Berlin „Dreckiger, verfluchter Nazi“: Ex-Nationalspieler Hartwig kommen live im TV die Tränen
In der ARD-Sendung „Die 100 – Was Deutschland bewegt“ spricht Jimmy Hartwig über die dunkelsten Kapitel seines Lebens. Sein Opa sei „ein dreckiger, verfluchter Nazi“ gewesen und auch im Stadion habe der Rassismus immer wieder den Sport überschattet.
Es war ein emotionaler Moment, als Jimmy Hartwig in der ARD-Sendung „Die 100 – Was Deutschland bewegt“ über seine Vergangenheit sprach. Der 71 Jahre alte Ex-Nationalspieler sprach in der Show mit ARD-Moderator Ralph Caspers über seine Erfahrungen mit Rassismus und Gewalt – auch in der eigenen Familie.
Noch bevor Hartwig auf dem Fußballplatz mit rassistischen Sprüchen und Anfeindungen zu kämpfen hatte, musste der Ex-Fußballprofi laut eigener Aussage bereits in seiner Kindheit mit Gewalt und Rassismus leben. In der ARD berichtet der dreimalige deutsche Meister von seinem Großvater – einem bekennenden Nationalsozialisten.
Er habe ihn als Kind aufgrund seiner Hautfarbe mehrfach geschlagen, so Hartwig. Über ihn sagt er: „Er war ein dreckiger, verfluchter Nazi. Und ich leide heute noch. Ich merke noch die Schläge. Mit 71 Jahren merke ich die Schläge, die ich mein ganzes Leben lang bekommen habe.“
Diese Erfahrungen haben, so erzählt Hartwig fast unter Tränen, seine Persönlichkeit geprägt. „Das Schlimmste sind ja nicht die Schläge, sondern dass keiner versucht hat, mich zu verstehen“, so der 71-Jährige. Und weiter: „Warum ist der Jimmy Hartwig so, wie er ist? Wieso hat Jimmy Hartwig eine große Klappe? Weil ich eine große Klappe habe, um mich verbal zu verteidigen. Und nicht mit Gewalt, weil Gewalt bringt nichts. Nichts. Nichts.“
Der Rassismus blieb ein stetiger Begleiter von Jimmy Hartwig. Der zweimalige Nationalspieler berichtet in der ARD auch über ein besonders einschneidendes Erlebnis auf dem Platz: Der 4:3-Sieg des HSV beim FC Bayern im Jahr 1982. Die Fans des FC-Bayern hätten ihm zugerufen: „Jimmy, du Negerschwein.“
Über dieses Erlebnis sagt der ehemalige Mittelfeldspieler des HSV: „Das war schlimm. Das ist schlimm. Das ist grausam. Es ist grausam, wenn ein Mensch, nur weil er ein bisschen anders aussieht, beleidigt wird. Das ist das Schlimmste auf der Welt, was es gibt. Und deswegen kämpfe ich schon seit Jahren dagegen an.“ Hartwig hatte sich vor die Menge gestellt und so getan, als ob er die Fans dirigiert – in „Die 100“ hatte er einen Dirigentenstab dabei.
Auch berichtete Hartwig von einem Spiel des HSV gegen den FC Augsburg, das ihm in Erinnerung geblieben ist: „Es gab einen dunkelhäutigen Spieler. Dann sagt ein Zuschauer hinter mir: ‚Schau mal, Jimmy, der ist ja viel schwärzer als du.‘ Was ist das für ein Idiot? Was hat das mit der Hautfarbe zu tun? Schwärzer als ich? Was ist denn das für ein Bullshit?“
Spielerisch lief es für Hartwig lange Zeit sehr gut. Seine Karriere startete er bei den Kickers Offenbach und dem VfL Osnabrück, wo er für eine Saison als Leihgabe spielte. 1974 startete der spätere Nationalspieler dort richtig durch. Mit ihm blieben die Osnabrücker 1973/74 in 15 Spielen vom Start weg unbesiegt.
Doch seine größten Erfolge feierte er beim HSV. Dort wurde er dreimal Deutscher Meister und gewann 1983 den Europapokal der Landesmeister. Nach seiner Zeit in Hamburg spielte der heute 71-Jährige unter anderem in Köln und Homburg. 1988 beendete er seine Karriere.