Osnabrück „Ein Drittel wird nicht gesund“ – Wie die Psychologin Hannah Quittkat zu Schönheitsidealen forscht
Schönheitsideale verändern sich – ihre Wirkung bleibt. Die Psychologin Hannah Quittkat erklärt, warum Körperbilder krank machen können und weshalb ein Drittel der Betroffenen trotz Therapie nicht gesund wird. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Projekts „Medienlab“ der Neuen Osnabrücker Zeitung mit Schülerinnen der IGS Eversburg.
Es beginnt mit einer scheinbar einfachen Frage: Was macht das eigene Körperbild mit einem Menschen? Warum lässt es sich für so viele Betroffene nicht einfach „abschalten“? Im Gespräch beschreibt die Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Hannah Quittkat ein Forschungsfeld, das weit über die Empörung über Instagram-Filter oder TikTok-Trends hinausgeht. Ihr Thema ist grundsätzlicher: Wie entstehen Körperbilder – und wie greifen historische, kulturelle und mediale Einflüsse ineinander?
Quittkat arbeitet an der Schnittstelle von Grundlagenforschung und klinischer Praxis. Privat sei das Thema Körper für sie „immer präsent“ gewesen – durch eigenen Leistungssport, aber auch durch persönliche Kontakte zu Menschen mit Essstörungen. Beruflich interessiert sie, wie sich das innere Bild vom eigenen Körper über die Lebensspanne entwickelt und welche Rolle dabei biologische, familiäre, gesellschaftliche und mediale Faktoren spielen.
Ihr Ausgangspunkt ist ernüchternd: Trotz etablierter Therapieformen wird etwa ein Drittel aller Patientinnen und Patienten mit Essstörungen nicht gesund. „Das sind 33 von 100“, rechnet sie vor. Für Quittkat ist das keine abstrakte Prozentzahl, sondern eine Realität, die Forschungsdruck erzeugt. Ihre Studien versteht sie ausdrücklich als Grundlagenarbeit, die langfristig in bessere Therapieansätze übersetzt werden soll. Zugleich geht es ihr um Aufklärung in einer Gesellschaft, in der körperliche Erscheinung nach wie vor eine zentrale Rolle spielt.
Eine Frage beschäftigt Quittkat besonders: „Was macht das Körperbild mit der betreffenden Person?“ Sie untersucht, wie sich Körperbilder im Laufe des Lebens verändern, welchen Einfluss Medien, Familie und Gesellschaft haben und warum trotz therapeutischer Angebote ein erheblicher Teil der Betroffenen chronisch krank bleibt.
Historische Schönheitsideale liefern ihr dabei wichtige Anhaltspunkte. Sie zeigen, dass es nie „den einen“ richtigen Körper gab, sondern wechselnde Standards, die eng mit den jeweiligen Erwartungen an die Rolle der Frau verbunden waren: von der mittelalterlichen Haus- und Hofverantwortung über die Hausfrau der 1950er-Jahre bis zur selbstoptimierten, „fitten“ Frau der Gegenwart.
Methodisch bleibt Quittkat vorsichtig. Viele historisch reizvolle Fragen – etwa, ob Mütter früher einen stärkeren Einfluss auf das Körperbild ihrer Töchter hatten als heute – lassen sich bislang nicht eindeutig beantworten. „Wir bräuchten dafür Längsschnittstudien“, sagt sie. Mütter und Töchter müssten über Jahrzehnte begleitet werden. Stattdessen dominieren bislang Querschnittsstudien: Momentaufnahmen, die wenig darüber verraten, wie bestimmte Einstellungen entstanden sind.
Besonders deutlich wird die Verbindung von Geschichte und Gegenwart bei der Wiederkehr bestimmter Schönheitsideale. Der Körper als Projektionsfläche sei endlich, sagt Quittkat – nach einer gewissen Zeit wiederholten sich die Vorstellungen davon, wie er innerhalb der Gesellschaft auszusehen habe. Die aktuelle Rückkehr des sogenannten Heroin Chic sei Ausdruck dessen.
Einen neuen Anstoß sieht sie unter anderem in Medikamenten wie der Abnehmspritze Ozempic, mit denen extreme Gewichtsabnahmen erneut zum gesellschaftlichen Gesprächsthema werden. Medienberichte und Vorher-Nachher-Bilder von Influencer trügen dazu bei, dass ein extrem schlankes Ideal wieder sichtbarer und aggressiver auftrete.
Hinzu kommen Pro-Ana- und Pro-Mia-Bewegungen in sozialen Medien. Bilder sehr dünner Körper zirkulieren nicht mehr nur in Magazinen oder auf Laufstegen, sondern rund um die Uhr in Feeds und Foren. Was früher Randphänomene waren, werde heute durch Algorithmen verstärkt, die extreme Darstellungen belohnen, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen. Für Jugendliche, die ohnehin mit ihrem Körper hadern, ist das ein hochriskantes Umfeld.
Medizinisch beschreibt Quittkat, wann dünn zu „zu dünn“ wird. Untergewicht sei in seltenen Fällen kompensierbar, meist jedoch ein Zeichen von Mangel. Ab einem bestimmten Punkt begännen sich Gehirnstrukturen zurückzubilden, Konzentration und Leistungsfähigkeit nähmen ab, der Körper schalte in einen Überlebensmodus. Es könne zu Lanugo-Behaarung kommen – einer feinen, babyartigen Körperbehaarung, die dazu dient, Wärme zu speichern. Auch Organschäden seien möglich. „Es kann wirklich richtig gefährlich werden“, sagt Quittkat. Gerade diese Zustände würden im Umfeld des Heroin Chic jedoch als begehrenswert inszeniert.
Bei ihrer historischen Analyse blickt Quittkat nicht nur auf Körper, sondern auch auf das, was sie umgibt: Kleidung, Größen, Schaufensterpuppen. Beim Heroin Chic seien Laufstegkörper und Magazine nur ein Teil des Problems. Parallel dazu seien auch Schaufensterpuppen immer dünner geworden.
Zugleich hätten sich Kleidergrößen verschoben. „Eine S in einem bestimmten Jahrzehnt ist keine S in einem anderen Jahrzehnt“, sagt sie. Viele Frauen fänden in konventionellen Geschäften keine passende Kleidung, weil Hersteller häufig nur bis XL produzierten – ein XL, das faktisch einer früheren M-Größe entspreche.
Die unterschwellige Botschaft: Wenn dein Körper nicht in diese „normalen“ Größen passt, bist du selbst nicht normal. „Dann stimmt irgendwas nicht mit dir“, fasst Quittkat zusammen. Dass Kleidung eigentlich für Menschen gemacht ist – und nicht umgekehrt –, gerate dabei in Vergessenheit. Ästhetische Normen schreiben sich so in materielle Strukturen ein: Was auf Laufstegen beginnt, landet später auf Kleiderstangen und Größenetiketten.
Auf der historischen Achse, die Quittkat zeichnet, unterscheiden sich die Ideale – die Mechanismen dahinter ähneln sich. Im 19. Jahrhundert wurde Tuberkulose zur Projektionsfläche romantischer Weiblichkeit, im Heroin Chic der 1990er-Jahre wurde Untergewicht Teil einer „künstlerischen“ Ästhetik, heute verknüpfen Social-Media-Feeds Schlankheit mit Erfolg, Disziplin und Lifestyle.
Immer geht es um mehr als den Körper. Es geht um Moral, Rollenbilder und Zugehörigkeit. Im schlanken Körper werden ganze Wunschwelten „mitverkauft“: Wer so aussieht wie das Model, hofft oft, auch dessen vermeintlich perfektes Leben zu bekommen – Glamour, Anerkennung, Status. Doch wenn das Ideal erreicht ist, zeigt sich häufig: „Das Leben ist gar nicht so perfekt, nur weil ich schlank bin.“
Angesichts dieser langen Geschichte von Schönheitsidealen wirkt Quittkats wichtigste Forderung beinahe unspektakulär – und ist doch ein Bruch mit der Tradition: „Wir müssen aufhören, Körper von anderen Menschen zu kommentieren.“ Wer sich wirklich sorge, solle fragen, wie es jemandem gehe, nicht, wie viel er wiege oder wie er aussehe.
In einer Kultur, in der Frauenkörper über Jahrhunderte hinweg bewertet und geformt wurden, ist das ein stiller Gegenentwurf: weg vom Körper als Projektionsfläche historischer Ideale – hin zum Menschen, der darin lebt.