Belm  Haus in Belm-Icker wird für A33-Nord abgerissen – selbst ohne endgültige Bauentscheidung

Jean-Charles Fays
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Von Jean-Charles Fays
| 08.12.2025 06:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Dieses Haus in Belm-Icker (Bildmitte) liegt mitten in der geplanten Trasse der A33-Nord und soll abgerissen werden. „Wird das Grundstück nicht benötigt, wird es durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben vermarktet, sofern es nicht anderweitig verplant wird“, sagt eine Sprecherin der Autobahn GmbH. Foto: André Havergo
Dieses Haus in Belm-Icker (Bildmitte) liegt mitten in der geplanten Trasse der A33-Nord und soll abgerissen werden. „Wird das Grundstück nicht benötigt, wird es durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben vermarktet, sofern es nicht anderweitig verplant wird“, sagt eine Sprecherin der Autobahn GmbH. Foto: André Havergo
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Ein Wohnhaus in der Straße „Hinter dem Felde“ in Belm-Icker soll Platz für die A33-Nord machen und abgerissen werden – obwohl es für das geplante neun Kilometer lange Autobahnteilstück noch gar kein Baurecht gibt. So begründet die Autobahn GmbH den Schritt nach Anfrage unserer Redaktion.

In Belm-Icker wird ein Wohnhaus abgerissen, das möglicherweise nie einer Autobahn weichen müsste. Es liegt exakt in der rund 32 Meter breiten Schneise der geplanten A33-Nord – eines neun Kilometer langen Teilstücks zwischen Belm und der A1 bei Wallenhorst, dessen Bau weiterhin völlig offen ist.

Das Gebäude in der Straße „Hinter dem Felde“ soll bis Ende des Jahres geräumt und anschließend zurückgebaut werden. Der Bund hat das Grundstück bereits übernommen, obwohl die A33-Nord noch nicht genehmigt ist: Das Planfeststellungsverfahren und die Prüfung des Autobahnteilstücks durch die EU-Kommission laufen aktuell noch, und Autobahngegner haben Klagen gegen einen möglichen Planfeststellungsbeschluss vor dem Bundesverwaltungsgericht angekündigt.

Die Sprecherin der Autobahn GmbH, Christine Sabisch, bestätigte auf Anfrage unserer Redaktion, dass der Bund das Grundstück erworben hat. Das Gebäude werde nun „zurückgebaut“. Sollte die Fläche später nicht benötigt werden, gehe sie an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die sie entweder vermarkte oder als Ausgleichsfläche nutze. Insgesamt habe der Bund bislang zwei Grundstücke und rund 80 Hektar Fläche erworben. Während die rechtliche Entscheidung also aussteht, beginnen die Vorbereitungen vor Ort längst.

Für die Grünen-Bundestagsabgeordnete Filiz Polat ist die Entscheidung ein deutliches „falsches Signal“. Sie spricht von einem „bedenklichen Umgang mit Eigentum“ und kritisiert, dass Verkäufe nicht mit Rückkaufsrechten abgesichert werden, falls die A33-Nord am Ende doch nicht gebaut wird. Ein solches Vorgehen schaffe Unsicherheit – und sei rechtlich ihren Angaben zufolge nicht zwingend. Abrissmaßnahmen in diesem frühen Stadium wirkten zudem wie ein Eingriff in die Entscheidungsfreiheit der Betroffenen, da das formale Baurecht noch in weiter Ferne liege.

Das Bauvorhaben selbst soll laut Autobahnplaner die letzte große Lücke im regionalen Autobahnnetz schließen. Die A33 endet bislang nördlich von Osnabrück; die Nordverbindung über Belm und Wallenhorst zur A1 fehlt seit Jahrzehnten. Vorgesehen sind ein Autobahndreieck an der A1 (A1/A33), zwei neue Anschlussstellen in Belm (A33/B51n) und Icker (A33/L109) sowie insgesamt 28 Brückenbauwerke auf 9,5 Kilometer Autobahn. Sechs davon sind im Schutzgebiet als Grün- und Faunabrücken geplant, die insbesondere Fledermäusen als Überflughilfe dienen sollen.

Die geplante Trasse führt durch bewegtes Gelände, überwindet Höhenunterschiede von 46 Metern und verläuft kurz vor dem Anschluss an die A1 in Wallenhorst auf mehr als zwei Kilometern durch das europäische Schutzgebiet „Fledermauslebensraum Wiehengebirge“. Während die Industrie- und Handelskammer das Projekt als unverzichtbare Infrastruktur bezeichnet, kritisieren Gegner eine überholte Planung und einen Eingriff, der in Zeiten von Klimawandel, Flächenknappheit und Haushaltsdruck nicht zu rechtfertigen sei.

Besonders im Fokus steht der Eingriff in das Schutzgebiet bei Wallenhorst. Die EU-Kommission prüft derzeit, ob die vorgesehenen Kompensationen und Wildbrücken ausreichen oder ob ein Eingriff grundsätzlich ausgeschlossen werden muss. Die deutschen Behörden haben dazu im Juli 2025 zusätzliche Unterlagen vorgelegt, doch aus Brüssel heißt es seit Monaten lediglich, eine Stellungnahme werde „zu gegebener Zeit“ erfolgen. Ohne diese Zustimmung ist der Bau der A33-Nord wohl nicht möglich.

Der Widerstand ist auch national erheblich: Allein nach der ersten Auslegung der Pläne gingen 29 Stellungnahmen von Behörden und Verbänden sowie 657 Einwendungen von Bürgern ein. Beim Erörterungstermin in der Osnabrück-Halle Ende Oktober prallten wirtschaftliche Interessen und Naturschutzargumente offen aufeinander. Belms Bürgermeister warnte vor einer „Fehlinvestition in eine überholte Autobahnplanung“, während die IHK auf eine schnelle Realisierung drang.

Der geplante Abriss des Hauses in Belm-Icker wird zum Symbol – und schafft Fakten. Er verschärft die Debatte weiter, weil er zeigt, wie tief das Projekt bereits in den Alltag der Menschen eingreift und wie sehr die Vorbereitungshandlungen vorwegnehmen, was formal noch gar nicht entschieden ist. Für die Befürworter ist der Rückbau ein logischer Schritt im Vorfeld eines lange erwarteten Infrastrukturprojekts, für die Gegner ein Eingriff ohne endgültige Legitimation.

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