Schnitt 35,4 km/h. „Ich bin schnell aus dem Gesamtklassement hinten rausgefallen, dafür war ich einfach zu langsam“, sagt Seifert und hat kein Problem, das einzuräumen. Während Geisler Gesamt-Vierter (05:33:18 Stunden, drei Minuten langsamer als der Sieger) wurde, fuhr Seifert dennoch beinahe die gesamte Tour mit. Nur die dritte von vier Etappen, die 70-Kilometer-Bergetappe, ließ sie aus. „Mir war sofort klar: Hier ist nur gesund und heile ankommen angesagt.“
Doch auch das schien zeitweise gar nicht selbstverständlich für Seifert. „Bei Etappe zwei bin ich 35 Kilometer mit im Peloton gefahren. Da fühlst du dich wie bei der Tour de France: mittendrin bei über 100 Leuten. Du betest einfach, dass keiner bremst. Umso besser war es, dass Lars auch mit im Hauptfeld war und ich ihn teilweise direkt vor mir hatte, um mich an sein Hinterrad dranzuhängen.“
Doch der Angst damit nicht genug während der Rennen, die von der Polizei abgesperrt, von Teamfahrzeugen begleitet und von Fans gefeiert werden. „Als wir zwei Tage vorher auf Mallorca ankamen, gab es eine Unwetterwarnung. Starkregen auf diesen Straßen… Da ging mir schon der Stift“, sagt Seifert. „Und eine Abfahrt, die werde ich nicht vergessen. Da habe ich mich gefühlt wie Tadej Pogačar mit 120 Sachen den Berg hinab.“ Die waren es nicht ganz – „gut, nur 70 oder 75 km/h. Aber wenn ich hier jetzt stürze, dann ist Ende.“
Das Gute: Vorzeitig Ende war nicht. Und zwischendurch blieben auch Augenblicke, um die mallorquinische Landschaft zu genießen. Immerhin kennen Seifert und Geissler die Insel aus ihren Trainingseinheiten schon recht gut. Auf der letzten Etappe riss die Verbindung zum Rest des Fahrerfeldes beinahe ab. Aber ein „Puls von 220 und die Motivation, das zu Ende zu bringen“, trieben Seifert ins Ziel statt aufzugeben.
„Das Ziel war mein Ziel. Als ich es geschafft habe, hatte ich Stolz, Erleichterung, Freude in mir drin“, sagt die Marketing- und Eventmanagerin. „Es hat mich ja auch Überwindung gekostet, überhaupt mitzumachen.“ Und im Gegensatz zum Gatten, der nur zwei Tage nach der Tour noch am mallorquinischen Europacup teilnahm und über 83,9 Kilometer Zehnter wurde, war für Seifert schnell klar: „Damit ist jetzt erst mal gut gewesen.“