Osnabrück Pflegeeltern auf Zeit: Wie ein Osnabrücker Paar Babys ins Herz schließt – und wieder gehen lässt
Agnes und Leo sind Eltern auf Zeit. Das Paar nimmt Babys und Kleinkinder aus Osnabrück bei sich auf, die nicht bei ihren leiblichen Eltern bleiben können. Jedes Kind schließen sie fest in ihr Herz – und lassen es nach einigen Monaten wieder gehen. Wie schafft man das? Einblicke in die Bereitschaftspflege.
Hinweis: Dieser Text ist erstmals Ende Dezember 2025 erschienen.
Wenn Agnes und Leo bereit sind für ein neues Baby, dann warten sie auf den Anruf der Stadt Osnabrück. Irgendwann klingelt das Telefon – und kurz darauf lernen sie einen neuen kleinen Menschen kennen, der nicht bei seinen leiblichen Eltern bleiben kann. Agnes und Leo sind Bereitschaftspflegeeltern. Eltern auf Zeit.
Sie nehmen Babys und Kleinkinder bei sich auf und geben ihnen ein sicheres Zuhause, bis die Stadt für sie eine Lösung gefunden hat – das kann eine Dauerpflegefamilie sein oder auch die Rückkehr zu den leiblichen Eltern. Dann lassen Agnes und Leo die Kinder wieder gehen. Manchmal nach wenigen Monaten, oft auch erst nach einem Jahr.
„Können Sie in einer Stunde im Klinikum sein?“, fragen die städtischen Mitarbeiter Agnes zum Beispiel, wenn der Anruf endlich kommt. Manchmal wird sie auch in ein Mutter-Kind-Haus oder ins Spielzimmer beim Adoptions- und Pflegekinderdienst gebeten, erzählt sie. Agnes informiert dann ihren Mann und ihre erwachsenen Kinder. Meist nimmt sie jemanden aus ihrer Familie als Fahrer mit, damit sie auf der Rückfahrt im Auto hinten sitzen kann, neben dem Kind im Maxi-Cosi.
Und dann beginnt das Kennenlernen.
„So ein frisches Kind aus dem Krankenhaus“, sagt Agnes, „das hat schon so viel erlebt.“ Viele Kinder würden aus zerrütteten Verhältnissen kommen: Straßenstrich, Prostitution, Drogen, Gewalt. In Wahrheit heißen Agnes und Leo anders, doch sie möchten in diesem Text anonym bleiben – zur Sicherheit ihrer eigenen Familie und zur Sicherheit ihrer „Besucherkinder“, wie sie sie nennen.
Agnes und Leo sind beide über 60 und haben in den vergangenen zwölf Jahren schon zehn Babys und Kleinkindern ein Zuhause auf Zeit gegeben. Sie hatten Platz – sowohl im Haus als auch im Herzen. Agnes und ihr Mann bewarben sich bei der Stadt und durchliefen dort die Qualifizierung. Angehende Bereitschaftspflegefamilien werden intensiv vorbereitet. Sie lernen, welche Traumata die Kinder mitbringen können, die teilweise Vernachlässigung, Verwahrlosung oder Misshandlung in ihrer Herkunftsfamilie erfahren haben.
Es gibt Babys, die gleich nach der Geburt einen Entzug durchmachen, weil ihre leibliche Mutter in der Schwangerschaft Alkohol oder Drogen konsumiert hat. Viele Bereitschaftspflegekinder hätten das fetale Alkoholsyndrom (FASD), sagt Leo. Manche Kinder sind nachtaktiv, andere schreien sehr viel. „Man muss krisenfest sein“, sagt Katharina Dorndorf vom Adoptions- und Pflegekinderdienst der Stadt Osnabrück.
Die Kinder brauchen Bezugspersonen, die rund um die Uhr für sie da sind. Das schließt eine Berufstätigkeit eines Elternteils in der Regel aus und macht es für die Stadt so schwer, neue Bereitschaftspflegefamilien zu finden. In die Rentenkasse zahlt die Tätigkeit nicht ein, die Pflegeeltern bekommen nur einen Tagessatz fürs Kind. Nur Leo ist berufstätig, Agnes ist Vollzeit-Pflegemutter. „Hätten wir nicht ein Eigenheim, würde ich in die Altersarmut rutschen“, sagt sie.
Doch Agnes liebt, was sie tut. Für jedes Kind strickt sie, schon während sie auf den Anruf der Stadt wartet, zur Begrüßung ein Glückshäubchen.
Sie liebt die Kinder und die Entschleunigung, die mit ihrer Ankunft einhergeht. „Ich habe dann keine To-do-Listen mehr“, sagt Agnes. Sie und ihr Mann begleiten die ersten Schritte der Kinder, ihre ersten Worte, die ersten Zähne.
Agnes schreibt alles auf. All die Baby-Geschichten, die andere Kinder ihr Leben lang von ihren Eltern erzählt bekommen, kommen in eine Schatzkiste, die Agnes den Pflegekindern mitgibt, wenn sie wieder gehen.
Und noch etwas häkelt sie für jedes Kind: einen kleinen Kraken, ein Symbol für Liebe und Geborgenheit in einem Leben, das eben ein wenig anders verläuft als bei anderen. „Diese Kinder werden mit vielen Armen groß“, sagt Agnes. Sie und ihr Mann haben sich bewusst für die ganz kleinen Kinder zwischen null und anderthalb Jahren entschieden; andere Bereitschaftspflegefamilien nehmen lieber etwas ältere Kinder auf.
In der Regel lernen Agnes und Leo auch die leiblichen Eltern kennen, wenn sie mit den Pflegekindern zu den Besuchskontakten fahren. Die Treffen finden zwei- bis dreimal pro Woche im Spielzimmer des städtischen Besuchs- und Pflegekinderdienstes statt – auf neutralem Boden. „Ich finde die Herkunftseltern nicht herzlos“, betont Agnes. „Sie lieben ihre Kinder.“ Leo erklärt: „Sie haben aber oft keinen Rückhalt, kein soziales Netz. Für die Kinder ist es besser, dass sie da herauskommen.“
Manche kommen mit ihrem Partner, manche – gerade sehr junge Frauen – mit ihrer Mutter, andere kommen ganz alleine. Zu Weihnachten schenken Agnes und Leo den Herkunftseltern einen Hand- und Fußabdruck des Kindes. Agnes versucht der leiblichen Mutter – sie sagt auch gerne „Bauchmutter“ – zu vermitteln, wie sehr sie es schätze, dass sie dieses Kind auf die Welt gebracht habe.
Konflikte seien selten. Wenn die leiblichen Eltern sich gegen die Inobhutnahme wehren, richte sich die Wut gegen den Adoptions- und Pflegekinderdienst, sagt Agnes, nicht gegen sie. Da sie mittlerweile über 60 ist, habe sie als Pflegemutter eher einen Oma-Status, sodass die Herkunftseltern sie nicht als Konkurrenz wahrnehmen würden. Außerdem wüssten sie, dass sie das Kind ja nicht behalte.
Doch gleich ihr erstes Bereitschaftspflegekind blieb anderthalb Jahre. Das sei zwar die Ausnahme, komme aber vor, sagt Katharina Dorndorf vom Adoptions- und Pflegekinderdienst der Stadt Osnabrück. Die Bereitschaftspflege ist eine Übergangsstation für die Kinder, bis geklärt ist, wie es für sie weitergeht. Und gerade Gerichtsverfahren ziehen sich manchmal sehr lange hin.
Bis dieses erste Kind in der Dauerpflegefamilie angekommen war und Agnes und Leo sich endgültig verabschiedeten, waren zwei Jahre vergangen. Ihre älteste Tochter vergoss Tränen, der jüngste Sohn war neun Jahre alt. Auch Jahre später hätten sie noch gehadert, sagt Leo: „Wie konnten wir dieses Kind wieder abgeben?“ Inzwischen sei das Kind 13 „und hat eine ganz wunderbare Familie gefunden“, erzählen Agnes und Leo. Sie sind bis heute in Kontakt.
Agnes und Leo sind für all ihre früheren Pflegekinder immer ansprechbar. Das machen nicht alle Bereitschaftspflegefamilien so, doch den beiden ist es wichtig. Sie sind ja Teil der Wurzeln dieser Kinder. Bislang sind alle, die bei ihnen waren, in Dauerpflegefamilien untergekommen, aber es könnte auch zurück zur Herkunftsfamilie gehen. „Wir wissen nie, wo die Reise hingeht“, sagt Agnes.
Sie und Leo lassen sich voll und ganz auf jedes neue Kind ein. „Liebe ist eine Entscheidung“, sagt Agnes. „Ich verliebe mich in diese Kinder.“ Wenn eine Dauerlösung gefunden sei, müsse diese Bindung langsam wieder gelöst werden. Zuerst komme die neue Familie zu ihnen nach Hause. Sie singen gemeinsam mit dem Kind – und irgendwann begleiten die neuen Eltern es in den Mittagsschlaf.
Wenn das klappt, fahren sie immer öfter mit dem Kind zu seinem neuen Zuhause. Wenn dieses weiter entfernt ist, nimmt Leo sich dafür schon mal Urlaub. Immer mehr Spielsachen kommen mit: eine Spieluhr, ein Bilderbuch, ein Tuch mit dem bekannten Geruch aus dem Haus von Agnes und Leo, erst ein Kuscheltier, dann zwei, dann alle.
Agnes übernimmt in der Trennungsphase den Hauptpart. „Ich ziehe mich immer mehr zurück“, sagt sie. Erst geht sie in den Garten während der Besuche, dann geht sie spazieren. Und irgendwann gehen sie und Leo für immer.
Am Vorabend feiern sie Abschied und kochen dem Kind ein letztes Mal sein Lieblingsessen. „Traurig ist diese Trennung immer“, sagt Agnes. Wer etwas schwermütig sei, für den sei die Bereitschaftspflege nichts. Dafür brauche man doch eine gewisse Leichtigkeit im Leben.
Jedes einzelne Kind schließt die Familie in ihr Herz. Und manchmal reiße der Abschied auch ein Stück raus, sagt die Pflegemutter. Aber sie und ihr Mann wissen, dass sie dem Kind viel Sicherheit und Liebe für seinen Start ins Leben gegeben haben. Und sie wissen, dass nach einigen Monaten, in denen sie sich Zeit für sich selbst nehmen, wieder ein neues Kind kommen kann. Dann strickt Agnes ein Glückshäubchen und die Vorfreude wächst.