Osnabrück Die Renaissance der Linken hat einen Namen: Heidi Reichinnek
Vor einem Jahr sah es für „Die Linke“ düster aus. Die Bedeutungslosigkeit war bedrohlich nah. Doch mit Heidi Reichinnek hatte die Partei plötzlich wieder eine Lichtgestalt – und neue Wähler. Linke Vibes sind wieder cool.
Ihre Sprache: turbomäßig. Ihr Auftreten: kompromisslos. Ihre Tattoos: wenig Zierde, mehr Statement. Heidi Reichinnek ist grell, scharfzüngig – und kein Typ der leisen Töne. Ihre Auftritte ähneln einem energetischen Dauerfeuer: Argumente, Gesten, Blicke. Alles in Bewegung, alles Haltung. Etwas Besseres als die 37-Jährige hätte der Linken in diesem Jahr kaum passieren können.
Rückblick, November 2024: Die Ampel zerbricht, alles läuft auf Neuwahlen zu – und die Linkspartei dümpelt in Umfragen bei drei, vier Prozent. Nach dem Abgang von Sahra Wagenknecht und ihrer Getreuen steht die Partei vor einer Zerreißprobe. Grabenkämpfe zwischen Reformern und Altgedienten, toxische Debatten über Nahost und destruktive Machtspiele rund um ein Führungsvakuum setzen ihr zu. Alles deutet darauf hin, dass „Die Linke“ nicht noch einmal im Deutschen Bundestag vertreten sein würde.
Doch es kommt anders. Das hat die Partei auch – und vor allem? – Heidi Reichinnek zu verdanken. Es ist der 29. Januar 2025: Reichinnek steht am Rednerpult des Deutschen Bundestages und gibt rhetorisch Vollgas: „Wir sind die Brandmauer, zur Not auch gegen Merz“, schreit sie den Abgeordneten, der gesamten deutschen Öffentlichkeit entgegen.
Die Rede geht viral. Millionen Views auf TikTok und Instagram katapultieren Reichinnek in ungeahnte Aufmerksamkeitshöhen. Mit scharfzüngigen Worten kritisiert sie die von der Union geplanten Migrationsverschärfungen als AfD-Politik, die die gesellschaftliche Brandmauer untergrabe. Gipfelnd in den Worten „Auf die Barrikaden!“
Plötzlich ist die Linke wieder cool. Voller Anarcho-Vibes. Feminin frech. Unangepasst ungebührlich. Forsa-Chef Manfred Güllner nennt CDU-Chef Friedrich Merz hernach einen „Geburtshelfer der neuen Linken“. Erst seine politischen Manöver hätten Reichinneks Auftritte beflügelt. Sie, die zuvor mit Jan van Aken zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl gekürt worden war, wird’s gefreut haben.
Wie ein Fisch im Wasser bewegt sich Reichinnek fortan in den sozialen Netzwerken. Allein bei TikTok folgen ihr aktuell mehr als 637.000 Menschen. Die Klaviatur der Aufmerksamkeitsökonomie beherrscht Reichinnek perfekt. So mancher fühlt sich provoziert. Vor allem jüngere Wähler erliegen aber ihrem speziellen Charme.
Am Ende des Wahlkampfs erreicht die Linke bei der Bundestagswahl 8,8 Prozent der Stimmen, ihr drittbestes Ergebnis seit 2009. Vor allem bei Erstwählern und jungen Frauen kann sie punkten. Reichinnek selbst steigert die Linken-Erststimmen in ihrem Wahlkreis Osnabrück von 3,2 auf satte 11,8 Prozent.
In der Friedensstadt nahm auch die politische Karriere von Heidi Reichinnek Fahrt auf: 2016 wird sie Stadträtin in Osnabrück, kurz darauf Landessprecherin der Linksjugend, 2019 Parteivorsitzende in Niedersachsen. 2021 dann der erste Einzug in den Bundestag. Heute ist sie Chefin der Linksfraktion – und hat ihren Laden ziemlich gut im Griff.
Jüngster Coup: die Ankündigung der Enthaltung bei der Bundestagsabstimmung zum Rentenpaket der schwarz-roten Koalition Anfang Dezember. Die taktische Entscheidung sicherte der Regierung eine stabile Mehrheit, ohne dass Die Linke als „Stütze“ der Union gelten muss, und positioniert die Linken als Schutzpatrone der Rentner – ein Meisterstreich der PR, der die Linke als verlässliche Opposition darstellt.
Überhaupt hat die Fraktion sogar die Wahl von Friedrich Merz zum Bundeskanzler erst ermöglicht, als sie nach der missglückten ersten Abstimmung dem zweiten Wahldurchgang noch am selben Tag zustimmte.
Die Union hat der Linken solches Entgegenkommen bislang nicht gedankt; eine Abkehr vom „Unvereinbarkeitsbeschluss“ zeichnet sich nicht ab. Die ideologischen Gräben sind offenbar zu tief – dafür steht wohl auch eine Interview-Äußerung Reichinneks gegenüber dieser Zeitung.
Sie betonte, der Kapitalismus habe ausgedient. Wer der Bedrohung der Demokratie durch soziale Ungleichheit begegnen wolle, sagte Reichinnek, „der darf den Kapitalismus nicht stützen, er muss ihn stürzen. Er muss sich dagegenstemmen und die Systemfrage stellen, ganz klar. In den heutigen Zeiten muss man radikal sein.“
Die Radikalität begründet Reichinnek mit einem ihrer Ansicht nach ausgehöhlten Sozialstaat, explodierendem Reichtum einiger Weniger und der Notwendigkeit radikalen Handelns für einen demokratischen Sozialismus. Bei ihrer Klientel kommt dieser klar linke Kompass gut an – ob er die Partei auch bei den fünf Landtagswahlen in 2026 deutlich über die Fünf-Prozent-Hürde führt? Die „rote Heidi“ wird in den Wahlkämpfen sicher nicht fehlen.