London  Wenn Worte die Krone wanken lassen: Als Diana vor 30 Jahren die royale Welt schockierte

Susanne Ebner
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Von Susanne Ebner
| 20.11.2025 14:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Prinzessin Diana sorgte 1995 für Aufsehen, als sie über die „Ehe zu dritt“ sprach. Foto: Imago/Capital Pictures
Prinzessin Diana sorgte 1995 für Aufsehen, als sie über die „Ehe zu dritt“ sprach. Foto: Imago/Capital Pictures
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Die aktuelle Debatte um Andrew ruft unweigerlich sein katastrophales BBC-„Newsnight“-Interview von 2019 in Erinnerung und verweist auf ein ähnliches mediales Erdbeben, das die britische Monarchie Jahrzehnte zuvor erschütterte. Vor 30 Jahren sorgte Prinzessin Diana mit ihrem „Panorama“-Interview für den Anfang vom Ende der Ehe mit Prinz Charles.

Der Aufruhr um Andrew Mountbatten-Windsor, einst Prinz und Herzog, lenkt die Aufmerksamkeit der Briten erneut auf ein Interview von 2019. Dort zeigte dieser in der BBC-Sendung „Newsnight“, wie gründlich ein royaler Auftritt schiefgehen kann, wenn der Interviewte glaubt, seine Freundschaft zu einem Sexualstraftäter lasse sich mit ein paar Sätzen vom Tisch wischen. Britische Medien beschrieben das Gespräch als „Autounfall“, andere sprachen gar von einer „nuklearen Explosion“.

Statt Reue zu zeigen, beschrieb er seine Treffen mit dem verstorbenen Jeffrey Epstein so beiläufig, als stünde ein Besuch bei einem Pädokriminellen ganz selbstverständlich im royalen Terminkalender. Und er erklärte, er könne sich an die Begegnung mit der damals 17-jährigen Virginia Giuffre, die ihm vorwarf, sie mehrfach missbraucht zu haben, „nicht erinnern“. Ein bemerkenswerter Gedächtnisaussetzer angesichts eines Fotos von 2001, das zeigt, wie er die ebenfalls verstorbene US-Amerikanerin umarmt.

Die öffentlichen Reaktionen reichten von Entsetzen über Kopfschütteln bis zu reichlich Spott in den sozialen Medien. Zudem hat das Interview bis heute Folgen, denn durch weitere Veröffentlichungen hat sich gezeigt, dass Andrew in zentralen Punkten gelogen hat. Es war allerdings nicht der frühere Prinz, der die Ära der royalen Medien-Desaster begründete, sondern ein Gespräch Prinzessin Dianas mit der BBC 1995, das in Großbritannien als Mutter aller Skandal-Interviews gilt.

Das historische Gespräch erfährt derzeit wieder mehr Aufmerksamkeit, nicht nur, weil es sich zum 30. Mal jährt. Es dient wegen der Art und Weise, wie es zustande kam, auch als Beispiel einer Reihe von Skandalen, die die Glaubwürdigkeit der BBC erschütterten. Vergangene Woche sorgte das zusammengeschnittene Video von Trumps Rede in einer Dokumentation für Aufsehen. Die Manipulation, die den Eindruck erweckt, dieser habe zu Gewalt aufgerufen, löste Rücktritte aus. Der US-Präsident plant eine Milliardenklage gegen den Sender. 

Tatsächlich gab Diana das Interview unter problematischen Bedingungen. BBC-Reporter Martin Bashir legte ihr gefälschte Kontoauszüge vor, die belegen sollten, dass Vertraute sie ausspionieren. Dieses Vorgehen verstärkte ihre Ängste und ließ sie glauben, Bashir sei ein Verbündeter. 2021 zeigte eine Untersuchung, wie weit Bashir gegangen war, um Dianas Vertrauen zu erlangen. Warnungen blieben ungehört, interne Zweifel wurden abgetan. Am Ende zählte offensichtlich, dass die Sensation erschien.

Damals sprach Diana über Bulimie, Selbstverletzung und die erstickende Atmosphäre im Palast. Themen, die das Königshaus zuvor gemieden hatte. Während Andrew unglaubwürdig wirkte, machte Diana einen authentischen Eindruck. Die Prinzessin formulierte ihre Worte ruhig und verlieh ihren Aussagen damit eine besondere Schärfe. Vor allem ein Satz ging in die Geschichte ein, weil er die Affäre von Prinz Charles erstmals bestätigte: „Nun, wir waren zu dritt in dieser Ehe, also war es ein bisschen überfüllt.“

Die Sendung war so einschneidend, dass sich viele Jahrzehnte später klarer daran erinnern als an politische Ereignisse, die Großbritannien verändert haben. Für die Prinzessin hatte das Interview drastische Konsequenzen. Es beschleunigte die Eskalation im Palast und machte die Scheidung zwischen ihr und Charles unausweichlich. Manche, darunter Autor Andrew Webb, der kürzlich ein Buch über das Gespräch veröffentlicht hat, behaupten sogar, es habe eine Kette von Ereignissen ausgelöst, die schließlich zu Dianas Tod geführt habe.

Eine Linie vom Interview zu ihrem Unfall in Paris zu ziehen, erscheint jedoch verkürzt. Der Fahrer fuhr zu schnell und war betrunken, sie nicht angeschnallt und Paparazzi hinter ihnen her. Klar ist: Das Gespräch leitete eine Phase in Dianas Leben ein, in der sie unabhängiger agieren konnte, ihr Alltag jedoch deutlich turbulenter wurde. Ihre Beziehung zu Dodi Al-Fayed löste eine Verfolgungsjagd der Presse aus, und das in einer Zeit, in der sie nicht dauerhaft unter Personenschutz des Palastes stand.

Die nächste Generation der Royals, ihre Söhne Prinz William und Prinz Harry, zog unterschiedliche Lehren. Harry, der dem Palast 2020 den Rücken gekehrt hat, setzt auf Formate, in denen er seine Sicht der Dinge erzählen kann. Dazu zählen US-Medien, Streaming-Dokus und seine 2023 veröffentlichten Memoiren. William hingegen gibt nur selten Interviews und erscheint in sorgfältig kuratierten Gesprächsformaten, bei denen von vornherein feststeht, welche Fragen gestellt werden – und welche nicht. 

Wird es also jemals wieder ein royales Interview geben, das die Monarchie so erschüttert wie Dianas oder Andrews Auftritte? Die Institution ist vorsichtiger geworden. Denn manchmal besteht die größte königliche Disziplin offenbar nicht im Reden, sondern im Schweigen. Ganz im Sinne jenes Mottos, das unter der im September 2022 verstorbenen Königin Elizabeth II. den Umgang des Palasts mit der Öffentlichkeit prägte: „Never complain, never explain“, „nie beklagen, nie rechtfertigen“.

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