Osnabrück Osnabrück will Medizinstudium anbieten: Was man dafür in Brandenburg abschauen kann
Osnabrück soll eine Medizin-Hochschule bekommen. Was die Region da wagt, wurde ähnlich in Brandenburg vor elf Jahren auf den Weg gebracht. Was kann sich Osnabrück im Osten abschauen? Und welche Warnung aus Brandenburg sollten die hiesigen Gründer hören?
Mediziner made in Osnabrück: Das sollen in einigen Jahren Absolventen des neuen Studiengangs Humanmedizin in Osnabrück von sich sagen können. Stadt und Landkreis wollen eine private medizinische Hochschule ins Leben rufen. Läuft alles nach Plan, schreiben sich die ersten Studierenden zum Wintersemester 2027 ein.
Dass eigentlich nie alles nach Plan läuft, weiß man indes an der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB). Die private Hochschule mit vier Standorten im Nordwesten Brandenburgs gilt als eines der Vorbilder für das Osnabrücker Vorhaben. Vor elf Jahren wurde sie gegründet. Inzwischen arbeiten rund 250 MHB-Absolventen als approbierte Ärzte in Kliniken, viele davon in Brandenburg, wie Sprecher Eric Alexander Hoffmann berichtet. Eine Erfolgsgeschichte, eigentlich.
Davon ist die Region Osnabrück noch weit entfernt. Die Politik hat dem Projekt Medizin-Hochschule im Sommer den Weg geebnet. Jetzt müssen Taten folgen, damit der ambitionierte Zeitplan zu halten ist. Dabei kann sich Osnabrück im Osten einiges abschauen.
Genau deshalb informierte sich eine Osnabrücker Delegation an der MHB, wie sich die größten Hürden auf dem Weg zur staatlichen Anerkennung nehmen lassen. Allerdings lohnt es sich, das Ohr auch für kritischere Töne in Richtung Osten zu halten. Denn wie nachhaltig das dortige Erfolgsmodell sein wird, steht in der Schwebe.
Motiv für die Gründung der MHB war wie in Osnabrück ein eklatanter Ärztemangel. Medizin studieren konnte man bis dato nur zentral in Berlin. Keine einzige Uni im Flächenland Brandenburg hatte eine medizinische Fakultät. Aber die wenigsten angehenden Ärzte in Berlin wollten die Hauptstadt verlassen, weshalb die Brandenburger Kliniken drohten, personell auszubluten.
„Dann nehmen wir das selbst in die Hand und bilden selbst aus“, sei die Idee der Stunde in Krankenhäusern der Region gewesen, erinnert der MHB-Sprecher an die Anfänge. Das Land Brandenburg beteiligte sich finanziell zunächst nicht. Ähnlich lautet die Ansage Niedersachsens in Richtung Medizin-Hochschule Osnabrück. Man beobachte das Vorhaben wohlwollend, aber gelingen müsse es aus eigener Kraft.
Im Oktober 2014 wurde die MHB gegründet. In der Trägergesellschaft sitzen zwei kommunale Kliniken, die jeweils ein Drittel der Anteile besitzen. Das letzte Drittel teilen sich kommunale Stadtwerke, eine Sparkasse und ein freikirchlicher Träger. Weitere Krankenhäuser kooperieren mit der Hochschule.
Glücksfall für die MHB seien hoch qualifizierte Führungskräfte und Mitarbeitende gewesen, die das Projekt private Medizin-Uni vorantrieben, sagt Hoffmann. Viele kamen von der Charité in Berlin. So sei es gelungen, ein Curriculum auf die Beine zu stellen, das „ohne Abstriche oder Kompromisse“ den Anforderungen eines Medizinstudiengangs genügte.
Allerdings dauerte dies anderthalb Jahre länger als geplant, weil der Wissenschaftsrat zunächst Überarbeitungen eingefordert hatte. Im Sommersemester 2015 gingen die ersten 48 Medizinstudenten der MHB an den Start. Parallel nahmen dort auch erste Psychologiestudenten ihr Studium auf.
Inzwischen kann man an der MHB sogar in Medizin promovieren. Damit ist sie die erste private Hochschule des Landes, die Doktortitel vergeben darf. Der Wissenschaftsrat bestätigte der MHB 2024, in der Medizin diesen hohen Anforderungen zu entsprechen. Im Fach Psychologie reichte indes unter anderem die Ausstattung mit Professuren dafür noch nicht aus.
Von Beginn an sollte nicht der beste Notenschnitt über die Aufnahme an die MHB entscheiden, sondern persönliche Eignung und berufliche Erfahrung. Das haben sich auch die Ideengeber für Osnabrück vorgenommen. Zudem müssen die Studierenden Gebühren zahlen.
Die Studiengebühren sind das zentrale Instrument, über das sich die private, frei-gemeinnützige Hochschule in Brandenburg finanziert. So soll es auch in Osnabrück sein. Für das sechsjährige Medizinstudium fallen an der MHB 118.000 Euro an. Attraktiv sind für Studienanfänger deshalb Stipendien, die die Kliniken der Region ausloben, wie MHB-Sprecher Hoffmann berichtet.
Studenten, die sich verpflichten, ihre fünfjährige Facharztausbildung in der entsprechenden Klinik zu absolvieren, bekommen von ihr bis zu 80.000 Euro erstattet. Jedes Jahr würden rund 30 Stipendien vergeben, so Hoffmann. Inzwischen beginnen in der Humanmedizin jedes Jahr aber nicht mehr rund 50, sondern bis zu 140 Studenten. Die Quote der Stipendiaten ist also niedriger als zu den Anfangszeiten der MHB.
Es steht außerdem zu befürchten, dass sie in den nächsten Jahren sinkt. Denn die an der MHB beteiligten Uni-Kliniken, die einen Großteil der Stipendien vergeben, haben „einen gewissen Sättigungsgrad erreicht“, so Sprecher Hoffmann. Künftig werde die MHB deshalb mehr und mehr für den deutschlandweiten Ärztemarkt ausbilden.
Das wiederum dürfte zur Folge haben, dass es der Hochschule künftig schwerer fallen wird, Studenten in die Brandenburger Provinz zu locken. Schon jetzt müsse man – anders als zu den Anfangsjahren – einen „enormen Aufwand“ betreiben, um gute Bewerber zu erreichen, schildert der Sprecher. Fallen Stipendien weg, habe die MHB noch ein gewichtiges Argument weniger auf ihrer Seite.
Hintergrund dieser Probleme sei zum einen der zunehmende Wettbewerb durch andere private medizinische Fakultäten, die deutschlandweit aus dem Boden sprossen, sagt Hoffmann. Andererseits seien inzwischen auch staatliche Unis Konkurrenten: Denn nachdem sie Studierende nicht mehr nur über den Numerus clausus auswählen dürfen, greifen sie teils in den gleichen Bewerberpool wie private Hochschulen. In diesem Umfeld müsse sich künftig auch Osnabrück beweisen, stellt der MHB-Sprecher heraus.
Seine Hochschule bekommt gerade staatliche Konkurrenz in der Nachbarschaft. Aus Mitteln, die die Lausitz nach dem Kohleausstieg gestalten sollen, stampft das Land Brandenburg in Cottbus einen Medizincampus aus dem Boden. Das Megaprojekt soll 3,7 Milliarden Euro kosten. Studiengebühren wird es dort vermutlich nicht geben.
Gleichzeitig zitterte die MHB zuletzt um Fördergelder für den Auf- und Ausbau der eigenen Forschung. Wer staatlich anerkannt Mediziner ausbilden will, muss medizinische Forschung vorweisen. Das ist im laufenden Betrieb so teuer, dass es die MHB nicht aus Studiengebühren und Drittmitteln finanzieren kann, sondern dafür auf Landesunterstützung angewiesen ist. Diese Mittel, seit 2020 jährlich 6,6 Millionen Euro, hatte das Land erst kürzen wollen. Nun sollen sie doch weiter fließen.
Es steht derweil zu erwarten, dass vergleichbare Probleme irgendwann auch auf die geplante Medizin-Hochschule in Osnabrück zukommen könnten. Wie zu hören ist, sind sich die Projektinitiatoren darüber im Klaren. Noch steckt das hiesige Projekt aber ohnehin in den Kinderschuhen.