Osnabrück  Ex-Junkie $ick aus Osnabrück mit neuem Buch: Leben zwischen Kokain und Waffen

Michael Hengehold
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Von Michael Hengehold
| 28.11.2025 18:40 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ex-Junkie $ick bei einem Vortrag in der IGS Melle Anfang 2025. Foto: Stefan Gelhot
Ex-Junkie $ick bei einem Vortrag in der IGS Melle Anfang 2025. Foto: Stefan Gelhot
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Bewaffneter Raubüberfall verjährt erst nach 25 Jahren. $ick weiß sowas. Der Ex-Junkie hat seinen Heroinkonsum jahrelang mit kriminellen Handlungen finanziert. Nun legt er sein zweites autobiografisches Buch vor. Wir haben ihn gefragt, ob Osnabrück darin wieder eine Rolle spielt.

4000 Vorbestellungen – nicht übel für einen Autor, der kein Weltliterat ist und werden will, sondern ein Ex-Junkie, der aus einem Leben erzählt. Das tut er erneut in „Räuberpistolen: Mein Leben zwischen Kokain und Waffen“, das am 28. November erschienen ist. Wir haben mit $ick gesprochen und gefragt, ob Osnabrück wieder ein Schauplatz ist, so wie im Vorgänger „Shore, Stein, Papier: Mein Leben zwischen Heroin und Haft“.

Shore, das ist Szene-Slang für Heroin. Zehn Jahre hat André Welter sich das Zeug in den dünnen Körper genagelt. So mutierte er zu $ick. Für sein Erstlingswerk hat er viel Lob bekommen, die Online-Videoreihe, die dem Buch zugrunde lag, ist mit dem Grimmepreis geadelt worden.

In Band eins verschlägt es André Welter als Kind nach Hannover. Als er längst schon $ick ist, zieht er nach Osnabrück. Das neue Buch endet dort, wo „Shore“ anfängt. Welter hat gewartet, bis er die Story straffrei auftischen konnte. Das hätte er ab 2020 tun können, die Heroin-Beichte war 2016 erschienen – was hat so lange gedauert? Erstens, sagt $ick, habe er schon einen gewissen Anspruch an sich und sein Werk. „Ich überarbeite das so lange immer wieder, bis ich mich selbst nicht mehr langweile. Und ich langweile mich sehr schnell.“

Zweitens war er mit „Shore, Stein, Papier“ nicht weniger als fünfmal auf Tour seitdem. Und schließlich ist er vom Junkie zum Aufklärer geworden, erzählt seine Geschichte in Schulen und arbeitet pädagogisch mit den Kids, unterstützt von Paul Lücke, mit dem zusammen er in Osnabrück den Verein Stigma gegründet hat. Lücke war der Produzent der Videoreihe und ist Suchtberater.

Den Verein Stigma stellt Lücke im neuen Buch ausführlich vor. Tätigkeiten, Köpfe, alles Wissenswerte. Das ist diesmal der einzige Bezug zur Hasestadt, Räuberpistolen aus Osnabrück sind ansonsten Fehlanzeige.

Im Mittelpunkt von „Räuberpistolen“ steht eine ebensolche, die sich 1995 ereignet hat. $ick verrät im Gespräch mit unserer Redaktion noch nicht allzu viel, aber muss ein übles Ding gewesen sein. „Ich habe echt mit mir gerungen, ob ich die Geschichte erzähle. Jetzt mögen mich alle, aber wenn ich das rausbringe, gucken mich die Leute womöglich nicht mehr an. Scham und Schuld spielen eine große Rolle.“

Über 40 Seiten befasst André Welter sich zudem mit seiner Familiengeschichte und geht der Frage nach, „warum ich das so gelernt habe, nicht mit meinen Gefühlen umgehen zu können“. Viele lange Telefongespräche mit der Mutter, die als Kind „Missbrauch, Hunger, Schmerz“ erfahren hat und sich mit 15 in ein Kloster rettete, waren dafür nötig.

Die Gespräche erwiesen sich als harter Ritt. „Wir haben zusammen geweint, wir haben zusammen gelacht. Das war sehr schmerzhaft. Ich habe vieles aus ihrer Kindheit und Jugend erfahren, das ich nicht wissen wollte.“

Nach André und $ick führt das Buch ein weiteres Ego des Autors ein: $ickman. Ein fiktiver Teil, der als 14-seitiger Comic erzählt wird. Sobald er druff ist, wird $ick zu $ickman; ist der Rausch vorbei, geht’s retour. $ickmans Geburt soll der Auftakt zu weiteren Comicabenteuern sein, Welter träumt von zehn Bänden oder so, die, nebeneinander gestellt, ein Gesamtrückenbild ergeben wie die „Lustigen Taschenbücher“ mit Micky Maus und Donald Duck. Nur, dass ein Junkie-Leben nicht so lustig ist.

Das dritte Buch hat Welter auch schon im Kopf. So halbwegs. Auf jeden Fall ein Konzept und den Titel: „Der steinig-schöne Weg der Veränderung.“

Erstmal wird nun aber das neue Buch promotet, 2026 soll es eine Lesetour dazu geben. Die ihn sicherlich auch nach Osnabrück führen wird, wo nicht nur Stigma ein Grund für den Berliner ist, zwei-, dreimal im Jahr vorbeizuschauen. Die Tochter lebt um die Ecke und ein paar gute Freunde hat er in der Hasestadt auch noch.

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