Osnabrück  Wehrpflicht oder Freiheit: Was Schüler aus Osnabrück Boris Pistorius zu sagen haben

Karin C. Punghorst
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Von Karin C. Punghorst
| 15.11.2025 11:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Boris Pistorius kommt nächste Woche an das Graf-Stauffenberg-Gymnasium. Er diskutiert mit Oberstufenschülern über die Wehrpflicht. Die Schüler des Politik/Wirtschaftskurses bereiten die Veranstaltung vor. Foto: André Havergo
Boris Pistorius kommt nächste Woche an das Graf-Stauffenberg-Gymnasium. Er diskutiert mit Oberstufenschülern über die Wehrpflicht. Die Schüler des Politik/Wirtschaftskurses bereiten die Veranstaltung vor. Foto: André Havergo
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Neben Klima- und Rentensorgen belastet die Gen Z nun auch die Wehrpflicht. Wie denken Osnabrücker Abiturienten des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums über Verteidigung, persönliche Freiheit und Pazifismus? Ihren Fragen stellt sich nächste Woche Verteidigungsminister Boris Pistorius.

Patrick will etwas mit Wirtschaft studieren, David sieht seine berufliche Zukunft im Bereich Ingenieurwesen, Michelle will zur Bundeswehr – freiwillig. Alle drei gehen aufs Graf-Stauffenberg-Gymnasium in Osnabrück und stecken in den Abiturvorbereitungen für das kommende Jahr.

Freitagmittag haben sie zusammen mit zehn Mitschülern das Fach Politik/Wirtschaft. Der Unterricht dreht sich um die aktuelle Wehrpflichtdebatte. In der kommenden Woche kommt Boris Pistorius zu Besuch und will mit allen Schülern der Jahrgänge zwölf und 13 zu dem Thema diskutieren. Der Kursus bereitet die Veranstaltung vor.

Die elf Schülerinnen und zwei Schüler sind gut informiert: Sie kennen die Begriffe „verpflichtende Freiwilligkeit“ und „Bedarfswehrpflicht“. Sie wissen, dass die Bundeswehr um rund 80.000 auf 260.000 Männer und Frauen in der stehenden Truppe wachsen soll und ebenso die Zahl der Reservisten auf 200.000 – mithilfe der Wehrdienstreform.

Alle in dem Kurs sind 18 Jahre und älter. Sie sind also nicht mehr betroffen. Denn erst ab nächstem Jahr erhalten alle 18-Jährigen, also junge Frauen und Männer, einen Fragebogen, der Motivation und Eignung für die Bundeswehr prüfen soll. Männer sind verpflichtet, die Fragen zu beantworten, für Frauen ist es freiwillig. Ebenso sollen junge Männer, beginnend mit dem Jahrgang 2008, ab 2026 gemustert werden.

Alle in dem Kursus, durch die Bank weg, zeigen sich erleichtert, dass der Kelch einer Verpflichtung an ihnen knapp vorüberziehen wird. Sie wissen auch, dass die Musterungspflicht nicht automatisch den Wehrdienst nach sich zieht, sondern nur unter bestimmten Voraussetzungen.

„Die Wehrpflicht ist eine große Einschränkung in unserer Zukunftsplanung. Unsere Freiheit wird stark beschnitten“, sagt David Van den Bril. Die anderen Jugendlichen nicken zustimmend. Der junge Mann mit belgischen und französischen Wurzeln ist in Osnabrück geboren. Nach dem Abitur will er zunächst ein Freiwilliges Wissenschaftliches Jahr (FWJ) absolvieren und danach studieren.

Aber alle sind sich auch einig, „dass es notwendig ist, die Bundeswehr aufzustocken“, wie es Patrick Sittner ausspricht. „Es geht um die Sicherheitslage in Europa. Die Aggression Russlands im Angriffskrieg gegen die Ukraine“, sagt Patrick.

Der junge Mann will studieren, seine berufliche Zukunft sieht er im Bereich Wirtschaft. Kritisch bewertet er, „dass die Politik es versäumt hat, die Bundeswehr zuvor attraktiv zu halten, etwa durch ein höheres Gehalt oder eine bessere Ausstattung in den Kasernen, sodass jetzt die Wehrpflicht notwendig wird“.

Die Diskussion unter den Schülerinnen und Schülern läuft weiter, es geht um Zukunftspläne, Ängste und Hoffnungen. Und wieder erntet Patrick Zustimmung, wenn er darauf hinweist „dass die Wehrpflicht ausgerechnet jetzt kommt für eine Generation, die ohnehin bereits durch Probleme wie den Klimawandel und das kollabierende Rentensystem belastet ist“.

Michelle Jelezneacova kann ihre Mitschüler verstehen, gerade mit Blick auf die Planungsfreiheit, auch wenn sich die junge Frau bewusst dazu entschieden hat, sich im kommenden Jahr bei der Bundeswehr zu verpflichten, „für ein oder zwei Jahre“. Die Dauer will sie noch bestimmen, aber die Richtung steht: „Ich will zum Heer.“

In den vergangenen Jahren hat die Osnabrücker Schülerin bereits zwei Praktika bei der Bundeswehr absolviert. „Da bin ich irgendwie hängengeblieben bei meinen Zukunftsplanungen.“ Ihr geht es auch darum, anderen Menschen zu helfen, „die Bundeswehr ist ja auch im Katastrophenschutz im Einsatz. Und die Gemeinschaft ist einfach super“. Am liebsten würde sie in eine Einheit kommen, die Brücken und Infrastruktur aufbaut.

Mit den Planungen von Michelle kommt das Thema Gleichberechtigung auf. Wieder sind sich die jungen Leute einig, bei einer Wehrpflicht sollten auch Frauen einbezogen und das Grundgesetz entsprechend geändert werden.

Obwohl alle die Notwendigkeit sehen, die Bundeswehr aufzustocken, schwingen bei der Diskussion auch immer Bedenken mit, den Dienst an der Waffe zu lernen. David: „Ich möchte, das gar nicht können und auch nicht trainieren. Ich möchte gar nicht in der Lage sein, einem Menschen das Leben zu nehmen.“

Den jungen Leuten ist bewusst, „dass die Bundeswehr nicht dazu da ist, andere Länder anzugreifen, sondern der Verteidigung dient“, wie es Patrick erklärt. Gleichwohl zeigt die Diskussion, ihren Zwiespalt auf, zwischen der Notwendigkeit zur Verteidigung und pazifistischen Werten.

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