Osnabrück Er kann sprechen: Christopher Lichtenstein ändert das Osnabrücker Konzertleben
Der Osnabrücker Generalmusikdirektor Christopher Lichtenstein überrascht das Publikum der Sinfoniekonzerte: durch unbekannte Stücke, einen dunklen Saal, charmante Moderation und eine Überraschung.
Und dann setzt sich Christopher Lichtenstein an den Flügel und begleitet mit weichen Akkorden die Sopranistin Susanna Edelmann beim Lied „In Moonlight“. Ein Novum bei einem Konzert des Osnabrücker Symphonieorchesters: Der Generalmusikdirektor spielt Klavier, und zwar bei einem Stück, das das Programmheft nicht aufführt.
Ja, es tut sich etwas, seit Lichtenstein der neue Musikchef am Theater Osnabrück und am Pult des Osnabrücker Symphonieorchesters ist. Schon in seinem ersten Konzert hat er sich ans Publikum gewandt; dabei ging es um seine Begeisterung für die Musik von Edward Elgar. Auch jetzt plaudert er erstmal ein bisschen mit seinem Publikum im Europasaal der Osnabrück-Halle.
Wiederum geht es um Elgar, um seinen musikalischen „Hausgott“, und dessen Konzertouvertüre „In the South (Alassio)“, mit der das Konzert gleich beginnen wird. Er erläutert die Hintergründe der Komposition – ein missglückter Italienurlaub des Ehepaars Elgar –, spricht von den Eindrücken, die in das Werk eingeflossen sind, beschreibt das erste Thema, dreht sich um zum Orchester und lässt dieses Thema spielen. Dann greift er wieder zum Mikrofon, beschreibt weitere Motive, gibt dem Orchester die Einsätze für weitere Klangbeispiele.
Das erinnert an die Art, wie Leonard Bernstein in den 1960er-Jahren dem amerikanischen Fernsehpublikum klassische Musik nähergebracht hat. Lichtenstein trifft einen ähnlichen Ton: Er spickt seine kleine Erzählung mit Anekdoten und kleinen Pointen, bleibt aber immer nah an der Musik. So nah, dass er sich schließlich Susanna Edelmann auf die Bühne bittet und sich ans Klavier setzt, weil Elgar ein Motiv aus dem Orchesterwerk zu einem Klavierlied umgearbeitet hat.
Lichtenstein öffnet sich so seinem Publikum – ein absolutes Novum fürs Osnabrücker Publikum. Gleichzeitig lenkt er die Aufmerksamkeit auf die Hauptsache, das dritte Sinfoniekonzert seiner ersten Saison. Dabei mutet er seinen Gästen schon einiges zu: Elgars Konzertouvertüre dürften die wenigsten jemals gehört haben, die Burleske in d-Moll für Klavier und Orchester von Richard Strauss ebenso wenig. Und von der Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 30 von Howard Hanson dürfte den meisten nicht einmal der Komponist geläufig sein. Eigentlich erfüllt dieses Programm nahezu alle Kriterien der Kategorie „Kassengift“.
Doch das Publikum ist zahlreich erschienen, und am Ende steht es und applaudiert begeistert. Denn Lichtenstein verwandelt, gemeinsam mit dem Osnabrücker Symphonieorchester, das Gift in Gold und stützt die Kernthese seiner Programme: Dass es jede Menge Musik gibt, die wenig oder gar nicht bekannt ist, aber völlig zu Unrecht in den Notenschränken vor sich hin dümpelt.
Den Beweis führt er mit einem Orchester, das sein Publikum mit maximalem Elan mit auf eine Entdeckungsreise nimmt. Lichtenstein hält dabei einerseits den Laden mit präzisen Zeichen zusammen, lässt andererseits seine Musikerinnen machen, indem er Eigenverantwortung und Gestaltung einfordert. In der Burleske von Strauss kommt das der brillanten Solistin Saskia Giorgini zugute, die sich in ihren Soloparts alle Freiheiten der Gestaltung nehmen kann, weil sie weiß, dass Lichtenstein Orchester- und Klavierpart an den entscheidenden Stellen auf den Punkt zusammenführt.
Sonderapplaus erspielt sich dabei Solopauker Sergio Coutinho: Mit ihm beginnt das Stück, mit ihm endet es, und dazwischen gibt es ausgedehnte Dialoge mit dem Klavier, und in dieser Funktion fühlt sich der Brasilianer hörbar wohl. Ein Stück voller Saft und Kraft und durchzogen von Strauss’ schelmischem, mitunter bayerisch-derbem Humor.
Schon in Elgars Italien-Ouvertüre sorgt Lichtenstein für perfekte Klangbalance und trifft die Euphorie und Melancholie der musikalischen Episoden. Darin offenbart sich, wie intensiv er sich mit dem britischen Komponisten beschäftigt hat und wie gut er seine Erkenntnisse ins Orchester geben kann. Und auch lässt er Bratscherin Hayasa Tanaka viel Freiraum, um die Liedmelodie, die Elgar später im Klavierlied verarbeitet hat, mit dem richtigen Maß an Emotionalität zu füllen.
Für den zweiten Teil hat Lichtenstein schließlich einen weiteren Einfall: Er lässt das Saallicht herunterfahren und die Rückwand in blaues, dann in lila und schließlich in grünes Licht tauchen. Eine kleine Maßnahme mit großer Wirkung: Im weitläufigen, kühl wirkenden Europasaal fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf die Bühne, aufs Orchester und das, was dort passiert. Und da tut sich eine ganze Menge.
Als der Amerikaner Hanson 1930 seine zweite Sinfonie schreibt, verschrecken in Europa gerade Alban Berg, Béla Bartók oder Paul Hindemith ihr Publikum mit ihren musikalischen Neuerungen. Hanson hingegen orientiert sich an der üppigen Klangsprache der Spätromantik und ihrer expressiven Melodik. Etliches kommt einem bekannt vor; Einsprengsel erinnern an Richard Strauss oder Igor Stravinsky. Doch es dominieren einprägsame Motive, Melodien, die einem neu und trotzdem wie alte Bekannte vorkommen – und ein erdschwerer Marsch schlägt sogar den Bogen zurück zu einer entsprechenden Passage in Elgars Konzertouvertüre vom Anfang des Abends.
Das Faszinierendste aber ist, wie Lichtenstein und das Osnabrücker Symphonieorchester ihr Publikum packen und mitnehmen in diesen Lustgarten der Musik.