Osnabrück  Ordnung für das Chaos: Warum Weißclown Gensi der wichtigste Mann in der Roncalli-Manege ist

André Havergo
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Von André Havergo
| 30.12.2025 09:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Fulgenci Mestres Bertran bringt als Weißclown Gensi Poesie in die Roncalli-Manege. Foto: André Havergo
Fulgenci Mestres Bertran bringt als Weißclown Gensi Poesie in die Roncalli-Manege. Foto: André Havergo
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Weißclown Gensi ist Roncallis Ruhepol in einem Raum voller Bewegung. Doch gerade dadurch entfaltet seine Rolle im Osnabrücker Weihnachtscircus besondere Kraft. Im Schminkwagen verrät der 60-Jährige: Es geht nicht ums Lachen, sondern ums Lächeln.

Zum zehnten Mal ist Roncalli mit seinem Weihnachtscircus in Osnabrück. Noch bis zum 5. Januar 2026 gastiert er an der Halle Gartlage. Wer das Zirkuszelt betritt und Gensi in der Manege erlebt, merkt schnell: Hier geht es um Haltung, um Timing, um kleine Verschiebungen im Blick. Der Weißclown beherrscht diese Kunst perfekt.

Wir treffen ihn zwischen den Proben im Schminkwagen. Gensi – mit bürgerlichem Namen Fulgenci Mestres Bertran – malt sich das Weiß ins Gesicht, ruhig, fast beiläufig. Neben ihm die Clowns Oriol, ein alter Weggefährte, und Matute, der später in der Manege mit Geräuschen mehr sagt als andere mit Worten.

Gensi gilt als poetischer Weißclown. Seine Kunst arbeitet mit Mimik, Musik und Stille. Er braucht kein Spektakel. Seine Körpersprache ist präzise, geschult durch Theater und Ballett. In der Manege erzählt er kleine Geschichten. Manchmal wirken sie melancholisch, aber nie kalt. Er ist der ruhige Pol, der jeder Zirkusvorstellung einen Rahmen gibt, ohne sie an sich zu reißen. Einer, der die Tradition kennt und sie zeitgemäß weiterführt.

Gensi, der aus Barcelona kommt, ist im August 60 Jahre alt geworden. Dass er heute Weißclown ist, war kein Plan. Er spielte als Schauspieler am Theater, oft auch Komik, und lernte dort Monti kennen – einen legendären Clown, Regisseur und Lehrer, der Generationen geprägt hat.

„Er sagte nur: Komm mit“, erzählt Gensi. „Der Rest ist einfach passiert.“

Monti lud ihn in seine Clownskompanie am Theater ein. Erst Theater, dann Zirkus. 2005 folgte Roncalli. Durch eine Show in Barcelona wurde Roncalli-Gründer und Direktor Bernhard Paul auf ihn aufmerksam. Seitdem ist Gensi immer wieder dabei – nicht durchgehend, weil er zwischendurch auch an anderen Orten und in anderen Produktionen arbeitet, aber regelmäßig. Und immer passend.

Der Alltag im Circus Roncalli folgt eigenen Regeln. Aufstehen morgens um sieben gibt es hier nicht. Meist wird es zehn, manchmal später. Nach der Show sitzt oft die gesamte Zirkusfamilie, als die sie sich betrachten, noch zusammen. Clown Oriol erklärt: „Die Gemeinschaft gehört dazu und ist sehr wichtig, nicht nur in der Manege.“

Im Sommer kochen sie gemeinsam. Der Spanier Gensi macht dann eine große Paella für alle. Oriol, der wie Gensi aus Barcelona kommt, hilft dabei. Wer da ist, setzt sich dazu. Im Winter ist es ruhiger, dann bleiben die Türen des nostalgischen Wohnwagens zu, damit es warm bleibt. Aber das Zusammensein bleibt wichtig.

„Der Weißclown ist Ordnung“, sagt Gensi. Er halte die Linie, setze den Rahmen und schaffe so Raum für Chaos. Wenn Gensi von Musik, Theater und Bewegung spricht, klingt das weniger nach Theorie als nach Handwerk. Es sei eine Haltung, erklärt er. Man müsse wissen, wie man steht, bevor man stolpert.

Oriol und Gensi kennen sich seit Jahrzehnten. Sie haben zusammen gespielt, sich aus den Augen verloren und wiedergefunden. Wenn sie heute gemeinsam auftreten wie im Osnabrücker Weihnachtscircus, sind die alten Nummern sofort da.

„Er ist sehr elegant“, sagt Oriol über Gensi. „Ich bin das Gegenteil.“ Genau daraus entstehe Spannung. Hinter der Bühne reden sie über Familie, über Freunde, über früher. Auf der Bühne reicht oft ein Blick.

Über unsere Frage, was für ihn guten Humor ausmacht, denkt der aus Chile stammende Matute kurz nach. Clownerie, sagt er, sei kein Klamauk, sondern ein Spiel. Klar, offen, verständlich. Er arbeite fast ohne Worte, aber nie ohne Publikum. Niemand werde vorgeführt, man lache zusammen.

Auch Fehler gehörten dazu. Improvisation werde dann Teil der Nummer. Wenn ihm auf der Bühne etwas aus Versehen herunterfalle oder ein Geräusch zu spät komme, spiele er genau damit weiter.

Gensi schaut gern ins Publikum. „Nicht auf das Lachen der Leute“, sagt er, „sondern auf ihr Lächeln.“ Lachen komme und gehe schnell, erklärt er. Ein Lächeln bleibe. Zwischen Kindern und Erwachsenen unterscheidet er nicht. „Alle sind Kinder“, sagt Gensi.

Das Leben im Zirkus findet unterwegs statt. Es ist nicht immer bequem, nicht immer leicht. Roncalli sei für ihn trotzdem ein Traum, sagt Gensi. „Für mich ist es das, was für andere die große Oper ist. Nicht wegen des Zeltes, sondern wegen der Qualität.“

Auf die Frage, ob er schon an den Ruhestand denkt, winkt der Weißclown ab. Solange er Freude habe, gehe er hinaus in die Manege. Vor Kurzem hat er gefeiert: 60 Jahre Leben, 40 Jahre Beruf, 20 Jahre Roncalli. Still. Ohne große Worte.

Im Schminkwagen ist das Weiß jetzt fertig. Gleich geht es in die Manege. Ordnung herstellen, damit etwas Chaos regieren kann.

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