Berlin  „Voll für den Arsch“: Horst Lichter über ein Geschenk, das ihm nicht gefallen hat

Daniel Benedict
|
Von Daniel Benedict
| 23.12.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Weihnachten 2025: Horst Lichter hält nichts von Gutscheinen als Geschenk. Foto: IMAGO/Future Image
Weihnachten 2025: Horst Lichter hält nichts von Gutscheinen als Geschenk. Foto: IMAGO/Future Image
Artikel teilen:

Horst Lichter verrät, was er Weihnachten kocht, welcher große Wunsch für ihn unerfüllt blieb und was er von Gutscheinen als Geschenk hält. Ein Interview zum Fest.

Einen weihnachtlicheren Gesprächspartner als Horst Lichter kann man sich kaum vorstellen. Als Fernsehkoch ist er ein Experte fürs Festtagsmenü. Und als Sammler und Trödelexperte kennt er sich mit all den schönen Dingen aus, die unterm Tannenbaum Freude machen. Bevor das ZDF am Heiligabend eine Sonderausgabe von „Bares für Rares“ zeigt, haben wir mit dem 63-Jährigen geplaudert. Ein Gespräch über Christbaumschmuck, unerfüllte Wünsche und den Schicksalsschlag, der Lichter aufwachen ließ.

Frage: Herr Lichter, wir starten mit der weihnachtlichen Gewissensfrage schlechthin: echte Kerzen oder elektrische?

Antwort: Ich liebe echte Kerzen. Aber die machen wir natürlich nur an, wenn wir auch zu Hause sind. Brennen lassen kann man die ja nicht. Und an den Baum kommen sie deshalb auch nicht. Dafür haben wir wunderbare Kerzen, die täuschend echt aussehen, aber Batterien haben.

Frage: Die meisten Leute haben auf dem Dachboden oder im Keller eine Kiste mit Weihnachtsdekorationen, den Kugeln, vielleicht auch einer Krippe. Was ist in Ihrer drin?

Antwort: Ich bin mit meiner Frau schon 28 Jahre zusammen. Und in dieser Zeit haben wir eine wunderbar große Sammlung schöner Dinge zusammengekauft. Unsere Arbeitsverteilung ist so: Sie schmückt den Tannenbaum und macht auch die Adventskränze alle selber. Ich bin die helfende Hand und der Mann fürs Grobe. Dass der Tannenbaum gerade steht, ist meine Aufgabe. Sachen draußen in die Bäume hängen, Dekorationen am Haus festmachen: Das liegt auch alles bei mir. Wir haben bunte Kugeln, Rentiere, silberne Tannenzapfen, einfach alles, außer einer Krippe, die haben wir nicht.

Frage: Warum denn das nicht? Die gehört doch dazu.

Antwort: Wir haben nie eine Krippe aufgestellt. Keine Ahnung warum. Wir haben bei uns im Dorf sogar jemanden, der fantastische Krippen baut – wunderschön! Die gucken wir uns immer wieder mal an. Aber selbst haben wir keine – vielleicht, weil wir keine kleinen Kinder mehr im Hause haben. Die Enkelkinder haben natürlich alles Mögliche bei ihren Eltern, aber wir hatten nie eine. Immerhin planen wir an Weihnachten, in eine Christmette zu gehen.

Frage: Weihnachten ist die Familienfeier schlechthin. Begegnen Sie unterm Tannenbaum Menschen, die Sie das Jahr über nur am Telefon oder per WhatsApp kontaktieren?

Antwort: Eigentlich halten wir auch sonst guten Kontakt zu all den Menschen, die wir lieben. Wir feiern mittlerweile etwas anders Weihnachten als die ganzen Jahre vorher. Man muss sich das ja überlegen: Wir haben aus unseren früheren Ehen vier Kinder. Enkelkinder sind inzwischen auch da. Wo kleine Kinder sind, wird Weihnachten für die Eltern meist stressig. Das ist dann schlecht, wenn die erst den Opa besuchen müssen und dann auch noch die Oma und womöglich auch noch einen Onkel. Aus diesem Grunde haben wir irgendwann gesagt: Passt mal auf, die Kinder können das so einteilen, wie sie es selbst gerne möchten. Wir teilen das auf und besuchen die Kinder vor oder nach den Feiertagen, meistens nachher. Damit ist der ganze Weihnachtsstress weg.

Frage: Sie sind in den 60ern mit wenig Geld groß geworden. Wie war Weihnachten in Ihrer Kindheit?

Antwort: Logischerweise anders. An vieles erinnere ich mich gerne, an anderes weniger. Mein Papa war Schichtarbeiter. Wenn er an Heiligabend Spätschicht hatte, dann fuhr er mittags los und kam abends um 22 Uhr nach Hause. So lange mussten wir warten. Es gab keine Bescherung ohne Papa und Mama. Wir haben nie gemault. Das war halt so. Vielleicht sind wir vorher schon mal eingeschlafen, aber wenn Papa kam, waren wir wach. Was schön war: Bei meiner Mutter gab es über viele Jahrzehnte – auch noch, als ich schon lange nicht mehr zu Hause wohnte – immer das gleiche Weihnachtsessen. Das war eine Tradition und wir haben es sehr geliebt. Ab und an mache ich das selbst noch und dann koche ich es natürlich genauso wie Mama damals.

Frage: Jetzt müssen Sie aber auch sagen, was für ein gutes Essen das war.

Antwort: Als Vorspeise gab es immer eine Hühner-Rindfleisch-Suppe. Das war schon Luxus hoch zehn. Sonst gab es entweder Hühnersuppe oder Rindfleischsuppe. Da war nun beides drin, ein schönes Stück Rind und das Huhn. Das gab eine sehr kräftige Brühe. Danach gab es Kaninchenbraten – das Schwein des armen Mannes – in einer schönen dunklen Bratensauce. Dazu hatten wir verschiedene Gemüse, Bohnensalat, Kartoffeln und auch noch Knödel. Im Anschluss wurde wunderbarer Vanillepudding serviert, der mit der Haut drauf – die ich allerdings gehasst habe, aber auch das gehört dazu. Dann war das Weihnachtsessen auch noch schön präsentiert, mit Weihnachtsbesteck, das nur an Weihnachten auf den Tisch kam, sogar mit Messerbänkchen. Es war eine wunderbare Zeit, die ich sehr vermisse.

Frage: Zwei Sorten Fleisch und Knödel mit Kartoffeln: alles doppelt gemoppelt. Das klingt nach herrlichem Überfluss.

Antwort: Den wir uns nur einmal im Jahr geleistet haben. Wir waren eine arme Arbeiterfamilie, da gab es selbst am Sonntag nicht immer Fleisch und schon gar nicht unter der Woche.

Frage: Erinnern Sie sich noch, was für Wünsche Sie als Kind hatten, vielleicht auch unerfüllte? Und was wünschen Sie sich heute?

Antwort: Als Kind – das vergesse ich nie – habe ich mir so einen Kran gewünscht für die Modelleisenbahn. In einem Jahr hatte ich das Anfängerset geschenkt bekommen, mit diesem ovalen Schienenverlauf. Und dann habe ich im Neckermann- oder Quelle-Katalog einen Kran mit zwei Standfüßen entdeckt, der über den Gleisen stand und oben so hin und her fuhr, um die Waggons abzuladen. Den hätte ich unglaublich gerne gehabt. Ich weiß noch, wie ich schon im Sommer anfing, diesen Wunsch zu äußern. Ich bekam den Kran aber nie – der kostete wohl fast 100 Mark und das war für meine Eltern unerreichbar. Ja, und was wünsche ich mir heute? Man ist ja wunschlos glücklich. Die Wünsche, die man dann doch hat, sind schwer zu schenken – weil die mit anderen Dingen zu tun haben und mit nichts Materiellem. Worüber ich mich aber immer freue, das sind schöne alte Zeitungen aus meiner Jugend, aus der Zeit, wo es all die Autos und Motorräder noch neu gab, von denen ich immer noch träume. Ich freue mich auch über ein schönes Buch, und ich freue mich wahnsinnig über ein Stück Nougat oder über so ein kleines Marzipanschweinchen. Wenn es dann vielleicht doch kein ganz kleines ist, sondern ein größeres vom Bäcker, das finde ich schon sehr geil.

Frage: Jeder weiß, dass Sie ein Mann der Dinge zum Anfassen sind. Was passiert, wenn man Ihnen einen Gutschein schenkt?

Antwort: Ich finde Gutscheine – Entschuldigung – voll für den Arsch. Das muss ich mal offen sagen. Ich habe immer wieder mal Gutscheine geschenkt bekommen. Aber eingelöst habe ich in meinem ganzen Leben nicht einen davon. Nie. Zur Hochzeit haben wir einen wunderschönen Gutschein bekommen, vier Tage ins Hotel, mit allem Drum und Dran, in Brügge oder so. Da wären wir auch sehr gerne gewesen, aber man macht das dann ja doch nie. Dann sagt man sich zuerst: Das kann ich ja immer noch machen. Bis man sich irgendwann sagt: Das ist Urzeiten her, der Gutschein gilt doch gar nicht mehr. Wenn Sie einen Hotelgutschein verschenken wollen, schreiben Sie unbedingt ein Datum drauf und sorgen Sie dafür, dass die Beschenkten sich das Datum im Kalender freihalten.

Frage: Sie haben mal auf dem Schrottplatz gearbeitet. Mögen Sie Schrottwichteln, bei dem man Freunden oder Kollegen Ramsch verpackt oder schräge Geschenke weiterreicht, die man selbst nie brauchen konnte?

Antwort: Irgendwo hab ich das wohl auch schon mal mitgemacht. Als Witz finde ich das gut. Was ich auch mag: Wenn man verabredet, dass jeder nur was für – was weiß ich – vier Euro schenken darf. Sowas finde ich schon witzig.

Frage: Echte Schrottplätze sind mythische Orte. Haben Sie früher auf Ihrem Schätze gefunden, die Sie brauchen und womöglich sogar weiterverschenken konnten?

Antwort: Schrottplätze finde ich heute noch faszinierend. Das ist jetzt kein Witz – wenn man mich nach meinem Traumurlaub fragt, dann würde ich sagen: Ganz klar, zwei Wochen auf dem Schrottplatz in England. Mit einer kleinen Wohnung nebenan, jeden Morgen English Breakfast, und dann nehme ich mir eine Kiste Werkzeug und bin der glücklichste Mensch der Welt. Das wäre sensationell. Ich finde immer tolle Teile an Autos, Motorrädern, Lkw, Traktoren, was auch immer. Ich arbeite auch gerne mit den Händen, was auseinanderbauen und dann wieder zusammenbauen – das finde ich großartig.

Frage: Und warum in England? Wegen des Frühstücks oder weil der Schrott da besser ist?

Antwort: Man kann mich auf jeden Schrottplatz der Welt schicken. Aber ich bin wirklich England-affin. Da gibt es wunderschöne Schrottplätze, da gibt es noch Autos aus den 50er-, 60er-, 70er-, 80er-Jahren, da kann man noch was entdecken. England ist für mich ein riesiger Männerspielplatz. Die haben alte Burgen, alte Autos, alte Motorräder. Da stehen noch die Dampfmaschinen rum. Die leben das und das finde ich großartig. Engländer haben eine Freundlichkeit, die uns auch gut zu Gesicht stehen würde. Nicht nur an Weihnachten.

Frage: Herr Lichter, ich hatte mir zur Krippe und dem Jesuskind eine Frage notiert, von der ich nicht weiß, ob ich sie überhaupt stellen kann.

Antwort: Dumme Fragen gibt’s ja nicht.

Frage: Ihr erstes Kind ist mit sechs Monaten gestorben. Löst das Weihnachtsfest bei Ihnen auch traurige Gefühle aus – weil es eben ein Fest für Kinder ist und weil sich natürlich alles um ein Baby dreht, nämlich ums Christkind?

Antwort: Das ist wirklich passiert. Aber es hat für mich keinen Bezug zum Fest. Was das angeht, sage ich mir: Wenn man Weihnachten feiert, sollte man zumindest auch den Grund kennen, wieso dieses Fest mal entstanden ist. Aber natürlich hat der Verlust eines Kindes mein Leben geprägt. Damals bin ich wirklich wach geworden. Ich habe gemerkt, was echte Sorgen und Probleme sind. All das, was wir im Alltag für Probleme halten, alles, worüber wir uns ärgern und den Kopf zerbrechen, ist in Wahrheit nicht wirklich wichtig.

Ähnliche Artikel