Osnabrück Ende einer Liebe: Warum Barbra Streisand ihrem Klimt-Gemälde nachtrauert
Vor Jahrzehnten spottbillig, heute eine Kostbarkeit: Barbra Streisand trauert einem Gemälde von Gustav Klimt nach, das sie vor Jahren verkaufte. Dabei geht es jedoch nicht nur um das große Geld.
„A Love like Ours“ hat sie mit ihrer ebenso volltönenden wie samtweichen Stimme besungen und an die eine große Liebe dann doch nicht geglaubt. Nein, es geht nicht um Elliott Gould oder James Bodin, Schauspielkollegen, mit denen sie verheiratet war. Eine tiefe Liebe verband sie vor allem mit Ria, einer jungen Frau. Die allermeisten ihrer Bewunderer werden weder von deren bloßer Existenz noch von dieser außergewöhnlichen Liebe gewusst haben. Und jetzt ist sie zu Ende, diese lange Bindung, die einst als Amour fou ihren Anfang genommen hatte.
Ich ziehe die Maske des Inkognitos vom ersten Absatz dieser Kolumne und sage, um wen und was es geht: Barbra Streisand hat einst ein Bild von Gustav Klimt verkauft und bedauert nun diesen Schritt. Ich höre schon die Reaktionen: mehr nicht? Das ist alles? Ja, das ist alles. Und doch so viel mehr als das nackte Faktum einer Kulturnachricht, die beiläufig im großen Strom der News und Neuigkeiten mitläuft und als Partikelchen aus dem Leben der Schönen, der Reichen kaum eine Chance auf Wahrnehmung hat.
Aber gerade solche Nachrichten reizen mich besonders, im Nebensächlichen das Markante, im Beiläufigen das eigentlich Lebenswichtige zu entdecken. Dazu bedarf es eines bestimmten Blicks, einer Optik, die das Zeitgeschehen auf jene Details absucht, die so ungemein beredt sind, wenn man sie denn nur zum Sprechen bringt. So entsteht ein Feuilleton, als Text und als Dechiffriermethode.
„You should never sell art you love“, hat Barbra Streisand nun bekannt. Gerade wechselte Gustav Klimts „Bildnis Elisabeth Lederer“ bei einer Auktion in New York für rund 236 Millionen Dollar den Besitzer. Streisand kaufte ihren Klimt, das Bildnis der Ria Munk, 1969 für im Vergleich lächerliche 17.000 Dollar. Über die Summe, für die sie das Gemälde, wie Kunstprofis bisweilen herzlos sagen, 1998 wieder abstieß, schweigt die Diva, die diese ganz persönliche Trennungsgeschichte als Instagram-Post preisgibt.
Eine Transaktion wie viele andere? Nein, keinesfalls, denn Barbra Streisand hat wohl jetzt bemerkt, dass sie sich nicht allein von einem Kunstwerk, sondern eigentlich von einer großen Liebe getrennt hat. Zu spät, zu spät, möchte ich bedauernd und mit einem Seufzer kommentieren.
Denn das Bild erinnert nicht nur an eine blutjunge Dame der allerbesten Wiener Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg. Für Barbra Streisand bewahrte es wohl den Nachklang der eigenen ganz jungen Jahre. Mit gerade einmal 27 Jahren erwarb sie damals das Gemälde, das sie für immer an ihren Start in eine Weltkarriere erinnert haben muss. Über den Kaufpreis von 17.000 schmunzeln heute die Kunstexperten. Für die junge Streisand verkörperte diese Summe mehr als Geld: den Stolz, es geschafft zu haben und sich ein solches Bild leisten zu können.
„Frau M. mit ihrem Tochterporträt bis Herbst abgeschüttelt froh darüber“: Für Gustav Klimt, den ungekrönten König des Wiener Jugendstils, war dieses Porträt übrigens eine lästige Auftragssache. Denn die junge Tote hatte sich 1911 im Schmerz über eine gelöste Verlobung das Leben genommen. Der Maler Klimt muss sich das Porträt des Fräuleins auf dem Totenbett regelrecht abgerungen haben. Das eher kleinformatige Porträt ist ein Schmerzensbild, in jeder Weise.
Das Herzweh hat nun Barbra Streisand. Dabei wird sie nicht einmal an jenen Preis denken, den sie heute, mitten im Hype um Werke Gustav Klimts, für das Bildnis hätte erzielen können. Sie wird um jene Liebesgeschichte trauern, die sie selbst leichten Sinns beendet hat. Sie galt einem Bild – und jenen Jahren, in denen das schöne Leben offen vor ihr lag. Mit dem kleinen Klimt hat die Streisand ein Stück von sich selbst preisgegeben – und zu spät bemerkt, dass sie es besser hätte bewahren sollen.