Osnabrück  Raketenwissenschaft: „Der Vetter aus Dingsda“ landet im Theater Osnabrück

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 16.11.2025 16:49 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Quirliges Ensemble eines bunten Operettenabends: So bunt geht es beim „Vetter aus Dingsda“ im Osnabrücker Theater am Domhof zu. Foto: Matthias Horn
Quirliges Ensemble eines bunten Operettenabends: So bunt geht es beim „Vetter aus Dingsda“ im Osnabrücker Theater am Domhof zu. Foto: Matthias Horn
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Die Operette im November ist im Spielplan des Theaters Osnabrück gesetzt wie für den Rest der Welt Weihnachten und Silvester. Diesmal steht „Der Vetter aus Dingsda“ von Eduard Künneke auf der Position – und macht seine Sache ziemlich gut.

Das Premierenpublikum war aufrichtig begeistert. Durchaus zu Recht: Regisseur Christian Thausing hatte für die Operette „Der Vetter aus Dingsda“ im Osnabrücker Theater am Domhof jede Menge zündender Ideen, das Osnabrücker Symphonieorchester spielte unter dem ersten Kapellmeister Benjamin Huth spritzig und präzise, das Ensemble sprudelte vor der Lust am irrwitzigen Theater und den stimmigen Choreografien von Seân Stephens. Die quietschbunte Ausstattung dazu haben sich Bühnenbildner Timo Dentler und Kostümbildnerin Okarina Peter ausgedacht. Eine Analyse in sechs Punkten.

Josef „Josse“ Kuhbrot und seine Frau Wilhelmine möchte seine Nichte Julia de Weert mit seinem Neffen August verheiraten, damit das Geld in der Familie bleibt. Julia aber wartet auf die Rückkehr ihres Cousins Roderich de Weert, der vor sieben Jahren in die Fremde gezogen ist, nach „Dingsda“; die beiden haben sich vor der Abreise gewissermaßen verlobt. Ein Fremder kommt an, der sich als Roderich ausgibt, in Wirklichkeit aber Josefs Neffe August ist. Julia verliebt sich in ihn. Ein zweiter Fremder kommt an: der echte Roderich, der kein Interesse an Julia hat. Er verbindet sich mit Julias bester Freundin Hannchen, am Ende sind alle glücklich.

Das Textbuch zu dieser Operette stammt von Hermann Haller, damals Leiter des Theaters am Nollendorfplatz in Berlin, wo der „Vetter“ 1921 auch uraufgeführt wurde, und von Fritz Oliven, der unter dem Künstlernamen Rideamus zündende Operetten-Libretti lieferte. Entsprechend erfolgreich war das Stück auch: „Der Vetter aus Dingsda“ war Künnekes erfolgreichstes Stück.

Zunächst einmal: schrill. Der ganze Abend spielt im etwas heruntergekommenen Salon auf Josef Kuhbrots Schloss. Die Figuren dort sind herrlich überzeichnet, vom Regenbogen-Petticoat der Julia über die karierte Hose und die grüne Jacke, die sich über den Wanst des Josef Kuhbrot spannt. Die Frisur seiner Frau Wilhelmine schlägt den Bogen von der barocken Alongeperücke zu den hochtoupierten Frisuren der wilden Sechziger, und im Frottee-Einteiler, den der vermeintliche Roderich und tatsächliche August trägt, laufen heute mitunter hippe junge Männer durch die Welt.

Komplettiert wird das schrille Sammelsurium durch den echten Roderich, der kurz vor Ende mit einer Rakete ankommt – ein ironischer Kommentar zu amerikanischen Multimilliardären mit Weltraumambitionen? Wie auch immer: Das Raumschiff landet nicht von oben, sondern bohrt sich aus dem Bühnenboden in den Salon. Über der Szenerie aber schwebt, dank einer runden Spiegelscheibe, der Mond, der ja gewissermaßen das Medium für Julias Liebesbotschaften ist.

Dort agiert ein bizarres Personal. Josef Kuhbrot und seine Frau Wilhelmine sind Karikaturen einer überkommenen Welt. August hingegen repräsentiert, zuerst im giftgrünen Glitzeranzug, dann im grünen Frotteestrampler, die Jugend, die sich eine neue Ordnung schafft. Hannchen, Julias Freundin, wirbelt im Zitronenoutfit und mit Mähne in Pastellrosa als Influencerin über die Bühne, Julia selbst trägt eine ähnliche Frisur, aber einen Petticoat in Regenbogenfarben. Doch keine Angst: Regisseur Thausing diskutiert keinen Generationenkonflikt, sondern setzt mit seinen Figuren schrille Akzente, die der Komödie Spannkraft verleihen.

Manche Effekte setzt er dabei um des Effektes willen: Ein Geisterballett à la Michael Jacksons „Thriller“ im ersten Teil ist hübsch anzuschauen, aber eben nichts, das sich organisch in eine Erzählung fügen würde.

Die sind durchwegs hervorragend. Susanna Edelmann, seit zwei Jahren am Theater, ist als Julia Dreh- und Angelpunkt der ganzen Operette. Sie singt wunderbar, und das nicht nur beim berühmten Mondlied, spielt und tanzt, dass es eine Freude ist. Florian Wugk als ihr Geliebter August legt athletische Brillanz an den Tag und singt mit seinem schmeichelnd feinen Tenor so überzeugend vom „armen Wandergesell“, dass man ihm die Camouflage fast abnimmt.

Marlene Metzger spielt Hannchen, die überaus quirlige Freundin Julias, mit großartiger Präsenz und ebenso großartiger Stimme. Jan Friedrich Eggers und seinem komödiantischen Talent liegt der polternde Josef Kuhbrot, und Nadia Steinhardt als dessen Frau sieht aus, als sei sie einer Sechziger-Jahre-Filmkomödie entsprungen. Daniel Preis gibt eine Figur namens Egon von Wildenhagen, in der klassischen Komödie der Intrigant, hier das permanente fünfte Rad, eine Rolle, die Preis mit großer Bravour und viel Komik ausführt.

Dominic Barberi taucht gottgleich kurz vor Ende auf. Wie der klassische Deus ex machina entsteigt er silberglänzend seiner Rakete, löst aber erstmal keine Probleme, sondern schafft neue: Er ist jener Roderich, den Julia sieben Jahre lang übers Medium des Mondes angesungen und angebetet hat. Zum Glück verliebt er sich in Hannchen. Mark Hamman und Silvio Heil komplettieren als Karl und Hans das Personaltableau, und sie alle zu erleben, bereitet große Freude.

Sehr gut. Das Ensemble auf der Bühne singt so schön, wie es die Rollen darstellerisch umsetzt. Aber: Statt über dem Orchester zu schweben, verschmelzen die Singstimmen mit dem Gesamtklangbild.

Dieses Klangbild gestaltet Benjamin Huth, neuer erster Kapellmeister am Theater Osnabrück, richtig gut. Das Osnabrücker Symphonieorchester spielt frisch, klar, operettenhaft leicht und mit dem richtigen Schwung; Huth hat ein gutes Gespür fürs richtige Tempo, für schwebende Walzer und akzentuierte Rhythmik. Aber tendenziell haben die Sänger Mühe, sich zu behaupten – sicher auch, weil sie oft aus der Tiefe des Bühnenraums singen. Das bessert sich mit der Zeit, bleibt aber doch ein Manko.

Ja. Es ist ein vergnüglicher Operettenabend von hohem Schauwert, voller Überraschungen, mit tollen Darstellern und einem tollen Orchester.

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