Hamburg Gottschalk verlässt Show zwei Stunden vor dem Ende: Video und Kritik
Thomas Gottschalk hat sich verabschiedet – und seine letzte Show zwei Stunden vor dem Ende verlassen. Die Höhepunkte von „Denn sie wissen nicht, was passiert“.
Mit einer letzten Ausgabe der RTL-Show „Denn sie wissen nicht, was passiert“ beendet Thomas Gottschalk seine Karriere auf der großen Bühne. Um viertel nach zehn verlässt er das Studio unter dem Jubel des Publikums. Die Show geht – warum auch immer – danach trotzdem noch fast zwei Stunden weiter. Das waren die Höhepunkte des Abschieds.
Gottschalks letzte Samstagabendshow startet und der Studiomoderator Thorsten Schorn ruft das Gastgeber-Trio auf die Bühne: „Begrüßen Sie Barbara Gottschalk, Günther Gottschalk und Thomas Gottschalk!“ Schöneberger und Jauch haben nicht nur Tommys Namen übernommen, sondern auch seinen Look, und erscheinen beinfrei im Schottenrock. Der Geehrte blinzelt gerührt in die Kamera, die Live-Band Kasalla spielt „Adios Amigos“ und noch einmal ist alles wie früher: Gottschalk ist einer von uns und wir alle sind Gottschalk. Ein gutes Intro für den letzten Abend.
Schöne Geste: RTL umgibt Gottschalk mit alten Weggefährten und lässt sie übers Älterwerden plaudern. Im ersten Spiel stehen neben den drei Moderatoren auch noch Mike Krüger, Jörg Pilawa (auch schon 60!) und Giovanni Zarrella auf der Bühne. Gemeinsam raten sie, wer mehr Lenze auf dem Buckel hat: Gottschalk oder die Currywurst, Jauch oder der „Playboy“? Ein Spiel, sollte man meinen, das sich an Fans der ersten Stunde richtet, an Leute, die 1983 auch schon die „Supernasen“ geliebt haben. Weil Moderatoren jenseits der 60 allerdings an Disziplin einbüßen, reden vor der Kamera dann wirklich alle durcheinander. Man versteht kein Wort. Und selbst mit tadellosen Ohren hat man irgendwann das Bedürfnis, sein Hörgerät nachzujustieren.
In den letzten 40 Jahren gab es keinen Gottschalk-Verriss ohne Schelte des Onkelhumors. Er selbst belässt es dann aber bei dem harmlosen Wortspiel, wonach er die Laser-OP mit einem „Laser-Brief“ an die Augenärztin gebucht hat. Für Zoten sind die anderen zuständig. Giovanni Zarrella will wissen, ob Barbie und Ken im selben Jahr erfunden wurden. Fragen tut er dann aber, höhöhö, ob sie gleichzeitig „gekommen“ sind. Einen noch besseren Lapsus legt Barbara Schöneberger hin, als sie versehentlich die Wörter „vertikal“ und „waagerecht“ kreuzt – und die „vaginale“ Anordnung des Spielfelds einfordert. Haha! Da sage noch einer, Zoten sind nicht witzig!
Das eigentliche Zentrum der Show wird ein Talk, in dem Jauch den Freund und Kollegen zur Erkrankung und den Ereignissen der letzten Wochen befragt. Eigentlich, sagt Gottschalk, rede er nicht gern darüber. Dienst und Privates habe er immer getrennt: „Und eine Krebserkrankung ist sehr privat.“ Bei Gottschalk geht sie buchstäblich unter Gürtellinie. Die Diagnose, erzählt er, hat sein Urologe gestellt. Und bei der OP wurde nicht nur ein Stück vom Harnleiter entfernt, sondern auch eins von der Blase. Danach folgten 33 Bestrahlungen.
Die Belastung spielt Gottschalk, das alte Zirkuspferd, jetzt noch mal herunter: „Mich strengt grundsätzlich nichts an“, sagt er. „Auch Gespräche mit dir nicht.“ Hut ab! Nach den wirren Auftritten bei der Bambi- und der Romy-Verleihung kommen Gottschalks Witze heute nochmal auf den Punkt. Dass er das keinen vollen Abend vor der Kamera mehr durchhält, sagt er aber auch. Er erklärt, dass zu seinen Nebenwirkungen „Brainfog“ gehört, ein umnebelter Zustand also. „Das wird mit jeder Stunde schlimmer“, sagt er. „Und dann steht man neben sich und redet dummes Zeug.“ Endlich versteht man, was in den letzten Wochen mit Gottschalk los war.
Viele Zuschauer scheinen ihm auch vorher schon Mut zugesprochen zu haben. Gottschalk berichtet von Zuschriften der Fans und wie gut sie ihm taten: „Die Mehrheit des Publikums scheint hinter mir zu stehen und das hilft komischerweise.“ Was bleibt, ist sein Satz vom Beginn des Gesprächs mit Jauch: „Ich habe die beste Zeit erlebt, die es im Fernsehen gab.“
Wozu spielen, wenn man Abschied nehmen will? Egal, welche Quiz-Fragen und Geschicklichkeitsübungen die RTL-Regie auch vorgesehen hat – die Moderatoren vertrödeln und verhaspeln sich in jeder Runde dieser besonderen Show. Und man versteht es. An diesem Abend geht es schließlich um etwas Größeres. Eine Institution wird verabschiedet. Und das erfordert Gefühl. Am Ende ist es Mike Krüger, der den richtigen Ton trifft. Mit der Gitarre setzt er sich an ein künstliches Lagerfeuer und singt seinen Klassiker „Mein Gott, Walter“ – nun umgedichtet auf Gottschalk.
„Seine erste große Sendung hieß damals ‘Na sowas!’ – Das Publikum jubelte laut: Mein Gott, Thomas!“, singt Krüger und das Publikum singt mit. Krüger schafft es sogar, die ewige Debatte um Gottschalks Hand auf dem Knie zu entschärfen: „Mit ‘Wetten, dass ..?’ ist er zur Legende gereift. Und hat zufällig auf der Couch manche Dame gestreift. Doch jetzt ist er älter und streift nur noch Omas. Die Kritiker seufzen: Mein Gott, Thomas!“
Dann bleibt Krüger im Text hängen. Keinen stört es. Hier gelingt ein privater Moment zwischen alten Freunden – vor laufender Kamera. Krüger fängt noch mal an und singt die Schlussstrophe, die im Dank an Gottschalk endet. Um viertel nach zehn geht Gottschalk dann von der Bühne. Jubel, Applaus! Hier müsste jetzt alles zu Ende sein. RTL könnte der Show noch einen Zusammenschnitt von Gottschalks besten Momenten im Fernsehen folgen lassen und alle wären zufrieden. Aber – die Show geht immer noch weiter.
Nachdem Gottschalk den Saal verlassen hat, dauert der Abend wirklich noch fast zwei weitere Stunden. Mal steigen Zarrella, Pilawa, Schöneberger und Jauch in einen Partybus voller grölender Statisten, mal hängen sie an einer Wand und warten darauf, mit jeder falsch beantworteten Quizfrage näher an den Abgrund geschubst zu werden. Das ist das letzte Spiel und es hört einfach nicht auf. Fast hat man das Gefühl, dass Gottschalk schon in seiner eigenen Abschiedsshow vergessen wurde. Irgendwann fasst Giovanni Zarrella sich ein Herz. Er erinnert daran, dass man ja eigentlich für einen der wichtigsten deutschen Entertainer zusammengekommen war. Dann springt freiwillig von der Wand. Und endlich kann der Abspann folgen – mit den schönsten Gottschalk-Momenten dieses Abends.