Lünne  Bundesstraße mitten im Dorf und zwei defekte Blitzer: Wenn der Schulweg zur Gefahr wird

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 12.11.2025 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mehre Kinder müssen in Lünne eine viel befahrene Straße überqueren. Das geht nur mit Lotsen Foto: IMAGO / Funke Foto Services
Mehre Kinder müssen in Lünne eine viel befahrene Straße überqueren. Das geht nur mit Lotsen Foto: IMAGO / Funke Foto Services
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Für das Emsland ist die B70 eine Lebensader. Für den kleinen Ort Lünne ist sie ein Problem. Sie führt nämlich mitten durch ihn durch. Tausende Lastwagen und Autos rollen täglich über die zweispurige Straße. Und genau über diese Straßen müssen einige Grundschulkinder.

7.44 Uhr an einem Dienstagmorgen in Lünne. Markus Wilbers steht an der Ampel des 2000-Einwohner-Dorfs. Er trägt eine gelbe Warnweste und hält eine rot-weiße Kelle in der Hand. Hinter ihm rauschen LKWs, Autos und Trecker vorbei. Wilbers muss laut sprechen: „Ich stehe hier jeden Dienstag, um die Kinder über die Straße zu bringen. Diese Stelle ist gefährlich“, sagt der dreifache Vater und zeigt auf die Kreuzung hinter sich.

Vor 18 Jahren passierte hier ein schwerer Unfall. Ein Kleintransporterfahrer überfuhr die rote Ampel und erfasste ein zwölfjähriges Mädchen. Das Kind wurde schwer verletzt.

„Das hat das ganze Dorf erschüttert“, erinnert sich Wilbers. Kurz danach standen jeden Morgen Elternlotsen an der Ampel und tun es bis heute. „Wir wollen nicht, dass so etwas noch einmal passiert.“

Was die Lünner erlebt haben, ist kein Einzelfall. Immer wieder kommt es auf Schulwegen zu Unfällen. 2024 wurden nach Angaben des Gemeinde-Unfallversicherungsverbandes Hannover und der Landesunfallkasse Niedersachsen knapp 8.600 meldepflichtige Unfälle auf dem Schulweg im Land registriert, rund die Hälfte der Schüler war mit dem Rad unterwegs. Drei Kinder verloren dabei ihr Leben. 

Polizei, Verkehrsverbände und Kommunen setzen daher auf mehr Lotsendienste, sichere Infrastruktur und Schulwegtraining. Auch in den anderen Mitgliedsgemeinden der Samtgemeinde Spelle engagieren sich Eltern: In Spelle und Schapen gibt es ebenfalls Lotsen.

In Lünne sind an diesem Dienstagmorgen gleich mehrere gekommen. Einige von ihnen sind von Anfang an dabei. Sie alle wohnen auf der westlichen Seite B70. Der eigentliche Ortskern mit Schule, Bäcker, Bank, Sportverein und Gesundheitszentrum liegt auf der anderen Seite. Wer hier zu Fuß etwas erledigen will, muss über diese Ampel des Dorfes.

Um die Grundschulkinder sicher über die Straße zu bringen, ist die Woche genau durchgeplant. In der WhatsApp-Gruppe „Lotsen-Gruppe Lünne“ teilen sich Anwohner und Eltern die Wochentage auf. „Wenn es mal nicht passt, finde ich in der Gruppe schnell Ersatz“, sagt Wilbers.

Der Landkreis hat schon einiges versucht, um die Kreuzung sicherer zu machen. Gleich vier Blitzer wurden hier aufgestellt – so viele wie an keiner anderen Ampel im Emsland. Doch nur die Hälfte funktioniert: Die Sensoren der Rotlichtblitzer, die im Asphalt eingelassen sind, sind beschädigt. Eine Sanierung ist geplant, aber bisher ohne konkreten Termin.

Beruhigung bringen die Anlagen ohnehin kaum, sagen die Lotsen. Fast jeder von ihnen hat schon brenzlige Situationen erlebt. „Es kommt vor, dass Lkw gar nicht mehr bremsen können, wenn die Ampel umspringt“, erzählt Wilbers.

Er bringt an diesem Morgen fünf Kinder über die Straße. Darunter die achtjährige Leni und ihren kleinen Bruder Leo (5), der in den Kindergarten geht. Beide tragen Sturzhelme und folgen den Anweisungen ihres Lotsen: Auf dem Gehweg bleiben, an der Ampel warten, Blickkontakt suchen. „Jetzt warten wir, bis es grün wird“, sagt Wilbers und geht dann mit ihnen über die B70. Den restlichen Weg zur Schule und Kindergarten fahren sie auf dem Radweg entlang der Straße. An diesem Tag ist auch ihr Vater dabei. „Ohne Lotsen würde ich die beiden hier nicht rüberlassen“, sagt er.

Wer in Lünne Elternlotse werden will, muss sich schulen lassen. Die Verkehrswacht gibt Einweisungen mit Theorie- und Praxisteil. Rund 4000 Schüler- und Elternlotsen gibt es in Niedersachsen. „Wir haben bei den Elternlotsen immer eine relativ hohe Fluktuation“, sagt Tim Hey von der Verkehrswacht Niedersachsen. „Viele steigen ein, wenn ihre Kinder eingeschult werden – und hören wieder auf, wenn sie älter sind.“

Um kurz nach acht ist Wilbers’ Dienst getan. Er zieht die Warnweste aus und spricht mit den anderen Lotsen. „Was würde die Straße wirklich sicherer machen?“ – „Am allerbesten wäre ein Tunnel“, sagen sie und lachen. Solange es den nicht gibt, stehen sie weiter jeden Morgen an der Ampel. 

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