Osnabrück  Alice Weidels Rolex, Guttenbergs Golduhr: Experte entschlüsselt den Uhren-Stil der Mächtigen

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 11.12.2025 17:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Weiße Bluse, dunkler Blazer, elegante Uhr: AfD-Fraktionschefin Alice Weidel sendet mit ihrem Outfit eine Botschaft. Foto: Picture-Alliance/Flashpic/Jens Krick
Weiße Bluse, dunkler Blazer, elegante Uhr: AfD-Fraktionschefin Alice Weidel sendet mit ihrem Outfit eine Botschaft. Foto: Picture-Alliance/Flashpic/Jens Krick
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Wie teuer war Alexander Dobrindts Armbanduhr? Welches Detail unterscheidet die Rolex-Modelle von Julia Klöckner und Alice Weidel? Und welche Botschaft sendet Dorothee Bär mit ihrer Apple Watch? Wie ein Experte die Signale der Mächtigen deutet – eine Stilkritik.

Der niedersächsische Landwirt und Unternehmer Joachim Kellermann von Schele ist ein Uhrenkenner. Mechanische Armbanduhren sind sein Hobby, und seine langjährige Beschäftigung mit dem Thema hat ihn für Uhrenliebhaber zu einem gefragten Gesprächspartner gemacht.

Auf Bitten dieser Redaktion hat sich Kellermann von Schele erneut bereit erklärt, die Uhren führender deutscher Politiker zu kommentieren. Im Folgenden protokollieren wir seine Urteile, die naturgemäß sehr unterschiedlich ausfallen.

Kellermann von Schele: „Friedrich Merz besitzt meines Wissens mehrere sportliche Rolex-Modelle, zeigt sich aber schon seit Längerem nur noch mit einer schlichten, eleganten Uhr der deutschen Traditionsmarke Union Glashütte. Dabei könnte er sich ohne Weiteres wesentlich teurere Uhren mit anspruchsvollerer Technik bei ähnlichem Design leisten.

Dass er das nicht gemacht hat, wirkt auf mich wie ein Ausdruck demonstrativer Bescheidenheit. Dazu gehört auch, dass er, seitdem er Kanzler ist, praktisch nie mehr Hemden mit Manschettenknöpfen trägt. Im Kreise anderer Regierungschefs, etwa aus Frankreich oder Großbritannien, die allesamt Umschlagmanschetten tragen, finde ich das unangemessen.“

Qualitativ ist Merz’ Uhr übrigens über jeden Zweifel erhaben. Und sie ist auch stilistisch sehr gut ausgesucht; sie passt zu den schlichten, aber qualitativ sehr guten Anzügen und seinen sorgfältig gewählten Krawatten. Sagen wir es so: Wenn Merz bei allem so ein glückliches Händchen hätte, stünde er in den Umfragen deutlich besser da.“

Kellermann von Schele: „Die ,Max Bill‘ der im Schwarzwald ansässigen Marke Junghans, benannt nach dem Schweizer Bauhaus-Architekten, ist eine berühmte Design-Ikone. Ihre Wurzeln reichen in die 1960er-Jahre zurück. Sie ist sehr schlicht und filigran gezeichnet, was sie fast schwerelos erscheinen lässt, übrigens selbst in der deutlich größeren Herrenvariante.

Wenn eine vergleichsweise junge Frau – Hubertz ist Jahrgang 1987 – sich für so eine Uhr entscheidet, dann ist das schon ein Statement. Es signalisiert: Da interessiert sich jemand für Stil und Proportionen.  

Ich würde vermuten, dass Frau Hubertz die Uhr im positiven Sinne als ,Conversation Piece‘ anzieht: als sehr gut aussehenden Hingucker, der einen Einstieg in den Smalltalk ermöglicht. Auf jeden Fall ist es eine passende Uhr für eine Bundesbauministerin: Ein gewisses Auge für interessante und originelle Entwürfe ist in diesem Amt ja durchaus wünschenswert.“

Kellermann von Schele: „Olaf Lies kenne ich schon aus seiner Zeit als niedersächsischer Wirtschaftsminister. Sein persönliches Auftreten wirkt agil und bescheiden zugleich, als Typ tickt er pragmatisch. Dazu passt auch sein Uhrengeschmack.

Lies trägt gerne Chronographen, also Modelle, die eine Stoppfunktion haben, und er bevorzugt relativ große Uhren. Sie stammen unter anderem von Hilfiger und Fossil, also von Modeuhrenherstellern, die günstige Quarz-Modelle im Programm haben. Mit ihnen gibt sich der Ministerpräsident als ein Mann, der nicht über die Stränge schlägt und kein großes Aufheben um sich macht.

Sympathisch natürlich, auch wenn ich sagen würde: Olaf Lies könnte sich ruhig aufraffen, auch mal einen mechanischen Chronographen zu erwerben. Die sind teurer, klar. Aber technisch eben auch viel reizvoller – und er ist schließlich Ingenieur.“

Kellermann von Schele: „Frau Klöckner ist sich selber treu und trägt immer dieselbe Uhr, eine Rolex ,Bicolor Datejust‘.

Bicolor, also zweifarbig, bedeutet in diesem Fall, dass Armband und Gehäuse aus Stahl und Gold gefertigt sind. Ich bin ehrlich gesagt kein Fan dieser Mischung: Ich verbinde sie eher mit amerikanischen Millionären, Öl-Scheichs oder Leuten aus der Halbwelt. Aber bei Damenmodellen bin ich nicht so streng, weil Bicolor-Uhren ihren Trägerinnen mehr Gestaltungsmöglichkeiten beim Outfit bieten: allein schon, dass man sie gleichermaßen mit Silber- wie mit Goldschmuck kombinieren kann.

Julia Klöckner ist eine selbstbewusste Person, die keinem Streit aus dem Wege geht. Seit sie Bundestagspräsidentin ist, kleidet sie sich eine Spur formeller als früher, wie mir scheint. Was andere Leute davon halten, dass sie dazu eben auch eine Luxusuhr trägt, ist ihr wahrscheinlich egal, und diese Art von Standfestigkeit gefällt mir sehr gut.“

Kellermann von Schele: „Eine starke Politikerpersönlichkeit trägt eine extrovertierte Uhr – würde man meinen. Tatsächlich sieht die Uhr von Innenminister Alexander Dobrindt mit ihrer auffälligen Größe und dem Goldton aus wie eine sündhaft teure Rarität. Dabei ist sie geradezu das Gegenteil.

Es handelt sich um das Modell ,Pesaro II‘ der Firma Bruno Söhnle, eines Massenherstellers, der Uhren im unteren Preisbereich anbietet. Die meisten haben keine mechanischen Uhrwerke, sondern Quarzwerke, so auch Dobrindts Modell. Für einen erfolgreichen Spitzenpolitiker eine fast kuriose Wahl.

Vielleicht hat er sie geschenkt bekommen? Oder es war ein emotionaler Spontankauf? Auf jeden Fall wirkt es wie die Uhr eines Menschen, der sich aus Uhren nicht viel macht.“

Kellermann von Schele: „Die relativ kleine Rolex ,Datejust‘ von Frau Weidel hat, im Vergleich zum ganz ähnlichen Modell von Julia Klöckner, ein etwas eleganteres Armband, genannt ,Jubilée‘. Das lässt die Uhr ein bisschen schmuckiger wirken.

Zugleich aber ist das Modell nahezu unzerstörbar und außerdem ein über Jahrzehnte quasi unverändert gebliebener Klassiker. Damit ergänzt diese Uhr auf sehr passende Weise Frau Weidels Kleidungsstil, der betont konservativ ist. Weidel setzt auf schlichte Standards: weiße Bluse, blauer Blazer. Total diszipliniert in jeder Hinsicht – und mit der stabilen Uhr ein Outfit wie ein Panzer.“

Kellermann von Schele: „Der deutsche Politiker mit der spektakulärsten Uhr ist, soweit ich sehe, Alt-Kanzler Gerhard Schröder mit seiner Rolex ,Day-Date‘ in Platin. Aber direkt dahinter kommt Karl-Theodor zu Guttenberg mit seiner Weltzeituhr des Schweizer Edel-Herstellers Patek Philippe.

Es ist eine sehr wertvolle Golduhr. Sie weist ein ausgeklügeltes mechanisches System mit zwei drehenden Scheiben auf, das ständig die Uhrzeit aller 24 Zeitzonen der Erde anzeigen kann. Dieses ist eine Spezialität von Patek Philippe, wo man seit Jahrzehnten solche komplizierten Uhren baut.

Bei aller Exklusivität hat die Uhr aber auch einen sportlichen Touch. Das heißt, man kann sie buchstäblich zu jedem Festbankett der Welt anziehen, aber auch zu gänzlich informellen Anlässen, sogar zur Jagd. Wer so eine Uhr trägt, zeigt: Ich bin ein Weltmann, ein Kosmopolit. Karl-Theodor zu Guttenberg muss einen äußerst guten Geschmack haben – oder sehr gut beraten worden sein.“

Kellermann von Schele: „Dorothee Bär ist berühmt für gewagte Outfits. Dass sie eine Apple Watch trägt, gehört allerdings nicht in die Kategorie Extravaganz – das ist unter Politikern längst eine richtige Modeerscheinung. Zu Frau Bär mag es in besonderer Weise passen, weil sie ja jetzt Forschungsministerin ist: Ein technisches Gadget signalisiert Fortschrittsfreude und Lust auf moderne Lösungen.

Allerdings verleiht es ihrer Erscheinung auch etwas Flatterhaftes. Smartwatches sind Konzentrationskiller. Ständig muss man draufschauen, weil irgendwas blinkt: Das lenkt im persönlichen Gespräch ab von meinem Gegenüber und lässt mich auch bei der Arbeit im stillen Kämmerlein ständig den Faden verlieren.

Von vielen jungen Leuten höre ich, dass sie deshalb keine Apple Watch mehr tragen. Zugleich wächst unter ihnen wieder eine Neugier auf mechanische Uhren. Ist ja auch eine Art von Fortschritt.“

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