Osnabrück  Heimelig in der blauen Stunde: Schaustellerin Marie Hammoor bleibt Weihnachtsmarkt treu

Noah Schnarre
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Von Noah Schnarre
| 16.12.2025 11:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Mit ihrer Pizzabude „Creativ Pizza“ steht Marie Hammoor seit 40 Jahren auf dem Weihnachtsmarkt in Osnabrück. Foto: Noah Schnarre
Mit ihrer Pizzabude „Creativ Pizza“ steht Marie Hammoor seit 40 Jahren auf dem Weihnachtsmarkt in Osnabrück. Foto: Noah Schnarre
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Marie Hammoor kennt das Leben als Schaustellerin seit ihrer Kindheit. Mittlerweile steht die 71-Jährige das 40. Jahr in Folge auf dem Osnabrücker Weihnachtsmarkt. Uns hat sie von ihrem Leben erzählt, das zu einem Großteil auf der Kirmes und dem Weihnachtsmarkt stattfand.

Das blaue Holztor hängt etwas schief in den Angeln. An manchen Stellen blättert die Farbe leicht ab. Ein gelbes Schild warnt vor bissigen Hunden, darunter hängt ein provisorischer Briefkasten. „Das Schild hängt da wegen des Postboten. Der hat Angst vor Hunden“, sagt Marie Hammoor achselzuckend. Die beiden Hunde, die die 71-Jährige umkreisen, reichen ihr gerade mal bis zu den Knöcheln.

Hammoor hat zu sich nach Hause eingeladen, an den Ortsrand von Lotte-Wersen. Hier lebt die Schaustellerfamilie seit fast einem Jahrhundert. Unten die 94-jährige Schwiegermutter, oben Heinz und Marie Hammoor, im Anbau ihr Sohn Henning, der den Betrieb vor vier Jahren übernommen hat.

Neben dem Haus eine Werkstatt, in der die Pizzawagen und Buden lagern, mit denen die Familie seit 40 Jahren auf den Jahrmärkten und Volksfesten der Region unterwegs ist. Eine davon steht aktuell auf dem Weihnachtsmarkt in Osnabrück, direkt neben dem Löwenpudel.

In der Küche köcheln Grünkohl und Kartoffeln in hohen Töpfen. „Heute koche ich nur noch für die Familie und zwei unserer Angestellten. Früher habe ich während der Jahrmärkte bis zu 15 Mitarbeiter verköstigt“, sagt Hammoor. Die 71-Jährige will von diesem Früher erzählen, von einem Leben, das zu einem Großteil auf der Kirmes und auf dem Weihnachtsmarkt stattfand.

Marie Hammoor ist vor 71 Jahren in die Schaustellerfamilie Kracke geboren worden. Sie erinnert sich noch heute an das Klackern der Holzschuhe, die ihre Eltern mit Stroh fütterten, um sich gegen die Kälte zu schützen. An den Geruch von frisch gebackenem Lebkuchen, den ihr Großvater zu jedem Volksfest und jeder Kirmes zubereitete. Und an ihr Schlafquartier unter der Theke des Kuchenwagens, das sie als junges Mädchen bezog, während ihre Eltern über ihr bis in den späten Abend süßes Gebäck verkauften.

Sie erzählt davon, wie sie schon in ihrer Jugend im Betrieb ihrer Eltern aushalf, von ihrem Vater, der sie zur Einzelhandelskauffrau ausbildete – „fair, aber mit strenger Hand“ – und wie sie ihren späteren Mann Heinz kennenlernte. „Das war während des Allerheiligen-Markts in Soest. Ich war gerade 16, durfte das erste Mal alleine raus“, erinnert sich Hammoor. Am Abend traf sich die Schaustellerjugend aus der Region in der Disco. Ihr Mann Heinz sei dafür extra aus Osnabrück angereist. „Das war früher eigentlich nichts anderes als ein Heiratsmarkt“, sagt die 71-Jährige schmunzelnd. Nur wenige Jahre später heiratete das junge Paar.

Von da an zogen Heinz und Marie Hammoor gemeinsam von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Erst mit dem Fahrgeschäft Halli Galli, dann mit einer Losbude und ab 1985 mit ihrem heutigen Pizzawagen.

25 Sorten hat die Familie im Programm. Der Topseller damals wie heute: die Nudelpizza mit Hollandaise. Dafür sei sogar mal ein Pärchen aus dem Sauerland nach Osnabrück gefahren. „Da war ich so gerührt, dass ich ihnen eine Pizza für zu Hause mitgegeben habe“, sagt Hammoor.

Die 71-Jährige kann viele solcher Geschichten und Anekdoten erzählen. Warme, rührende und pikante – solche also, die sie lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Dem Reporter erzählt Hammoor sie trotzdem, nur davon schreiben darf er nicht.

Ein paar Tage später trifft man Marie Hammoor wieder, diesmal auf dem Weihnachtsmarkt in Osnabrück. Es ist kurz vor 15 Uhr, der Himmel wolkenlos und langsam beginnt es zu dämmern. „Das ist meine liebste Zeit“, sagt Hammoor, während sie Champignonköpfe auf den Pizzateig legt. „Mit der Dämmerung kommt das warme Licht der Buden richtig zur Geltung. Jetzt wird’s kuschelig, richtig heimelig.“ Blaue Stunde nennt sie diese Zeit kurz bevor sich der Himmel schwarz färbt.

Das Licht, die Kulisse am Dom und am Marktplatz, das historische Thema, die Stille, all das mache den historischen Weihnachtsmarkt Osnabrück für sie besonders. „Sobald die Menschen die Schwelle zum Weihnachtsmarkt übertreten, merkt man, wie der Stress, die Eile und die Geschäftigkeit von ihnen abfallen. Das schätze ich sehr“, sagt Hammoor.

Noch vor wenigen Jahren stand die 71-Jährige jeden Tag auf dem Weihnachtsmarkt, vier Wochen am Stück. Heute sei das nicht mehr möglich. Nicht, weil sie es körperlich nicht mehr schaffe, sondern weil sie ihrer Schwiegermutter ein Versprechen gegeben habe: „Die Mutter von Heinz ist 94 Jahre alt und mittlerweile stark pflegebedürftig. Wir haben ihr damals versprochen, dass sie nicht ins Pflegeheim kommt. Daran halten wir uns und übernehmen gemeinsam die Pflege.“

Ganz auf den Weihnachtsmarkt verzichten will Hammoor dann aber auch nicht. „Ich vermisse es schon ein wenig, jeden Tag auf dem Wagen zu stehen“, sagt die 71-Jährige. „Wenn Not am Mann ist, dann springe ich ein.“ Wirklich raus aus dem Geschäft sei man in ihrer Branche nämlich nie.

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