Landgericht Aurich Freund erfindet Killer-Clans und erpresst 240.000 Euro
Mit Mails erfundener Verbrecher-Syndikate hat ein 34-Jähriger aus dem Landkreis Aurich seinen Freund erpresst und in den finanziellen Ruin getrieben. Nun steht er vor Gericht.
Aurich - Aus Angst vor erfundenen Verbrechersyndikaten zahlte ein 38-jähriger Mann aus dem Landkreis Aurich seinem langjährigen Freund mehr als 240.000 Euro – überzeugt davon, nur so sich und seine Familie vor dem Tod retten zu können. Was wie ein Drehbuch aus einem schlechten Krimi klingt, endete für das Opfer in finanzieller und seelischer Not. Wegen räuberischer Erpressung sitzt der 34-jährige Freund, der damals im selben Ort wohnte, auf der Anklagebank des Landgerichts Aurich. Angeklagt sind 77 Fälle, die sich zwischen Februar 2019 und November 2022 ereignet haben sollen. Bis zuletzt schöpfte der Geschädigte keinen Verdacht.
Die Staatsanwaltschaft warf dem 34-Jährigen beim Prozessauftakt am Dienstag, 25. November 2025, vor, die sechsstellige Summe durch den Aufbau eines Bedrohungsszenarios mit erfundenen Personen libanesischer, russischer und asiatischer Herkunft erpresst zu haben. Via E-Mails in deren Namen soll er den 38-Jährigen aufgefordert haben, ihm Beträge im drei- bis fünfstelligen Bereich auszuhändigen und ihm drei Autos zu finanzieren.
Inspiriert von einem Videospiel über organisierte Kriminalität
Der bisher unbescholtene Angeklagte ist gelernter Koch. Er erschien gediegen in Anzug und Lederschuhen. „Das stimmt so teilweise“, ließ er sich zu den Vorwürfen ein. Er habe damals seine erste Freundin kennengelernt und sie durch teure Geschenke halten wollen. „Da habe ich mir etwas Dummes einfallen lassen“, sagte er. Inspiriert von einem Videospiel aus dem Bereich der organisierten Kriminalität habe er von dem 38-Jährigen immer wieder Geldsummen gefordert. „Ich dachte später, das ist real. Das lief und lief“, berichtete er von den beiden Welten, in denen er sich bewegte. „Ich bin aus der Spule nicht mehr herausgekommen und würde das gerne wieder gutmachen“, meinte er. Die psychiatrische Gutachterin habe ihm die Augen geöffnet, dass er eine Therapie machen müsse: „Ich dachte nicht, dass es so tief sitzt.“
Er habe, so schilderte der Angeklagte, eine Cousine mit libanesischen Wurzeln erfunden, mit der der 38-Jährige ein Techtelmechtel gehabt habe. Deren Bruder wolle den 38-Jährigen nun plattmachen, behauptete er. Später habe er weitere Clanangehörige aus Russland und Asien erfunden: „Ich habe mir weitere Sachen ausgedacht, wie in einem schlechten Film.“ Per E-Mail habe er dem 38-Jährigen, der in dem Prozess als Nebenkläger auftritt, gedroht, er habe das Geld zu zahlen, sonst werde ihm oder seiner Familie etwas passieren. Dem Geschädigten gegenüber habe er sich als Vermittler ausgegeben.
Der Erpresste zahlte bar, per PayPal und per Überweisung
„Er hat ängstlich reagiert“, berichtete der Angeklagte über die Reaktion seines Freundes. Die geforderten Summen habe er von ihm bar oder per PayPal, später auch per Überweisung bekommen. Als Verwendungszweck habe er ihn Baumaterial, Weihnachtsgeschenke oder Fahrrad angeben lassen. Nach der Arbeit im Restaurant habe sein Freund mit ihm über die Erpressung gesprochen. „Er war dankbar, dass ich ihm helfe“, so der Angeklagte. Weil der Freund begonnen habe, viel zu trinken, habe er ihm von übermäßigem Alkoholgenuss abgeraten.
„Ich habe Sachen gekauft, die ich nicht gebraucht habe“, sagte der Angeklagte über die Anschaffungen, die er von dem Geld getätigt habe: „Jeden Tag kam ein Paket.“ Dazu eine größere Wohnung für sich und seine Freundin, zwei E-Bikes, Urlaub, eine große Soundanlage, teure Autos – einen Audi SUV Q5, einen Audi A7, einen Audi RS7. Von der Freundin habe er sich im Januar 2023 getrennt. Inzwischen wohnt der Angeklagte im Landkreis Leer.
Opfer pumpte Mutter, Schwägerin und Freunde an
„Wir waren beste Freunde“, sagte der Geschädigte im Zeugenstand. Der Angeklagte habe ihm damals helfen wollen. Nach dem Libanesen hätten sich vermeintlich Russen eingeschaltet, dann seien Japaner von der Jakusa – dahinter verbirgt sich in etwa die japanische Mafia – gekommen. Er habe E-Mails mit Drohungen und Geldforderungen bekommen. Sonst würde er nach Frankfurt verschleppt, um das abzuarbeiten, habe es in den Mails geheißen: „Ich hatte Todesangst.“
Der Angeklagte habe ihm erklärt, er habe viel Geld für seinen Schutz gezahlt. Davon habe er selbst nur einen kleinen Teil übernommen – „ich war ihm dankbar“, resümierte der Geschädigte bitter. In manchen Monaten habe er bis zu einem Dutzend Zahlungen geleistet. Bei verschiedenen Banken habe er Kredite aufgenommen und Geld von seiner Mutter, von Freunden und seiner Schwägerin geliehen. Ihnen habe er Aktienverluste und eine Spielsucht vorgespiegelt. „Ich bin mental zusammengebrochen bis hin zu Selbstmordgedanken“, sagte er über die Auswirkungen der Erpressung.
Lebensgefährtin entdeckte, dass die Sparbücher leer geräumt waren
Mehrmals habe er überlegt, zur Polizei zu gehen: „Aber es hieß, dass dann alle anderen auch sterben.“ Erst als er die letzte Summe nicht mehr habe aufbringen können, habe er die Polizei eingeschaltet. Seinem Freund habe er eine solche Tat nicht zugetraut. Der Angeklagte entschuldigte sich im Gerichtssaal bei dem Geschädigten, der keine Reaktion zeigte.
Dessen Lebensgefährtin berichtete emotional angefasst von der Erpressung. Wie sie entdeckte, dass die Sparbücher leer geräumt waren. Seine Beichte im Keller, weil er Angst gehabt habe, sein Handy werde abgehört. Wie sie Kredite aufnahmen, in der Hoffnung, alles sei mit der Begleichung der Forderungen endlich vorbei. „Am Ende hat uns keiner mehr Geld gegeben“, sagte sie. Dann habe sich das zugespitzt. Sie hätten Drohungen erhalten, dass sie mit dem Kind verschleppt und vor den Augen ihres Lebensgefährten ermordet werden würde. Nach ihren Aussagen bei der Polizei hätten sie zu Hause gepackte Taschen zur Flucht stehen gehabt, falls die Erpresser auftauchten.
Angeklagter schaltete zwischen fleißigem Koch und Ganoven hin und her
Die psychiatrische Sachverständige diagnostizierte bei dem Angeklagten eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung oder eine Mischung aus ADHS und Autismus. Tests hätten ergeben, dass es ihm an emotionaler und kognitiver Empathie fehle. Er habe sich in eine Phantasiewelt hineingelebt und zwischen dem fleißigen Koch und dem Ganoven hin- und hergewechselt. Eine erheblich verminderte Schuldfähigkeit vermochte sie nicht auszuschließen.
Der 34-Jährige sei in der Kindheit von seinem leiblichen Vater misshandelt und eingeschlossen worden, führte sie zu dessen Vergangenheit aus. Zudem habe er berichtet, von seinem Großvater missbraucht worden zu sein. Freunde habe er nie gehabt. Nach seinem Hauptschulabschluss habe er in Köln eine Kochlehre gemacht und sei nach Ostfriesland zurückgekommen. Mit seiner ersten Freundin sei er überglücklich gewesen, doch sie sei aus gut situierten Verhältnissen gekommen: „Er hat sich in den Gedanken verrannt, er brauche mehr Geld.“ Mit der absurden Geschichte, entnommen aus der Welt der Computerspiele, habe er seinen Freund in den finanziellen Ruin getrieben. „Ihm fehlt, sich vorzustellen, was sein Handeln bei anderen Personen auslöst“, so die Gutachterin.
Der Prozess wird am 4. Dezember 2025 ab 9 Uhr in Saal 116 des Landgerichts Aurich fortgesetzt. An diesem Tag soll das Urteil fallen.