Osnabrück  Herr Kalkofe, so aus Boomer-Sicht: Was war denn nun tatsächlich früher besser?

Maik Nolte
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Von Maik Nolte
| 26.12.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 13 Minuten
„Mit 60 war eigentlich nichts mehr los“: Darüber denkt Oliver Kalkofe, mittlerweile 60 Jahre alt, heute anders. Foto: dpa/Jens Kalaene
„Mit 60 war eigentlich nichts mehr los“: Darüber denkt Oliver Kalkofe, mittlerweile 60 Jahre alt, heute anders. Foto: dpa/Jens Kalaene
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Der Satiriker Oliver Kalkofe ist in diesem Jahr 60 geworden. Ein klassischer Boomer-Jahrgang – wie kommt er denn so klar mit dem Internet, und schimpft auch er auf die Jugend von heute?

Dass er zur Boomer-Generation gehört, daraus macht Oliver Kalkofe keinen Hehl: Immerhin nennen er und sein Podcast-Kollege, der „heute-show“-Moderator Oliver Welke, sich seit Jahren „Die fabelhaften Boomer Boys“. Nur dass Boomer heute vor allem von Jüngeren oft nicht gerade als fabelhaft wahrgenommen werden. In seinem neuen Buch nimmt der 60-Jährige den Boomer-Hang zur Nostalgie aufs Korn; und im Interview spricht er über das Alter, Internet-Nerv und die entscheidende Frage, ob früher wirklich alles besser war.

Frage: Herr Kalkofe, Sie machen keinen Hehl daraus, Boomer zu sein. Sowohl in Ihrem Podcast mit Oliver Welke als auch im Untertitel Ihres neuen Buchs taucht das B-Wort auf. Wann haben Sie es eigentlich zum ersten Mal gehört?

Antwort: Gute Frage – ich war offenbar lange Zeit Boomer, ohne es zu wissen. So richtig ist dieses Wort in unser aller Bewusstsein ja auch erst vor einigen Jahren getreten, als diese „Okay-Boomer“-Bewegung losging – was ja so mehr oder weniger bedeutet: Sei doch still, alter Mann. Oder alter Mensch, sagen wir mal so. Und „alt“ bedeutet mittlerweile mehr oder weniger: alle, die noch im letzten Jahrtausend aufgewachsen sind. Zuvor hörte man ja eher wertfrei nur von Babyboomern …

Frage: … und dachte ansonsten vielleicht an einen zotteligen, aber niedlichen Serienhund …

Antwort: Richtig, daher kannte ich das Wort auch, aus der schönen ZDF-Serie „Boomer, der Streuner“ – der Hund, der immer allen geholfen hat.

Frage: Heutzutage geht es allerdings kaum um den eigentlichen Babyboom – der Boomer ist ja, wie Sie schon sagten, der neue „alte weiße Mann“. Beschleicht einen da nicht so ein gelindes Entsetzen? Nach dem Motto: Oh mein Gott, ich gehöre jetzt wirklich zum alten Eisen?

Antwort: Ich glaube, das ist mehr oder weniger das Problem der gesamten Boomer-Generation. Wir sind, ich sage das jetzt mal ganz pauschalisierend, in einer Generation aufgewachsen, in der man dachte, dass die Jugend ewig währt. Für uns waren ältere Menschen eben sehr viel älter – über 50 war ein Alter, in dem nicht mehr so viel los war, und über 60 erst recht nicht. Die Helden der damaligen Zeit waren immer wohl situierte Menschen, so in den 30ern bis 50ern; egal, ob es Privatdetektive, Selfmade-Millionäre oder sonst was waren.

Frage: Warum war denn ab 60 nichts mehr los?

Antwort: Man hatte das Gefühl, dass sich ältere Menschen nicht mehr für allzu vieles interessierten, dass sie müde und erschöpft waren. Das merkte man ja auch in der Medienwelt, die sich ihre werberelevanten Zielgruppen ausgedacht hat – und die reichte von 14 bis 49 Jahren. Später wurde das noch mal bis 59 erweitert. Ich bin also jetzt seit Kurzem aus allen werberelevanten Zielgruppen raus und gehöre nur noch zum Einheitsbrei. Das gibt mir eine gewisse Freiheit zurück – es ist jetzt scheißegal, was ich gucke, es interessiert sowieso keinen mehr, mich zu fragen.

Frage: Sie sind in diesem Jahr 60 geworden … ist mit Ihnen auch nichts mehr los?

Antwort: Ich fühle mich überhaupt noch nicht wie 60, außer vielleicht körperlich. Ich nehme absolut aktiv am Leben teil, so gut wie ich kann. Ich kann zwar nicht allen Trends folgen und ich bin nicht auf allen Social-Media-Kanälen oder so – das geht mir heute viel zu schnell. Bei diesem Tempo, in dem sich alles weiterbewegt, können ja selbst junge Menschen nicht mehr hinterherrennen. Aber wir Boomer sind sehr, sehr viel aktiver, als es die älteren Menschen zu unserer Jugendzeit waren.

Frage: Da sind wir ja schon beim ersten Klischee: Boomer verstehen nichts vom Internet. Welche sozialen Netzwerke nutzen Sie denn?

Antwort: Ich nutze ein paar Kanäle beruflich. Facebook, ein wenig Twitter – immer noch mit Unbehagen –, und auf Instagram bin ich auch. Privat aber so gut wie gar nicht. Ich war auch früher schon niemand, der sich die ganze Zeit für Klatsch interessiert hat oder dafür, was die Leute, die ich kenne, zu Mittag gegessen haben. Ich nutze diese Plattformen aber für Informationen, über Filme, über Politik, über Medien und so alles, was mich interessiert. Und sobald ich einen Moment Zeit habe, geht es mir genauso wie allen anderen: Dann nehme ich das Smartphone oder mein iPad und gucke, was ich gerade so an Neuigkeiten bekomme.

Frage: Also ist das Internet doch keine Altersfrage.

Antwort: Das Internet ist ein unfassbar geiles Medium. Das ist ja zugleich auch das Traurige. Ich habe mich damals riesig darüber gefreut, über die Möglichkeit, Dinge schnell zu recherchieren und mehr über Dinge zu erfahren, die einen interessieren. Mein Gott, wenn ich daran denke, was ich früher für einen Aufwand betreiben musste, um Brieffreundschaften in England und anderen Ländern aufrechtzuerhalten …

Antwort: Aber ich verstehe auch, dass die Menschen und viele Ältere damit große Probleme haben. Denn die Geschwindigkeit, in der es sich verändert und Neues von mir verlangt, überfordert mich häufig. Wenn ich nur sehe, was ich jetzt wieder alles anklicken muss, wenn ich Erlaubnisse erteilen oder mich schon wieder irgendwo neu anmelden muss. Oder wenn mich Seiten, auf denen ich ewig unterwegs bin, rausschmeißen, weil die wieder was umgestellt haben. Sobald man da menschliche Hilfe benötigt, ist man ja hilflos. So easy, wie immer getan wird, ist das alles nun mal nicht.

Frage: Hand aufs Herz: Wenn man sich anschaut, was so auf Plattformen wie Tiktok los ist, was für merkwürdige Trends es mitunter gibt – kann man überhaupt vermeiden, ab und zu den Gedanken „Diese Jugend von heute!“ zu haben?

Antwort: Ich glaube, diesen Gedanken hat jede Generation. Es gab vermutlich keine Zeit, in der die Generationen nicht aneinander verzweifelt sind. Aber diese Kluft wird immer größer. Und zwar deswegen, weil das, was jetzt innerhalb von ein, zwei oder drei Jahren passiert, früher vielleicht zehn, zwanzig, dreißig Jahre gedauert hat.

Frage: Was meinen Sie?

Antwort: Man muss sich ja nur anschauen, wie sich die ganze KI-Geschichte entwickelt. Vor zwei Jahren haben Olli Welke und ich in unserem Podcast über ChatGPT gesprochen, da war das noch neu und ging in die Richtung: Hihihi, guck mal, der kannst du lustige Fragen stellen. Und wenn wir heute sehen, wie extrem viel KI innerhalb dieser zwei Jahre verändert hat, was sie alles kann – Stimmen perfekt nachmachen, innerhalb von Sekunden kleine Filme erstellen … in einem Jahr wird das so nah an der Perfektion sein, dass es kaum mehr möglich sein wird, Wahrheit und Lüge voneinander zu trennen. Das geht so immens schnell, da kommen wir nicht hinterher.

Antwort: Ich glaube, das ist das Hauptproblem unserer Zeit: Wir sind immer mit dem Gefühl herangegangen, dass die Menschen ja im Grunde gut sind und es auch gut meinen. Und wir sind dann oft so naiv, nicht daran zu denken, dass in Wirklichkeit an jeder Ecke Leute nur drauf warten, dich wieder neu bescheißen zu können. Da müssen wir uns mal langsam wirklich ein paar Gedanken machen, ob wir da irgendwo Grenzen einbauen können. Ansonsten wird uns das wahrscheinlich überrollen.

Frage: Apropos überrollen. Boomer müssen sich viele Vorwürfe anhören: Nicht nur, dass sie das Klima an die Wand gefahren haben, sie sind auch noch dafür verantwortlich, dass das Rentensystem demnächst kollabiert. Beides Probleme, die seit sehr langer Zeit abzusehen waren – warum hat diese Generation die Hände in den Schoß gelegt, als noch Zeit war?

Antwort: Wegen Bequemlichkeit, wie überall. Diese ständigen Herausforderungen machen uns halt alle fertig. Gehen wir doch mal ganz normal ans Menschliche ran: Wir machen doch nichts, wenn wir es nicht unbedingt müssen. Wir räumen auf, wenn es dreckig ist. Wir füllen den Kühlschrank, wenn er wieder leer ist. Und wenn alles okay ist, sind wir dankbar dafür, einen Moment Ruhe zu haben. Das haben wir einfach nur viel zu lange getan.

Antwort: In den 80er-, 90er-Jahren lief, relativ betrachtet, ja vieles rund. Die Welt wurde bunter, lustiger, fröhlicher; es gab wieder Hoffnung, als die Mauer fiel und die Sowjetunion zerbrach. Es schien so, als hätten alle verstanden, dass man ja auch miteinander kann statt nur gegeneinander. Da sind wir lange, lange Zeit eingelullt gewesen, gerade in Deutschland, mit dieser Lethargie der Merkel-Zeit … die Kacke war eben nicht so am Dampfen, dass wir den Rauch gerochen hätten. Bis wir dann einen Tritt bekamen und wieder aufwachten.

Frage: Das klingt nach der Frage, der Sie in Ihrem Buch nachgehen. War früher also doch alles besser?

Antwort: Früher war mitnichten alles besser, das möchte ich vehement bestreiten – es war nur anders schlecht. Es erschien es uns bloß besser, wir haben uns leichter täuschen lassen. Im Nachhinein, auch das gehört zur menschlichen Natur, erinnern wir uns immer an die guten Sachen. Wir wissen, dass es in gewisser Weise ein Happy End gab, aber von der Gegenwart wissen wir das gerade nicht. Wir haben so viele Baustellen um uns herum, Klimakatastrophe, Kriegsherde, die Demokratie könnte zerbrechen – und in 20 Jahren werden wir wahrscheinlich wieder sagen: Ach, so schlimm war das ja gar nicht, eigentlich sogar ganz nett, und Trump war doch eigentlich ein richtig ehrlicher, toller Politiker, ich erinnere mich nur an nette Leute. Es ist schon komisch: Das Gehirn belügt einen gerade dann, wenn es um die eigene Freiheit geht.

Frage: Da fällt einem der sehr deutsche Spruch ein, dass früher ja nicht alles schlecht war. Was, würden Sie ganz persönlich sagen, war denn tatsächlich besser?

Antwort: Also, was wahrscheinlich besser war, war der Mangel. Natürlich kein wirklicher Mangel, wir hatten immer ausreichend – aber eben auch nie zu viel, egal von was. Alles war überschaubar: das Angebot im Supermarkt, die Zahl der Fernsehsender … das war in Mengen dosiert, die der menschliche Verstand noch greifen kann. Und ich glaube, das war am Ende etwas Gutes.

Frage: Klingt dennoch ein bisschen nach dem klassischen „Wir hatten ja nix“ …

Antwort: Nehmen wir das Fernsehen. Ich möchte nicht dahin zurück, dass ich nur zwei Sender habe. Aber jetzt, wo ich gefühlt 2000 habe, ist es auch nicht nur toller. Früher musstest du eine von zwei Sendungen gucken, die gerade kamen, du hattest gar keine andere Wahl. Oder das, was du dir aus der Videothek geholt hast, das wurde geschaut, auch wenn es kacke war, schließlich hast du dafür bezahlt. Und heute? Ich kenne das von mir: Von den zwei oder drei Stunden Zeit, die ich habe, verplempere ich eine Stunde, weil ich mich nicht richtig entscheiden kann, was ich gucken will. Weil immer der Gedanke da ist, dass etwas anderes besser sein könnte. Und aus demselben Grund überlegt man dann nach fünf Minuten schon, wieder auszumachen. Es ist dieses ständige Gefühl, einerseits überfordert zu sein und andererseits nicht das Optimale aus meinem Leben zu machen.

Frage: Aber war das denn früher wirklich anders?

Antwort: Wie ich es im Buch gesagt habe: Sich irgendwie durchzuwurschteln, war früher ein sinnvoller Lebensplan. Und das ist heute anders. Wir leben in einer Zeit der permanenten Überforderung. Egal, was um uns herum passiert, man hat immer das Gefühl, man müsste jetzt irgendetwas anderes tun; das Gefühl, dass die Welt mit Tausenden von Armen nach einem greift und an einem rüttelt und sagt, kümmer dich um mich, kümmer dich um mich. Und früher stand man oft einfach da und dachte: So, was mache ich denn jetzt bloß? So öde das damals erschien, so sehr muss ich sagen: Es war gar nicht schlecht, dass wir gezwungen wurden, manchmal Langeweile zu ertragen.

Frage: Die Boomer-Generation ist ja auch die Generation der Vielen – was im Erwachsenenalter dann auch bedeutete: Der Arbeitsmarkt war unsicherer und umkämpfter, man musste früh die Ellenbogen ausfahren. Wie haben Sie das empfunden?

Antwort: Meine Biografie kann ich nicht mit der von anderen vergleichen, die war schon seltsam, auf positive Art. Aber sagen wir es so: Bevor irgendwas aus mir wurde, war dieses Gefühl da, du musst dich irgendwie durchsetzen und du musst irgendwas können. Das Problem war nur, ich konnte nichts von dem, was damals erwartet wurde. Ich dachte also, aus mir wird sowieso nichts. Aber es war zugleich auch ein Arbeitsmarkt, auf dem man mit neuen Dingen punkten konnte. So ähnlich wie im neuen Jahrtausend, als die ganzen Internet-Start-ups boomten. Wenn man eine gute Idee hatte, ein bisschen clever war und sich nicht sofort selbst überschätzt hat, dann konnten wirklich viele Leute plötzlich auf kurzem Wege sehr erfolgreich sein.

Frage: So wie heute Influencer …

Antwort: Ja, noch. Aber diese Blase ist ja bereits am Platzen. Das hat ja ohnehin so was Trügerisches, dieser Gedanke: Junge, ich muss ja überhaupt nichts können! Ich muss nur eine Werbehure sein – was früher übrigens mal als eklig galt. Dann, als man merkte, dass Influencer nicht mehr so angesagt waren, nannte man sich Content Creator – auch so ein Begriff, bei dem ich immer fast schreien möchte. Mein ganzes Leben war ich dann ja Content Creator, ohne es zu wissen. Wie toll: Statt nur Scheiße zu labern, labert man dann eben mit Inhalt. Und wird mit Geld zugeworfen. Das ist ganz bitter.

Frage: Naja – wer alles mit Geld zugeschmissen wurde, war auch früher mitunter schwer zu verstehen …

Antwort: Ich sage es mal so: Was die Welt definitiv nicht mehr braucht, sind weitere Influencer. Wir brauchen keinen einzigen Menschen mehr, der Essen fotografiert und zeigt – wir brauchen jetzt Leute, die es kochen und backen, die Dinge herstellen und nicht bloß präsentieren. Wir haben ja ein echtes Problem: Es gibt kein Personal mehr, es gibt keine Menschen mehr, die irgendwas gelernt haben. Die neuen Helden der nächsten Zeit werden die Handwerker sein.

Frage: Der Untertitel Ihres Buchs lautet: „Ein Boomer blickt zurück nach vorn“ – aber der Blick nach vorn klingt eher düster …

Antwort: Ich bin ein geborener Optimist, eigentlich habe ich immer die Hoffnung, dass die Menschen am Ende doch zur Vernunft zurückkehren. Im Moment fällt mir das aber verdammt schwer. Zwar fand ich die früheren Zeiten nicht so supi, wie viele es heute tun, aber trotzdem bin ich im Nachhinein doch ganz froh, in einer Zeit aufgewachsen zu sein, in der man noch die Perspektive hatte, dass es besser werden kann. Das fehlt im Moment ein bisschen. Und wenn ich den Jüngeren aus der Perspektive des alten weißen dicken Mannes noch was sagen kann, dann: Wenn ihr nur virtuell in den Welten von anderen lebt, wird die Welt um euch herum kaputtgehen. Geht zurück ins reale Leben und versteht, dass ihr ein Teil davon seid.

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