Berlin Was der „Spiegel“ 1987 von Thomas Gottschalk hielt: Historische Momente einer Karriere
Wussten Sie, dass Gottschalk Heidi Klum entdeckte? Erinnern Sie sich an seinen Kampf mit Dieter Bohlen? Fünf vergessene Kapitel aus Thomas Gottschalks Karriere.
Eine Legende geht. Thomas Gottschalk verabschiedet sich mit einer letzten RTL-Show von seinem Publikum. Wir erinnern an fünf Kapitel aus seiner Karriere, die Sie längst vergessen haben. Die Abschiedsshow „Denn sie wissen nicht, was passiert“ mit Gottschalk, Schöneberger und Jauch läuft am Samstag, 6. Dezember, ab 20.15 Uhr bei RTL.
Als Thomas Gottschalk 1987 Frank Elstner bei „Wetten, dass ..?“ ablöste, hat der „Spiegel“ einen langen Vorbericht veröffentlicht. Schon das Vokabular macht deutlich, wie lange das alles her ist. Gottschalk wird als „blonder Schelm“ wahrgenommen, als „keß“ und als jemand, der die „Duz-Unsitte“ im Fernsehen durchsetzt. Er selbst, heißt es, soll sich damals noch als „das Risiko Gottschalk“ beschrieben haben. Wie man weiß, war die Gefahr überschätzt. Gottschalk hat Quotenrekorde eingefahren, weil er den Zeitgeist besser erfasst hatte als alle anderen. Was er tat und sagte, wurde zwar staunend als Regelbruch empfunden – es entsprach aber längst dem Gefühl von Millionen Zuschauern.
Fast vier Jahrzehnte später gilt das nicht mehr. Gottschalk hat sich weniger verändert als der Rest der Gesellschaft. Er fällt aus der Zeit und wird zur Projektionsfläche für beide Pole der Debatte. Die einen verteidigen in ihm ihre Sehnsucht nach dem „Zigeunerschnitzel“, die anderen suchen nach einem Funken Sexismus für die wohlige Empörung. Auch diese Kritik ist übrigens verblüffend alt. Noch bevor Gottschalk zum ersten Mal auf dem Wettsofa saß, hatte der „Spiegel“ gewarnt: „Gesprächspartnern geht der Grapscher gern ans Leder.“
Die Verbindung zwischen Gottschalk und „Wetten, dass …?“ ist und bleibt einzigartig. Was immer er vorher gemacht hat, so scheint es, führte nur darauf hin – von den flapsigen Moderationen beim Radio bis hin zum Vorabend-Talk „Na sowas!“. Was immer er danach machte, musste schon deshalb scheitern, damit er zu „Wetten, dass ..?“ zurückkehren konnte. Wer an Zeitkapseln Freude hat, findet in Gottschalks Seitensprüngen echte Schätze. Von 1977 bis 1981 moderierte er für die ARD die Gameshow „Telespiele“. Das Studiopublikum zockte hier gemeinsam allererste Computerspiele wie „Pong“. Heute wird das Format im Berliner Computerspielemuseum gewürdigt.
Und als Gottschalk 1992 ein erstes Mal mit der Wettshow Schluss machte – damals noch mit weniger Ausgaben als Frank Elstner auf dem Buckel – entwickelte er für RTL die erste tägliche Late-Night-Show im deutschen Fernsehen. Drei Jahre vor der Harald-Schmidt-Show. Zu den bleibenden Leistungen von „Gottschalk Late Night“ gehörte das Casting „Model ‘92“. Siegerin wurde, damals noch unbekannt, die 19-jährige Heidi Klum.
Zwei unangepasste Nachwuchskräfte krempeln die etablierten Medien auf links: Was heute Joko und Klaas sind, waren in den 1980ern Thomas Gottschalk und Mike Krüger. Der erste stand als Musik-Journalist beim Bayrischen Rundfunk für Coolness, der zweite war das, was man damals Blödel-Barde nannte, und damit von Berufs wegen lustig. Gemeinsam drehten Krüger und Gottschalk 1982 die Kinokomödie „Piratensender Powerplay”. Unter dem Label der „Supernasen“ wurde eine vierteilige Filmreihe daraus. Untern ihren echten Vornamen spielen Mike und Tommy hier so etwas Ähnliches wie sich selbst: lustige Anarchos im deutschen Entertainment.
Gottschalk schafft es noch, seine Filmkarriere bis in die 1990er zu verlängern - sogar bis nach Hollywood. In der US-Komödie „Kuck mal, wer da spricht!“ (1989) ist er nur die deutsche Stimme eines sprechenden Babys, das im Original Bruce Willis synchronisiert. In „Sister Act 2“ (1993) spielt Gottschalk als Pater Wolfgang dann wirklich mit - immerhin an der Seite von Supestar Whoopi Goldberg.
Öffentlich-Rechtliche gegen Private, Familienunterhaltung gegen Trash-TV, Onkel-Humor gegen Proleten-Gags: All das schwingt mit, als Dieter Bohlen am 4. Oktober 2003 auf Gottschalks Wettsofa sitzt. Ein Jahr nach dem Start von „DSDS“ sieht er sich selbst als die unaufhaltsame Zukunft der Unterhaltung. Vor laufender Kamera nimmt Bohlen Gottschalk dann in den Würgegriff: Ein ironischer Königsmord, der in Wahrheit mehr ist als ein Witz. Vier Jahre später sendet RTL Bohlens „DSDS“ auf neuem Programmplatz direkt gegen „Wetten, dass ..?“ und wirkt so an Gottschalks Quotenniedergang mit. Ein Jahr nach seinem ZDF-Aus, im Jahr 2012, wird Gottschalk beim RTL-„Supertalent“ Ko-Juror – unter Dieter Bohlen. 2021 die späte Genugtuung: Nachdem RTL Bohlen schasst, übernimmt Gottschalk als DSDS-Gastjuror die Finalshows.
Man könnte denken, Gottschalks Leiden am Zeitgeist hätte erst im Alter angefangen. Tatsächlich setzen die Anpassungsprobleme ein, als er gerade mal 50 ist. Nach einer verlorenen Saalwette will Gottschalk beim ESC-Vorentscheid angetreten und schreibt dafür den Song „What Happened to Rock‘n‘Roll“. Kleine Kostprobe: „Wenn meine Kinder Musik machen, / gibts für mich nichts mehr zu lachen. / Ich höre aus dem Kinderzimmer, HipHop, Rap und Techno immer.“ Im restlichen Song macht Gottschalk sich über Eminem lustig und fleht nach AC/DC.
Dabei hatte er früher ja selber mal gerappt! 1980 parodierte Gottschalk in der Moderatoren-Spaßband G.L.S. United den Hip-Hip-Klassiker „Rapper’s Delight“. Es war ebenfalls ein Meta-Song, in dem Gottschalk all seine Lieblingsbands aufzählt. Auch damals war AC/DC schon dabei. Und noch einer natürlich: „Kein Honkytonk, kein Geigensound, ein Knaller muss es sein. / Und bei gutem Rock, bei Rock’n’Roll, da passt auch Maffay rein.“ Tatsächlich war Peter Maffay mit 19 Auftritten dann auch der Musiker mit den meisten „Wetten, dass ..?“-Besuchen. Gottschalks musikalische Weltbild ist konsistent und seit 1980 völlig unverändert.