Osnabrück  „Bergdoktor“ Hans Sigl: „Mit Kollegen aus Berlin, abgefuckt und blass, gehe ich erst mal wandern“

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 08.01.2026 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
„Um die zwanzigste Szene herum, wir sprechen von „Bild 20“, kommt die Erstanamnese“: „Bergdoktor“-Hauptdarsteller Hans Sigl. Foto: Picture Alliance/Süddeutsche Zeitung Photo
„Um die zwanzigste Szene herum, wir sprechen von „Bild 20“, kommt die Erstanamnese“: „Bergdoktor“-Hauptdarsteller Hans Sigl. Foto: Picture Alliance/Süddeutsche Zeitung Photo
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Am 8. Januar 2026 startet im ZDF die neue „Bergdoktor“-Staffel 19. Im Interview spricht Hauptdarsteller Hans Sigl über die ständigen Fragen nach einem möglichen Serien-Aus, seine Haltung zur Sterbehilfe und Bergwanderungen mit dauergestressten Berliner Schauspielkollegen.

Hans Sigl muss noch kurz Bach hören. Er derwischt über die Konzertbühne vor den noch dunklen Zuschauerrängen und gestikuliert zum Soundcheck seiner Organistin, die vom Orgelspieltisch am Bühnenrand aus die ersten Takte der berühmten d-moll-Toccata erdröhnen lässt. „Super!“ So kann’s bleiben, findet Sigl.

Drei Stunden noch, dann haben sie hier einen Auftritt zusammen. Ein Unterhaltungsabend mit Musik und Lesungen, wie Hans Sigl, 56, sie gerne in den „Bergdoktor“-freien Abschnitten des Jahres macht, an diesem Abend in Bielefeld. Als alle Vorbereitungen geschafft sind, nimmt Sigl den Reporter mit nach draußen vor die Halle. So kann er den Beginn des Interviews zur neuen „Bergdoktor“-Staffel, die ab diesem Donnerstag im ZDF läuft, gleich mit einer Raucherpause verbinden.

Frage: Herr Sigl, jedes Jahr vor Beginn einer neuen „Bergdoktor“-Staffel werden Sie gefragt, wann Sie eigentlich mit der Serie aufhören. Warum ist das wohl so? 

Antwort: Seit der zweiten Staffel geht das so, ja. Nur vor der ersten war es anders. Da haben mich immer alle gefragt: „Sie treten mit der Rolle in die Fußstapfen von Harald Krasnitzer und Gerhard Lippert, wie fühlt sich das an?“ Danach hieß es immer nur: Wie lange geht es denn noch? 

Frage: Wie kommt das?

Antwort: Ich weiß es auch nicht. Als wäre ich ein Fußballspieler – der Hans Sigl hat wieder zwei Jahre verlängert! Dabei habe ich immer gesagt: Irgendwann ist die Geschichte sicher auserzählt, aber wann das so sein wird, muss man halt sehen. Lustig, dass das so ein Thema ist. 

Frage: Wie alles begann, wird seltener besprochen. Also wie Sie überhaupt an die Rolle gekommen sind.

Antwort: Die ganze Wahrheit weiß ich selber nicht, die kennen nur die Eingeweihten. Ich habe nur 2007 einen Anruf von meiner Agentur gekriegt: „Wir haben eine Anfrage für eine Serie, aber wir sagen ab, weil wir dich da nicht sehen.“ Dann sage ich, was ist das für eine Serie? Ja, eine Arztserie, „Der Bergdoktor“. Und ich nur so: „Oh!“ Bei mir war es nämlich gerade so ein bisschen mau, und exakt eine Woche vorher war ich mit dem Auto durch eine Gegend in Tirol gefahren, wo sie den alten „Bergdoktor“ gedreht haben, und dachte noch: Sowas wäre schon cool. 

Frage: Gar kein Casting gegen ein paar hundert Kandidaten? Wer kann am charmantesten „Machen wir erstmal einen Ultraschall“ sagen?

Antwort: Die eigentliche Auswahl muss irgendwie vorher gelaufen sein, aber davon habe ich nichts mitbekommen. Ich habe nur später immer wieder von Kollegen gehört, dass sie vor mir auch angesprochen wurden. Vielleicht war ich der Letzte, den man gefragt hat. Es war auch alles ganz kurzfristig. Die Anfrage kam im April, Drehstart war im Juli. 

Frage: Welche Kollegen haben Ihnen erzählt, dass sie gefragt wurden? 

Antwort: Habe ich vergessen … nein, also, das waren schon tolle Leute, teilweise recht prominent. Aber das ganze Konzept war anfangs noch recht flach. Die Geschichten liefen ja so: Ein Junge hat ein Herzproblem, das haben wir in Minute sieben erfahren. In Minute 25 ist der Notfall, in Minute 30 wird operiert, und in Minute 42 sitzt er auf dem Baum und sagt, hurra, ich habe ein neues Herz. Das war alles sehr zusammengeschoben, ohne große Figurenentwicklung. Das hat sicher viele Kollegen abgeschreckt.

Antwort: Wir hatten am Anfang auch Schwierigkeiten, Schauspieler für Episodenrollen zu kriegen. Das änderte sich erst mit dem Welterfolg von „House of Cards“, danach waren TV-Serien plötzlich angesagt. Oliver Wnuk spielte dann mal bei uns für eine Episode einen kranken Tubisten und meinte zu mir: „Jetzt kann man es machen.“ Das fand ich einen geilen Satz. 

Frage: Mittlerweile dauern die Episoden nicht mehr 45, sondern 90 Minuten. Gibt es dafür auch so ein festes Story-Muster? Also in welcher Minute kommt der Patient zum ersten Mal bei Ihnen in die Praxis?

Antwort: In einer Serie muss der Zuschauer wissen, was ihn erwartet. Um die zwanzigste Szene herum, wir sprechen von „Bild 20“, kommt die Erstanamnese, ungefähr in Bild 30 die zweite und so weiter. Das ist klar gegliedert.

Antwort: Übrigens auch deshalb, weil das ZDF immer im Sommer Wiederholungen sendet, aber dann nur mit 45 Minuten Länge. Das heißt, unsere Geschichten haben ungefähr auf der Mitte immer noch einmal einen Wendepunkt: Was hat der Patient wirklich? „Alexander, haben wir etwas übersehen?“ An diesem Scharnier steigt die gekürzte Fassung immer wieder ein. Deshalb wiederholen wir in den späteren Szenen einer Folge auch immer Informationen, die in der Langfassung der Geschichte eigentlich schon erwähnt wurden: den vollständigen Namen der Patienten, ihren Beruf oder sowas. 

Frage: Auch wenn das Ganze ein Unterhaltungsformat ist, berühren Sie immer wieder medizinethische Debatten. Es gab schon Triage-Fälle, bei denen die Ärzte die Überlebenschancen zweier Patienten gegeneinander abwägen sollten, und sogar eine Sterbehilfe-Geschichte. Was kam Ihnen in den Sinn, als Sie vom Tod der Kessler-Zwillinge erfahren haben, die mit der Unterstützung einer Sterbehilfeorganisation ihren gemeinsamen Suizid geplant haben?

Antwort: Ich saß zwei Wochen vor ihrem Tod noch neben den beiden im Zirkus Roncalli. Da fragt man sich natürlich im Nachhinein: Was mag ihnen damals schon alles durch den Kopf gegangen sein? Dass sie sich für einen gemeinsamen Freitod entschieden haben, hat mir großen Respekt abgerungen. Ich bin bei dem ganzen Thema Sterbehilfe ein großer Befürworter.

Frage: Setzt das Ältere und Kranke nicht unter Druck, wenn man sagt: Ihr könntet euch ja auch entscheiden, zu sterben?

Antwort: Das Thema ist so groß, dass wir das hier jetzt nicht mal so eben erschöpfend diskutieren können. Natürlich müsste man sehr genau über die Richtlinien nachdenken und darüber, wer wie damit umgehen sollte. Aber unter klaren gesetzlichen Vorgaben wäre ich dafür, Sterbehilfe zu legalisieren.

Antwort: Wenn ich selbst auf eine Lebenssituation zusteuere, die ich nicht haben möchte, dann will ich auch persönlich diesen Weg gehen können. Dazu muss er legal sein. Ich will meiner Umwelt nicht zumuten, dass da seltsame Schritte gegangen werden müssen, mit irgendwelchen Umwegen über die Schweiz oder sowas.

Frage: Haben Sie eine Patientenverfügung? 

Antwort: Ja klar. Ich bin auch Organspender. Bei uns Österreichern ist es ja so geregelt, dass erst mal jeder Organspender ist. Es sei denn, man ist geizig und will auch nach seinem Tod nichts von sich hergeben, dann muss man diesen Widerspruch anmelden. Würde mir aber nicht einfallen. 

Frage: Haben Sie überhaupt keine medizinischen Phobien? Wenigstens Angst vorm Zahnarzt oder so?

Antwort: Nö, da schlafe ich immer ein. Ich bin da schmerzfrei. Mein Zahnarzt hat mir einmal morgens um sieben zwei Zähne implantiert und um neun habe ich gedreht. Ich gehe auch immer brav zu allen Vorsorgeuntersuchungen bei meinem Hausarzt. Das ist ein echter Bergdoktor, der hat so eine kleine Praxis in den Bergen. Wenn ich reinkomme, sagt er „Hallo Hans“. Alles schön beschaulich bei uns auf dem Land.

Frage: Würden Sie sagen, man kann nur auf dem Land glücklich und zufrieden leben?

Antwort: Ich liebe große Städte. Meine Frau und ich machen gerne Städtereisen und genießen die kulturellen Möglichkeiten dort. Wir wohnen am Ammersee, da ist München ja auch nicht weit. Aber ich persönlich merke immer spätestens nach einer Woche, dass ich mich wieder nach der Stille sehne, nach den Bäumen, nach meinen Vögeln. Ich sehe es ja bei den Kollegen, die für eine Episode als Gäste zu uns kommen: Die Schauspieler kommen alle aus Berlin. Teilweise mega abgefuckt, gestresst, blass, Ränder unter den Augen. Die sagen nur: „Ich bin durch, ich bin durch!“ Ich sage dann, okay, wenn wir mal einen Tag freihaben, gehen wir erst mal zusammen auf den Berg, wandern.

Frage: Klingt fast nach Kur.

Antwort: Man muss sich halt darauf einlassen. Die älteren Kollegen tun das. Oliver Mommsen kam mit einem Auto voller Sportgeräte hier an, der hat es auch richtig genossen. Aber die Jüngeren wollen, wenn sie frei haben, immer sofort wieder nach Hause. Ich frage sie dann: Was verpasst ihr denn in Berlin? „Ja, ich muss Freunde treffen, ich muss auf Partys gehen.“ Mensch, geht doch mal zur Gruttenhütte rauf, setzt euch einen halben Tag lang auf einen Stein und schaut euch die Welt an! Ich bin 56 und denke mir immer nur: Das ist mir alles zu… also, ich muss das nicht mehr.

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