Osnabrück Wie ein Ex-Dealer, eine Anwohnerin und die Suchthilfe auf Osnabrücks Schlossgarten blicken
Der Schlossgarten droht zu einem Angstraum in Osnabrück zu werden. Wir haben mit einer Anwohnerin, einem Ex-Dealer und der Suchthilfe gesprochen. Ein Ort, drei Perspektiven.
Ein neuer Angstort oder nur alles wie immer? Anwohner und Anlieger des Osnabrücker Schlossgartens beklagen ein zunehmendes Gefühl der Unsicherheit. Seit Monaten kommt es im Randbereich zu offenen Drogendeals, Kriminelle und Konsumenten treffen sich. Was macht den Platz für Dealer so attraktiv, worunter leidet die Nachbarschaft und entwickelt sich tatsächlich ein neuer Brennpunkt? Zwei Sozialarbeiterinnen, eine Anwohnerin und ein Ex-Dealer erzählen.
Elke und ihr Lebensgefährte leben seit zwölf Jahren in einer Erdgeschosswohnung in der Ritterstraße, die unmittelbar an den Schlossgarten angrenzt. In den vergangenen Monaten standen Konsumenten und Dealer dort vor der Tür und im Garten. Um nicht identifizierbar zu sein, will sie ihren Nachnamen nicht nennen.
Der Blick geht ins Grüne, ein paar Strahlen der Herbstsonne fallen auf die Terrasse und ins Wohnzimmer. Eine ruhige, unaufgeregte Stimmung, die fast vergessen lässt, dass Elke und ihr Lebensgefährte in der Osnabrücker Innenstadt leben. „Ruhig und stadtnah, das erschien uns als das perfekte Altenteil“, sagt Elke. Heute zweifelt sie an dieser Einschätzung. In ihrer Nachbarschaft findet sie immer wieder Spritzen. Der Pflegehund hebt gelegentlich Drogenverstecke aus.
Grund ist der Schlossgarten. Die Ritterstraße ist ein Zuweg zur Grünfläche, die zudem unmittelbar an den kleinen Garten der Erdgeschosswohnung angrenzt. Von gleich zwei Seiten kriegen Elke und ihr Lebensgefährte hautnah mit, was im und um den Park passiert.
Sie klagen über Lärm, Streitereien, über Drogendeals und eine zunehmend bedrohliche Szenerie. „Es wird immer unheimlicher. Wenn ich mit dem Hund auf die Grünfläche will, machen die Leute dort mittlerweile nicht mal mehr Platz“, schildert Elke. Lebendig gehe es, gerade im Sommer, traditionell im Schlossgarten zu. „Aber in den ersten Jahren hier war es nicht so extrem.“
Das Paar berichtet: Als es neulich aus der Stadt nach Hause kam, habe ein Mann vor der Haustür um etwas Kleingeld gebeten. Heinz gab ihm drei Euro, der Mann habe dann vier Euro verlangt. In der darauffolgenden Nacht habe er ans Schlafzimmerfenster des Paares geklopft und erneut um Geld gebeten. „Wir zahlen hier einen Mietpreis für eine Toplage“, sagt Elke. „Aber im Moment ist das hier sicher keine Toplage mehr.“
Zum Abschied zeigt Elke auf einen dunklen Streifen an einer Wohnung in der Nachbarschaft, der sich die Wand herunter zum Kellerfenster zieht: Das hat kürzlich jemand als Toilette benutzt.
Ulrike Sensse und Simone Entrup arbeiten bei der Diakonie. Sie kennen die Perspektive und die Bedürfnisse Suchtkranker seit Jahrzehnten. Entrup baute das Café Connection mit auf, Sensse leitet die Fachstelle für Sucht und Suchtprävention. Im Schlossgarten, sagen sie, hätten früher deutlich schlimmere Zustände geherrscht.
Ulrike Sensse entfaltet einen alten Zeitungsartikel. Mit „Wir müssen klauen, um zu überleben“ ist er überschrieben und beschreibt, wie der Schlossgarten im Jahr 1991 aussah: Dutzende Junkies zelteten auf der Grünfläche, Wohnungslose gesellten sich dazu – der Park wurde zur Bühne sozialer Probleme in der Stadt. „Von diesen Zuständen sind wir heute weit entfernt“, sagt sie. Das Areal sei heute viel offener gestaltet. Zudem habe sich in Osnabrück seit den 1990ern eine gut aufgestellte Suchthilfe entwickelt, die nah dran sei an der Szene.
Dass die Lage deswegen heute nicht gut ist, wollen die beide Sozialarbeiterinnen nicht in Abrede stellen. Ja, gerade im Dunkeln fühle sich der Schloga nicht sicher an, findet Sensse. Entrup sagt: „Der Platz ist auch Treffpunkt einer Szene, die andere vielleicht befremdlich finden. Dass dabei Unsicherheit entsteht, ist verständlich.“
In der historischen Perspektive allerdings zeige der Schlossgarten, dass es in Osnabrück ein gutes Sozialmanagement gebe. „Es ist heute ein Ort mit einer hohen sozialen Durchmischung, in der sich unterschiedliche Gruppen auch ein Stück weit kontrollieren“, erklärt Sensse. Dass in dieser Gemengelage auch soziale Probleme wie Sucht und Drogenkonsum sichtbar würden, sei vielleicht nicht schön. Aber es sei nun mal Teil der Wirklichkeit, der sich so im Stadtbild manifestiere.
Problematisch – und für die Sozialarbeit eher unzugänglich – sei die Präsenz krimineller Strukturen. „Viele Verkaufende sind selbst Konsumenten und sehen sonst wenig Chancen, an Geld zu kommen. Sie reagieren schon mal eher misstrauisch auf Ansprache, hören wir von unseren Streetworkern“, sagt Simone Entrup. Ein möglicher Ansatz, der den beiden Sozialarbeiterinnen vorschwebt: Mehr Streetwork, um einen kontinuierlicheren Kontakt zu schaffen.
Andre Welter ist heute ein hochdekorierter Autor. Früher dealte er im Schlossgarten, kam ins Gefängnis und wurde später mit dem Youtube-Format „Shore Stein Papier“ populär. Er lebt heute in Berlin und erklärt, was Orte wie den Schlossgarten für Konsumenten und Dealer attraktiv macht – und welche Leute dort heute verkaufen.
Andre Welter war gerade erst wieder in Osnabrück, er hat noch viele Kontakte in der Stadt. Durch den Schlossgarten ist er bei seinem Besuch auch kurz spaziert. „Da standen klar erkennbar ein paar Dealer rum“, sagt er. Der Spaziergang war für Welter eine Rückkehr zu alter Wirkungsstätte.
Der 52-Jährige hat selbst mal dort gedealt, gut 25 Jahre ist das her. „Der perfekte Ort, um an Kunden zu kommen, im Sommer ist alles voller junger Leute, die feiern wollen“, erklärt er.
Er habe sich damals einfach angeschaut, wo Leute Cannabis rauchten oder entsprechende Utensilien dabei hatten und sie dann angesprochen. „Nach ein paar Wochen hatte ich mir einen festen Kundenstamm aufgebaut und musste nicht mehr in der Öffentlichkeit verkaufen“, sagt er. Cannabis – damals noch illegal – sei für ihn so über Jahre zum einträglichen Geschäft geworden. Von dem Geld finanzierte er seinen eigenen Konsum, der bis in die Heroinsucht führte.
Vom Dealen hat Welter längst Abstand genommen. Seine Zeit als Dealer und Junkie verarbeitete er unter dem Künstlernamen „Sick“ nicht nur in Videos, sondern auch in Büchern. 2015 erhielt er für „Shore, Stein, Papier“ den Grimme-Preis. Heute hat er es sich zur Aufgabe gemacht, Aufklärungsarbeit über gesellschaftliche Stigmatisierungen zu leisten.
„Auf der Straße verkaufen meistens Migranten, die sonst keine Chance haben. Die dürfen hier nicht arbeiten und müssen uns bei einem Leben zuschauen, das für sie unerreichbar bleibt“, schildert Welter seine Eindrücke. Organisierte Kriminalität, die den Drogenhandel dominiere, habe ein leichtes Spiel, diese Leute zu rekrutieren. Um Szenen wie jene, die derzeit auch im Schlossgarten Präsenz zeigt, in den Griff zu bekommen, brauche es eine kluge Sozialpolitik. „Wer eine klare Perspektive hat, wird kein Straßendealer.“